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Interview mit Matt Siddle von Fidelity

"Langfristige Perspektiven für Europa attraktiv"

Der alte Kontinent hat doch noch Fans. Fondsmanager Matt Siddle von Fidelity setzt mit seinem European Growth Fund auf europäische Aktien. boerse.ARD.de hat genauer nachgefragt, was ihm an Europa so gut gefällt - und was nicht.

Matt Siddle managt den European Growth Fund von Fidelity

boerse.ARD.de: Warum sollte ein Investor in den auf europäische Aktien spezialisierten Fidelity European Growth Fund investieren und nicht in einen Fonds anderer Wachstumsregionen wie beispielsweise Asien?

Matt Siddle: Man darf Europas Gesamtwirtschaft und seine einzelnen Unternehmen nicht gleichsetzen. Es gibt auf diesem Kontinent exzellente Geschäftsmodelle.

Zudem stellt man bei genauerem Hinsehen fest, dass viele Unternehmen einen Großteil ihrer Umsätze und Erträge zunehmend in den genannten Wachstumsregionen erzielen. Sie sind also mitnichten nur von den Ereignissen in Europa allein getrieben, sondern bilden durchaus die Trends der globalen Wirtschaftsentwicklung ab.

boerse.ARD.de: Können Sie ein Beispiel nennen?

Siddle: Zum Beispiel der Autobauer BMW. Dessen Produkte werden weltweit bis nach China nachgefragt, und diese Nachfrage macht einen erheblichen Teil des Ergebnisses von BMW aus.

boerse.ARD.de: Welche Kriterien sind für Sie noch wichtig beim Blick auf Europa?

Siddle: Europäische Aktien sind analytisch billig. Zum Beispiel liegt das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) unter dem Mittelwert von 25 Jahren. Bei der Betrachtung des Preis-Buch-Wertes sowie dem langfristigen Blick über ganze ökonomische Zyklen komme ich zu dem gleichen Schluss. Auch im regionalen Vergleich ist Europa günstig. Der Bewertungsabstand zwischen dem US-Markt und Europa war seit dem Ende der Tech-Blase zum Jahrtausendwechsel nicht mehr so groß.

Während die langfristigen Perspektiven für Europa zweifellos attraktiv sind, muss man aber kurzfristig auf zwei wichtige Wahlen in diesem Jahr blicken: die in Italien und in Deutschland. Ein Vormarsch von Silvio Berlusconi in Italien könnte kurzfristig zu Rückschlägen führen.

boerse.ARD.de: Sie legen Wert auf Qualitätsaktien mit langfristiger Perspektive. Was steckt genau dahinter, wie definieren Sie "Qualität"?

Siddle: Für mich spezifisch bedeutet Qualität zweierlei. Einerseits muss ein Unternehmen auf seine Investitionen einen angemessenen Ertrag erzielen. Anderseits müssen diese Erträge von langfristiger Natur sein.

Ein Versorger beispielsweise müsste sehr viel Geld in die Hand nehmen, um ein neues Kraftwerk zu bauen - Geld, das an anderer Stelle unter Umständen fehlt. Ein Softwareunternehmen mit eingeführter Marktposition hingegen muss "nur" in seinen Produktentwicklung und den Vertrieb investieren, es bleiben trotzdem genügend liquide Mittel auf der Bilanz stehen.

boerse.ARD.de: Dabei scheint es aber kein deutsches Unternehmen zu geben, das diese Kriterien erfüllt. Denn in Ihren Top-Picks gibt es keines aus Deutschland. Warum ist das so?

Siddle: Es gibt hervorragende Unternehmen in Deutschland wie BMW oder aber auch SAP. Diese Aktien sind aber schon sehr gut gelaufen, so dass ich die Positionen reduziert habe, um andere - noch günstiger bewertete - Chancen stärker nutzen zu können. Um beim Beispiel SAP zu bleiben: Die Aktie war noch im vierten Quartal 2011 wegen der Sorgen um den wirtschaftlichen Zyklus sehr billig und ist danach sehr stark gestiegen.

Zu den Kerninvestments gehören aktuell multinationale Konzerne aus Frankreich, Großbritannien oder der Schweiz.

boerse.ARD.de: Welche Projektionen haben Sie für die Aktienmärkte 2013?

Siddle: Ich habe keine expliziten Erwartungen für ganze Indizes, sondern betrachte jeden Wert einzeln. Meine Strategie dabei ist, auf Qualitätsunternehmen zu setzen statt kurzfristigen Trends hinterher zu jagen. Bei liquiditätsgetriebenen Rallyes - wie wir sie jetzt gerade erleben - legt mein Portfolio kurzfristig nicht ganz so viel zu, weil die Qualitätswerte eben vorher auch nicht so stark unter Druck geraten sind. Langfristig erzielt dieser Ansatz aber höhere, konstantere Erträge.

Das Gespräch führte Robert Minde

Stand: 06.02.2013, 15:50 Uhr