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Schweiz

Die Schweizer Landesfahne weht am Großen Aletschgletscher

Ein Jahr SNB-Entscheid

"Franken-Schock" hat seinen Schrecken verloren

von Notker Blechner

Stand: 15.01.2016, 16:42 Uhr

Vor einem Jahr haben die Schweizer ihre Währung zum Euro entkoppelt und ein Beben an den Finanzmärkten ausgelöst. Bis heute ist der "Franken-Schock" zu spüren. Die befürchtete Rezession blieb aber aus. Der Franken hat sogar etwas abgewertet.

An den 15. Januar 2015 erinnern sich viele Schweizer und Anleger, die ihr Geld in Franken gesteckt hatten, mit Grauen. Als die Schweizer Nationalbank (SNB) den Mindestkurs von 1,20 Franken zum Euro aufhob, wertete der Franken dramatisch auf. Zeitweise gab es für einen Euro nur noch 0,85 Franken. Der Schweizer Aktienmarkt erlebte den größten Kurssturz in den letzten 25 Jahren.

Der Aufschrei war groß. Swatch-Chef Nick Hayek sprach von einem "Tsunami für die Exportwirtschaft, den Tourismus und das ganze Land". Er warf der SNB schlechte Kommunikation vor.

An der Rezession vorbeigeschrammt

Doch der befürchtete Tsunami ist vorerst ausgeblieben. Die Schweiz ist knapp der Rezession entkommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte zwar im ersten Quartal, erholte sich dann aber wieder im zweiten Quartal. Im dritten Quartal stagnierte es. 2015 dürfte voraussichtlich die Wirtschaft um 0,8 Prozent wachsen. Für 2016 wird ein Plus von 1,5 Prozent erwartet.

Lediglich einzelne Branchen wurden vom "Franken-Schock" hart getroffen. Die Maschinen- und Schmuckindustrie erlitt einen Exportrückgang von rund fünf Prozent. Die Uhrenbranche exportierte bis November vier Prozent weniger.

Deutschen wird die Schweiz zu teuer

Auch der Schweizer Tourismus musste Einbußen verkraften. Von Januar bis November kamen 13 Prozent weniger Besucher aus der EU in die Alpenrepublik. Besonders die Deutschen und Niederländer machten einen Bogen um die Schweiz. Die Zahl der deutschen Touristen sank im Sommer um 15 Prozent. Einen Großteil der Rückgänge in der EU konnte der Schweiz-Tourismus mit asiatischen Gästen kompensieren. Bei Chinesen und Indern ist die Lust auf einen kurzen Schweiz-Trip ungebrochen groß.

Der "Franken-Schock" hat sich als "Schöckli" erwiesen. In den letzten Monaten wertete die Währung wieder ab. Aktuell kostet ein Euro 1,0950 Franken. Das zeige, dass sich die Lage beruhigt habe, meint Devisenexperte Joachim Corbach vom Schweizer Vermögensverwalter GAM. "Die SNB scheint die Kontrolle über den Franken zurückerlangt zu haben."

Wertet Franken weiter ab?

Nach Einschätzung von Martin Neff, Chefökonom der Schweizer Raiffeisen-Bankgruppe, hat der Franken seine Rolle als Fluchtwährung weitgehend eingebüßt. "Seit Sommer letzten Jahres haben wir bei keinem Schock an den Märkten eine Franken-Aufwertung erlebt." Die Experten rechnen bis Jahresende mit einer Abwertung auf 1,14 Franken je Euro.

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ARD-Börse: Nachgefragt - was ist aus dem Schweizer Franken geworden?

Die SNB erwartet für 2016 einen stabilen Frankenkurs. "Wir gehen davon aus, dass der Franken auf dem Niveau bleibt und sich respektive noch leicht abschwächt", erklärte SNB-Chef Thomas Jordan in einem Radiointerview mit dem Schweizer Rundfunk (SRF). Aus Sicht der SNB sei der Franken immer noch überbewertet. Die Gefahr einer neuerlichen Aufwertung hält Jordan jedoch noch nicht gänzlich gebannt.

Risiko von "Franken-Schock 2.0" nicht negieren!

Sollte sich das wirtschaftliche und geopolitische Umfeld plötzlich verändern, drohe tatsächlich ein "Franken-Schock 2.0", warnt Joe Corbach, Währungsexperte bei der GAM. Der Preisverfall an den Rohstoffmärkten und die Wachstumsschwäche in den Schwellenländern zeige, dass ein solches Szenario nicht ganz außer Acht gelassen werden dürfe. Zudem berge das fragile Umfeld in der Eurozone erhebliche Risiken. Eine Verlangsamung des Wachstums im Euroraum und in den USA wäre für die EZB ein Anlass, weitere geldpolitische Lockerungs-Maßnahmen zu prüfen und anzuwenden. "Dies würde unweigerlich zu einem Aufwertungsdruck auf den Schweizer Franken führen."

Notfalls würde dann die SNB erneut intervenieren. Seit der Aufgabe des Mindestkurses haben sich die Währungshüter mit Negativzinsen und mit Stützungskäufen gegen eine Aufwertung des Franken gestemmt. Nach Ansicht von Experten musste die SNB zuletzt aber kaum noch eingreifen.

Starker Binnenkonsum treibt das Wirtschaftswachstum

Auch der Wirtschaftsaufschwung steht auf wackligen Füßen. 2015 war das BIP-Wachstum vor allem vom starken Binnenkonsum getragen. Gerade Zuwanderer seien ein Treiber, heißt es beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Eine Kontingentierung der Zuwanderung könnte hier der Wirtschaft schaden.

Der Einzelhandel leidet bereits unter dem Einkaufstourismus der Schweizer, die deutlich billiger Güter in Deutschland, Frankreich und Italien bekommen. Ein weiteres Problem ist die grassierende Deflation. "Die Entscheidung der SNB hat diesen Trend nochmals verstärkt", sagt Mario Eisenegger, Anleihenexperte bei M&G Investments.

Die Schweizer Wirtschaft habe sich bislang recht widerstandsfähig gezeigt, meint Eisenegger. Trotzdem seien die Auswirkungen der Franken-Freigabe an vielen Stellen zu spüren. "Eine Exportnation kann eine massive Aufwertung der eigenen Währung nicht so ohne weiteres wegstecken."

Börse hat Franken-Aufwertung gut weggesteckt

Am Schweizer Aktienmarkt ist der "Franken-Schock" 2015 weitgehend abgeperlt. Der Leitindex SMI gab nur leicht nach. Die meisten Mitglieder des SMI sind Schweizer Konzerne, die ihren Großteil der Erlöse außerhalb der Schweiz erwirtschaften. Einige Firmen wie Nestlé oder Roche sind stark in den USA präsent. Wer an einen höheren US-Dollar glaubt, sollte in SMI-Aktien investieren, meint Christian Gattiker, Anlagechefstratege von Julius Bär.

Roche Gs.: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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