Dunkle Wolken über dem Zentrum von Rom

Mailänder Börse unter Druck In Italien braut sich was zusammen

Stand: 30.05.2017, 10:55 Uhr

Politik und kein Ende. Nach den Niederlanden und Frankreich rückt Italien nun in den Blick der Märkte. Wieder mal geht es um den Zusammenhalt Europas. Ein Thema, bei dem die Börse bekanntlich hochsensibel reagiert.

Denn an einem normalerweise ruhigen Handelstag wie gestern (in den USA und Großbritannien waren die Börsen geschlossen), hat der Mailänder MIB 30, der italienische Leitindex, mit minus 2,01 Prozent deutlich schwächer geschlossen. Auch aktuell steht der Index gut ein dreiviertel Prozent im Minus. Vor allem Bankaktien kommen dabei überproportional unter Druck. Auch die Renditen italienischer Staatsanleihen zogen an, im Gegenzug sank die Rendite deutscher Bundesanleihen.

Ein (Krisen)-Szenario, das dem Betrachter vertraut vorkommt - und auch die gleiche Ursache hat. Die Politik hat die Märkte mal wieder fest im Griff. Kaum ist das Trump-G7-Desaster auf Sizilen zu Ende, rückt Italien in den besorgten Blick der Anleger.

Neuwahlen im Herbst und was dann?

Gerüchte um bevorstehende Neuwahlen gibt es in Italien schon länger, jetzt hat der ehemalige Ministerpräsident Matteo Renzi der Diskussion aber eine neue Dynamik verliehen. Renzi sagte in einem Interview am Wochenende, es mache Sinn, die Wahlen in Italien zur selben Zeit wie die Bundestagswahlen in Deutschland durchzuführen. Diese finden am 24. September statt. Regulär muss erst bis spätestens Ende Mai 2018 gewählt werden.

Das Neuwahlszenario könnte sich konkretisieren, denn eine Änderung des Wahlrechts zeichnet sich immer deutlicher ab. Im Zuge dieser Änderung, einer Angleichung an das deutsche Verhältniswahlrecht inklusive Fünf-Prozent-Hürde, könnten die Neuwahlen von Staatspräsident Sergio Mattarella durchgewunken werden. Nur er kann das Parlament auflösen, zuvor müsste aber noch ein Haushalt verabschiedet werden.

Euroskeptiker liegen vorne

 Matteo Renzi

Matteo Renzi. | Quelle: picture-alliance/dpa

Ob aber auch mit einem neuen Wahlsystem eine tragfähige Mehrheit zustande kommt, muss bezweifelt werden. "Es bleibt abzuwarten, wie die Chancen für eine stabile parlamentarische Mehrheit stehen", sagte ein Börsianer. Lorenzo Codogno, Gründer der Beratungsfirma LC Macro Advisers, äußerte sich skeptisch. "Ein Patt ist das wahrscheinlichste Ergebnis." Aktuell lieget die euroskeptische Protestbewegung "Fünf Sterne" knapp vor der regierenden sozialdemokratischen Partei (PD) von Matteo Renzi und dem aktuellen Ministerpräsidenten Paolo Gentiloni.

Chancen auf einen Einzug ins Parlament haben noch die rechtspopulistische Lega Nord und Silvio Berlusconis Forza Italia, ebenfalls eine populistische Bewegung. Sowohl "Fünf Sterne" als auch die Lega Nord lehnen vor allem den Euro ab und wollen über die Wiedereinführung der Lira abstimmen lassen.

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Apropos Devisenmarkt. Die Lage im Land hat nach Meinung von Experten auch das Zeug dazu, den Euro zu gefährden. "Die politischen Risiken im Euroraum sind nicht tot", betonte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. Die Situation in Italien werde die Risikostimmung mit Blick auf den Euro in den kommenden Monaten beeinflussen.

Banken im Blick

Kein Wunder also, dass die Anleger bei dieser politischen Konstellation besorgt sind. Vor allem Bankaktien bekommen das zu spüren, zumal die Finanzkrise gerade in italienischen Bankbilanzen noch immer präsent ist.

Beispiel gefällig? Die italienischen Krisenbanken Popolare di Vicenza und Veneto Banca wollen sich noch einmal an den Rettungsfonds Atlante der Finanzwirtschaft wenden, um dort Hilfe bei der Deckung ihrer neuen Kapitallücke zu bekommen. Insgesamt müssen 6,4 Milliarden Euro aufgebracht werden. Atlante hatte bereits im Vorjahr die beiden Institute gerettet, die sich nicht mehr selbstständig am Markt refinanzieren konnten.

Damals brachte der Fonds 3,4 Milliarden Euro auf und besitzt seitdem mehr als 97 Prozent der Anteile beider Banken. Verluste machen beide trotzdem weiter - und die italienische Finanzwirtschaft scheint wenig geneigt, weiteres Geld in den Fonds zu pumpen, zumal die restlichen Mittel von 1,7 Milliarden Euro für die kriselnde Bank Monte dei Paschi di Siena und andere Institute vorgesehen sind.

Im zersplitterten italienischen Bankensystem gilt einzig die ebenfalls aus einer Fusion entstandene Großbank Intesa Sanpaolo als solide. UniCredit, die zweite große Bank Italiens, zu der auch die deutsche HypoVereinsbank gehört, befindet sich derzeit im Umbau. Eine neue Bankenkrise im Gefolge neuer antieuropäischer politischer Weichenstellungen wäre aber wohl das letzte, das Italien und Europa derzeit brauchen.

rm

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Italiens Banken im Fokus Ein Wechselbad der Gefühle

Italienische Polizei vor einer Filiale der Monte dei Paschi-Bank

Monte dei Paschi

Die Bank droht unter einer Flut fauler Kredite zu ersticken, in der Bilanz gilt jeder dritte Kredit in irgendeiner Form als problembehaftet. Insgesamt 47 Milliarden Euro gelten als notleidend, das sind rund 13 Prozent des italienischen Gesamtbestandes. Die Kapitalerhöhung zur Rettung scheiterte, weshalb der Staat mit seinem Banken-Rettungsfonds Atlante einspringen soll. Gleichzeitig laufen intensive Gespräche mit EU-Aufsehern über die Modalitäten. Es geht um eine Eigenkapitallücke von 8,8 Milliarden Euro. Offensichtlich stehen die Verhandlungen zur Rettung der Bank kurz vor dem Ende. Erwartet wird, dass die italienische Regierung rund 6,6 Milliarden Euro in die Bank pumpt und dafür rund 70 Prozent der Anteile erhält.

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