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Neuwahlen = Neustart in den Ruin?
Japan in der Abwärtsfalle
von Bettina Seidl
Eigentlich gibt es für Japan kein Entrinnen. Nippon steckt in der Schuldenfalle, die Rezession droht. Die Aussichten sind düster. Das Land vergreist. Auch mit neuer Regierung kann Japan kaum der Abwärtsspirale entrinnen. Es sei denn durch: Inflation oder gar Hyperinflation.
Eingeklemmt zwischen Schuldenberg und Rezession: Kann Japan der Abwärtsspirale entkommen?
Die Weichen für den Neuanfang sind gestellt. Japans Parlament hat den Weg freigemacht für vorgezogene Neuwahlen. Das Unterhaus wurde heute aufgelöst. Die Wahl ist für den 16. Dezember angesetzt und damit rund ein halbes Jahr vor dem regulären Termin. Der Wahltag dürfte ein schwarzer Tag für Ministerpräsident Yoshihiko Noda und seine Regierungspartei DPJ werden. Das Ende der dreijährigen, von Führungskrisen und häufigen Kabinettsumbildungen geprägten Regierungszeit gilt als sicher.
Es sieht ganz danach aus, dass der Oppositionsführer und frühere Ministerpräsident Shinzo Abe zurückkehrt an die Machthebel. Seine Partei, die LDP, hat Japan die meiste Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg regiert. Abe wird aber keine absolute Mehrheit erzielen und muss sich auf die Bildung einer Koalition einstellen.
Gefangen zwischen Schulden und Rezession
Abe übernimmt das Ruder in einer wirtschaftlich schwierigen Phase. Japan ist auf dem Weg in die Rezession. Im dritten Quartal sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bereits zum Vorquartal um 0,9 Prozent. Das entspricht einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von minus 3,5 Prozent. Es ist der schärfste Einbruch seit der Tsunami-Katastrophe vom März 2011. Und die Wirtschaft schrumpft weiter. Für das vierte Quartal liegen die Prognosen der Volkswirte im Schnitt zwar nur noch bei 0,1 Prozent Rückgang der Wirtschaftsleistung. Doch zwei Quartale in Folge im Rückwärtsgang: das ist de facto die Definition für eine Rezession. Japans Wirtschaftsminister Seiji Maehara warnte schon nach einem Quartal von dem Rückfall in die Rezession.
Angesichts der wirtschaftlichen Schrumpfungstendenzen erscheint der aufgehäufte Schuldenberg umso höher. Die japanische Staatsverschuldung beträgt jetzt schon mehr als das Doppelte der jährlichen Wirtschaftsleistung. Damit steht das Land weit schlimmer da als die Euro-Krisenländer Griechenland, Portugal oder Spanien. Die griechischen Staatsschulden betragen das anderthalbfache des heimischen BIP. Die USA kommen mit ihren 16 Billionen Dollar Schulden in etwa auf ihr Jahreseinkommen. Es wird schon schwer genug bis unmöglich, diese Verschuldung von 102 Prozent abzutragen. Wie sieht es dann erst aus bei 200 Prozent?
Abe will die Geldschleusen weit öffnen
Premier-Anwärter Abe hat sein Rezept aus der Misere bereits verkündet: Er haut mehr Geld raus, um die Wirtschaft anzukurbeln. Zudem will er die Geldpolitik noch aggressiver lockern lassen. Geht das überhaupt, wenn die Zinsen ohnehin bei nahe Null liegen? Ja. Mit Negativzinsen. Und genau dafür hat sich Abe ausgesprochen. Zwar wird auf der Notenbanksitzung an diesem Montag noch nicht mit einer weiteren Lockerung gerechnet, nachdem die Bank von Japan dies zuvor zweimal innerhalb kurzer Zeit getan hat. Aber sie wird sich auch nicht mehr lange Zeit damit lassen.
De facto bedeutet das: Inflation. Das wäre das ein Segen, in mehrfacher Hinsicht: "Inflation hilft mit, die Schulden abzubauen", sagt Japan-Expertin Hannah Cunliffe im Interview mit boerse.ARD.de. "Außerdem wäre Inflation sehr gut für die Börse", so die Fondsmanagerin von Union Investment. "Steigende Kurse kämen wiederum den Finanzinstituten zugute, die riesige Positionen am Aktienmarkt halten. Mit steigenden Kursen wären sie dann nicht mehr gezwungen, Aktien, also Risikopositionen abzubauen. Das würde den Kreislauf nach unten beenden."
Gefahr einer Hyperinflation?
Mancher Experte ist da deutlich pessimistischer. "Japan droht die Hyperinflation", sagt etwa Vermögensverwalter Guido Lingnau. Das dürfte schon in den nächsten fünf Jahren der Fall sein. Die zunehmende Vergreisung des Landes werde die Wirtschaft zu Fall bringen. "Um einen Staatsbankrott zu vermeiden, wird die Notenbank Geld drucken und damit die Inflation in die Höhe treiben", sagt der Vermögensverwalter der Guliver Finanzberatung.
Die Expertin der Union Investment hält das für abwegig. "Eine Hyperinflation halte ich nicht für denkbar. Woher soll die kommen?", so Cunliffe.
Stand: 16.11.2012, 15:47 Uhr