Seitenueberschrift

Sicht von unten auf den Eiffelturm vor sonnigem Himmel

Vor den Frankreich-Wahlen

Die erstaunliche Gelassenheit der Märkte

von Lothar Gries

Stand: 21.04.2017, 13:30 Uhr

Erstmals ist das Rennen bei der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen an diesem Sonntag völlig offen. Auch ein Sieg der beiden Extremkandidaten Le Pen und Mélenchon erscheint möglich. Trotzdem bleiben die Anleger gelassen. Wie ist das möglich?

Dass sowohl die Rechtsradikale Marine le Pen als auch der Linksaußen Jean-Luc Mélenchon aus dem Euro und der EU austreten wollen und Deutschland die Hauptschuld für die Schieflage der Währungsunion geben, lässt die Märkte bis heute praktisch kalt.

Am Vormittag haben sich die Anleger sogar mit französischen Staatsanleihen eingedeckt. Die Rendite der zehnjährigen Titel ist sogar auf 0,805 gefallen, das ist der tiefste Stand seit drei Monaten. Der Risikoaufschlag der papiere im Vergleich zu den zehnjährigen Bundesanleihen hat sich damit auf 56 Basispunkte eingeeingt.

Auch der CAC 40 lässt sich nicht erschüttern

Auch an den Aktienbörsen herrscht Ruhe. Der Dax pendelt seit Tagen um die Schwelle von 12.000 Punkten. Von Ängsten vor einem möglichen Ende der Wahrungsunion, sollten die Extremkandidaten in Frankreich als Sieger aus der ersten Wahlrunde hervorgehen, keine Spur.

Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
12.240,06
Differenz relativ
-1,66%
CAC 40: Kursverlauf am Börsenplatz BNP Paribas für den Zeitraum Intraday
Kurs
5.140,84
Differenz relativ
-1,16%
Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,1674
Differenz relativ
+0,04%

Selbst der Leitindex der französischen Börse CAC 40 hält sich wacker. Auch hier sorgen eher die Terrorängste für Kursbewegungen als die bevorstehenden Wahlen. Zwar notiert notiert der CAC am Vormittag knapp ein Prozent schwächer, nach dem Anschlag auf Polizisten in Paris gestern abend. Allerdings hatte der französische Leitindex am gestrigen Donnerstag noch so stark zugelegt wie kein anderer großer europäischer Aktienindex. Und auch der Euro zeigt sich weiter von seiner starken Seite, notiert oberhalb der Marke von 1,07 Dollar.

Ruhe vor dem Sturm?

Ist das die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm? Gut möglich. Offenbar setzen die meisten Marktexperten und Vermögensberater, allen anders lautenden Umfragen zum Trotz, auf einen Sieg der Vernunft. Dabei liegen die vier aussichtsreichsten Kandidaten so eng beieinander wie nie zuvor, so dass selbst geübte Beobachter nichts mehr ausschließen wollen.

Dabei wäre ein Sieg der beiden Extremkandidaten am Sonntag für die zweite entscheidende Wahlrunde am 7. Mai eine Wahl zwischen Pest und Cholera. Diplomatischer, aber nicht minder klar, sagt es LBBW-Volkswirt Uwe Burkert: "Die Wähler in Frankreich hätten dann nur noch die Wahl zwischen zwei Übeln". Beide Kandidaten stehen für einen Anti-EU-Kurs. Le Pen hat mehrfach betont, sie wolle Frankreich aus der Euro-Zone herauslösen. Die Märkte würden ein solches Ergebnis am Sonntag mit Verkäufen von französische Staatsanleihen, dem Euro und Risikopapieren aller Art quittieren, glaubt Burkert.

Anleger kann nichts mehr erschüttern

Gut möglich ist aber auch, dass die Anleger nach dem unerwarteten Ausgang des Referendums über den Brexit und der Wahl von Donald Trump nichts mehr erschüttern kann - und am Montag nach einem anfänglichen Schock schnell eine Erleichterungsrally einsetzt. Vielleicht ist die Ruhe der Finanzmärkte aber auch nur die Hoffnung, dass die Franzosen ihr Kreuzchen doch an der richtigen Stelle machen werden.

Und die Hoffnung heißt für die meisten Anleger Emmanuel Macron. Der liberale Kandidat hat zwar in den letzten Tagen ebenfalls Deutschland als Feindbild entdeckt, doch am Euro und an der EU-Zugehörigkeit will er festhalten. Mehr noch. "Heißt der neue französische Präsident Emmanuel Macron, dürfte es an den Märkten und in vielen europäischen Hauptstädten ein großes Aufatmen geben", sagt Christoph Weil, Volkswirt bei der Commerzbank.

Der ideale Kandidat für die Wirtschaft unseres Nachbarlandes wäre allerdings auch Macron nicht, so Weil. Ohne Frage würden seine Pläne der französischen Wirtschaft eher helfen als die der meisten seiner Konkurrenten. "Es ist allerdings fraglich, ob sie die drängendsten wirtschaftlichen Probleme des Landes spürbar verringern werden. Denn im Endeffekt will Macron die vorsichtigen Reformen seines Vorgängers fortsetzen, ohne die entscheidenden Hemmnisse für mehr Beschäftigung anzugehen."

Darstellung: