Geldbeutel mit amerikanischer und europäischer Flagge, umkreist von einem roten Pfeil

Anleger entdecken den Alten Kontinent neu Die Rotation von USA nach Europa

von Notker Blechner

Stand: 12.06.2017, 17:00 Uhr

Spätestens seit dem Triumph von Macron bei den französischen Wahlen sind europäische Aktien wieder "in". Laut aktuellen Daten sind in den letzten Wochen Milliarden in europäische Aktienfonds geflossen. Sind europäische Aktien wirklich attraktiver als US-Titel?

In den letzten Jahren hechelten die meisten europäischen Indizes den US-Börsen hinterher. Während der Dow auf Vier-Jahres-Sicht über 40 Prozent zulegte, schaffte der EuroStoxx 50 nur ein Plus von 31 Prozent. 2016 stagnierte der EuroStoxx 50 gar, der Dow legte indes um gut zwölf Prozent zu und kletterte von Rekordhoch zu Rekordhoch.

Europa hängt 2017 Wall Street ab

Inzwischen hat sich aber das Blatt gedreht. Der EuroStoxx 50 schnitt in den ersten Monaten dieses Jahres etwas besser ab als der Dow. Er legte bisher gut acht Prozent zu. Der Dow schaffte "nur" ein Plus von rund sieben Prozent. Andere europäische Indizes drehten noch stärker auf: der griechische Leitindex zog um 22 Prozent an, der österreichische ATX gewann satte 21 Prozent, und auch der spanische Ibex 35 stieg um 16 Prozent.

Vor allem seit den französischen Präsidentschaftswahlen ist der Knoten geplatzt. Die Niederlage der populistischen Front National und der Durchmarsch des europa-freundlichen Emmanuel Macron mit seiner Bewegung "La République En Marche" haben für ein spürbares Aufatmen an den Märkten gesorgt. Die politischen Risiken haben seither deutlich abgenommen.

Milliarden-Zuflüsse in europäische Aktienfonds

Viele Anleger setzen nun auf Europa. Seit der Wahl Macrons zum neuen französischen Präsidenten wurden zwölf Milliarden Euro in europäische Aktienfonds investiert. Auch europäische ETFs erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Laut Daten von Amundi flossen von Ende November 2016 bis Ende April in diesem Jahr gut 3,7 Milliarden Euro in Aktien-ETFs der Eurozone. Im vergangenen Jahr hatten die Anleger noch in den ersten elf Monaten 11,5 Milliarden Euro abgezogen.

US-Medien sprechen schon von der "Großen Rotation" raus aus amerikanischen Aktien rein in europäische Papiere. Das bestätigt auch die jüngste Umfrage der Bank of America Merrill Lynch unter Fondsmanagern der ganzen Welt. Demnach haben im Mai 59 Prozent von ihnen europäische Aktien übergewichtet. Im April waren es noch 48 Prozent.

"Rotation geht gerade los"

"Die Rotation fängt gerade erst an", meint Daniel Krüger, Fondsmanager des Vermögensverwalters Acatis, gegenüber boerse.ARD.de. Seiner Ansicht dürfte sie noch bis 2019 weitergehen, wenn in Europa die Zinswende kommt. "Europäische Aktien haben noch viel Potenzial nach oben."

Ähnlich optimistisch gestimmt für europäische Aktien sind auch Aktienstrategen diverser Banken. Das Bankhaus Metzler bevorzugt Titel aus Europa gegenüber US-Papieren. "Wir glauben, dass sich europäische Aktien in den kommenden Jahren besser schlagen werden als amerikanische", sagte jüngst Emmerich Müller, Partner des Frankfurter Bankhauses. Die Deutsche-Bank-Tochter Deutsche Asset Management hat nach den Frankreich-Wahlen Europas Aktien auf Übergewichten hochgestuft, da die politischen Unwägbarkeiten nun nicht mehr ausländische Investoren abhalten dürften. Und auch die Fondsgesellschaft Allianz rechnet mit einer Outperformance europäischer Papiere im Vergleich zu globalen Börsentiteln.

Glänzende Konjunkturaussichten

Denn neben den geringeren politischen Risiken herrschen in Europa inzwischen auch bessere Wachstums- und Gewinnperspektiven. Die Wirtschaft in der Eurozone kommt zunehmend in Fahrt. Bereits 2016 war das Wachstum in der Eurozone mit 1,8 Prozent größer als in den USA (1,6 Prozent). In diesem Jahr könnte es so weitergehen. Im ersten Quartal wuchs das BIP in der Eurozone um 0,5 Prozent und damit doppelt so schnell wie in Amerika. Vom erhofften Aufschwung unter Präsident Trump ist noch wenig zu spüren.

Zudem hellen sich auf dem Alten Kontinent die Konjunkturindikatoren auf. Der Einkaufsmanagerindex der Eurozone notierte im April mit 56,8 Punkten auf dem höchsten Stand seit sechs Jahren. Die Firmen bekommen immer mehr Aufträge und schaffen neue Jobs. Die Arbeitslosigkeit in der Eurozone fiel jüngst erstmals seit 2009 wieder auf unter zehn Prozent. Der niedrige Ölpreis und der langfristig gesehen  relativ schwache Euro beflügeln europäische Unternehmen.

Aktien günstiger bewertet als US-Titel

Als weiteren Pluspunkt verweisen die Anlagestrategen auf die günstige Bewertung europäischer Aktien. Ihr KGV liegt bei gut 15, während das KGV von US-Titeln 17 beträgt. "Der US-Markt ist überbewertet", meinen Experten.

Acatis-Fondsmanager Kröger hält europäische Titel immer noch für relativ günstig im Vergleich zu US-Papieren. Es gebe eine Bewertungslücke, die es zu schließen gilt, sagte er im Rahmen der Acatis-Konferenz. Bereits vor knapp einem Jahr hatte Kröger europäische Aktien empfohlen. "Sie sind so billig wie seit der Lehman-Krise nicht mehr", erklärte er damals. Mit seinem Fonds Acatis Aktien Europa Fonds UI setzt er vor allem auf europäische Werte aus der zweiten Reihe. Da gebe es Tausende Weltmarktführer, alleine in Deutschland 1.300. "Das sind mehr als in den USA." Auch in Frankreich, Italien und Spanien gebe es einige hidden champions.

Potenzial sieht der Europa-Fondsmanager von Acatis derzeit bei Maschinenbau-Titeln wie Krones und Mayer Burger sowie bei Technologietiteln wie Infineon und Atos. Auch E-Commerce-Firmen wie Zalando und Zooplus gefallen Kröger.

Italien bleibt ein Wackelkandidat

Risiken wie eine neue Krise in Italien oder Griechenland werden momentan ausgeblendet. Die Wirtschaft in Italien kommt nur langsam auf die Beine, die Bankenkrise ist noch längst nicht überstanden. Zudem drohen Neuwahlen Anfang 2018. Statt Europa blicken Anleger eher in die USA und verweisen auf das Enttäuschungspotenzial durch US-Präsident Trump.

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