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Frankreich

Ausblick 2016 Frankreich

Wirtschaftsaufschwung trotz Terror

Ist Frankreich das neue Deutschland?

von Notker Blechner

Stand: 23.12.2015, 11:50 Uhr

Trotz Terrorangst hat sich die Stimmung der französischen Unternehmen im Dezember aufgehellt. Manche Experten sehen Frankreich vor der Renaissance. Der Cac 40 könnte 2016 zum Europameister an den Börsen werden. Wirrklisch?

Für französische Aktien war 2015 ein tolles Jahr. Der Leitindex Cac 40 sauste um 15 Prozent nach oben - und hängte erstmals seit 2002 wieder den Dax ab. Der deutsche Leitindex stieg bis Weihnachten nur um gut acht Prozent.

CAC 40: Kursverlauf am Börsenplatz BNP Paribas für den Zeitraum Intraday
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Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Dabei erlebte die Republik eines der schlimmsten Jahre ihrer Geschichte. Erst erschütterte im Januar der Anschlag auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion und einen jüdischen Supermarkt das Land, dann raste im Sommer ein Islamist in eine Chemieanlage in der Nähe von Lyon und köpfte einen Unternehmer. Am 13. November schließlich erreichte die Terrorwelle ihren traurigen Höhepunkt: Bei zeitgleichen Anschlägen in Restaurants und einer Konzerthalle wurden 130 Menschen getötet. Präsident François Hollande sprach von einem Krieg gegen Frankreich.

Anschläge bremsen das Wachstum kaum

Die französische Wirtschaft hat die Terroranschläge ohne große Blessuren weggesteckt. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) voraussichtlich um 1,1 Prozent wachsen. Im dritten Quartal betrug das Plus 0,3 Prozent. Die Pariser Anschläge werden sich nur kurzzeitig auf das Wachstum auswirken. Für das vierte Quartal rechnet das nationale Statistikamt INSEE nur noch mit einem Zuwachs von 0,2 Prozent. Bisher waren 0,4 Prozent versanschlagt worden. Die Angriffe wurden das Wachstum um 0,1 Prozentpunkte dämpfen. Negativ betroffen sind die Hotels, die Gastronomie und die Tourismusfirmen.

Im kommenden Jahr soll die Wirtschaft wieder an Fahrt aufnehmen. INSEE prophezeit einen BIP-Anstieg um jeweils 0,4 Prozent in den ersten beiden Quartalen 2016. Die Pariser Regierung stellt für das nächste Jahr ein Wachstum von 1,5 Prozent in Aussicht.

Comeback der Autobauer und Banken

Für die großen französischen Unternehmen läuft es wieder rund. Die Autobauer haben sich von der Absatzkrise erholt und fahren wieder auf der Überholspur. Die Aktien von Peugeot rasten um fast 60 Prozent nach vorn, die Titel von Renault gewannen über 50 Prozent. Auch den französischen Banken geht es wieder gut. Die Société Générale und die BNP Paribas scheffelten im abgelaufenen Milliardengewinne. Die Aktien der beiden schnitten besser ab als der europäische Finanzindex. Einzig die Titel von Air France und Versorger EDF hinkten hinterher.

Die Schweizer Bank Julius Bär sieht Frankreich gar schon als das "neue Deutschland". Vieles erinnere momentan an die Zeit unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Damals hätten Anleger Deutschland als den "kranken Mann Europas" gesehen. Doch Reformen wie die Agenda 2010 machten die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähiger und flexibilisierten den rigiden Arbeitsmarkt.

Neuer Schub durch Reformen und Anti-Terror-Maßnahmen

Die nun von Premierminister Manuel Valls eingeläuteten Reformen könnten ähnliche positive Folgen für die französische Wirtschaft haben, glaubt Gattiker. Hinzu komme der "Anti-Terror-Effekt". Die Regierung hat hohe Investitionen in Sicherheit und Infrastruktur angekündigt. Diese fallen nicht unter das Maastricht-Kriterium. Mit den Terroranschlägen von Paris sei das Ende der Austeritätspolitik eingeläutet worden, meint Gattiker. Und davon profitiere die "Grande Nation".

Julius Bär sieht daher für französische Aktien großes Potenzial. Innerhalb Europas böten französische und Schweizer Titel die besten Chancen. Auch Jens Klatt, Marktanalyst von FXCM, hält eine Outperformance des Cac 40 im kommenden Jahr für "realistisch".

IWF und einigen Experten gehen Reformen nicht weit genug

Andere Experten sind da skeptischer. "Im Vergleich zu Deutschland reformiert Frankreich bislang in homöopathischen Dosen", kritisiert Stefan Schneider, Volkswirt der Deutschen Bank. Dort passiere auch gemessen an anderen Staaten der Euro-Zone am wenigsten. Auch Christoph Weil von der Commerzbank spricht nur von "Mini-Reformen".

Der IWF mahnte kürzlich Frankreich zu mehr Tempo bei Reformvorhaben. Das Land sei zwar auf dem richtigen Weg, meinte IWF-Präsidentin Christine Lagarde, selbst Französin und ehemalige Wirtschafts- und Finanzministerin unter Präsident Nicolas Sarkozy. Allerdings müssten die Reformen beherzt und schnell umgesetzt werden. Die Ratingagentur Moody's stufte Mitte September Frankreich um eine Stufe auf die dritthöchste Bonitätsnote Aa2 ab. Moody's bemängelte die Wettbewerbsfähigkeit der französischen Wirtschaft.

Die Valls-Regierung will mit einem Gesetz das Arbeitsrecht vereinfachen und mittelständische Unternehmen unterstützen. Unternehmen mit bis zu 300 Mitarbeitern sollen für Neueinstellungen Subventionen erhalten. Zudem wurde ein umstrittenes Wirtschaftsreformgesetz verabschiedet, das eine Ausweitung der Ladenöffnungszeiten an Sonntagen, mehr Wettbewerb bei geschützten Berufen und eine Liberalisierung des Busverkehrs vorsieht.

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