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Emerging Markets 2016

Ausblick 2016 Emerging Markets,

Wachstumsschwäche und Kapitalflucht

Das Ende des Emerging-Markets-Märchens?

von Notker Blechner

Stand: 18.12.2015, 14:55 Uhr

Jahrelang galten Schwellenländer als lukrative Anlage-Alternative. Inzwischen jedoch ist die Emerging-Markets-Story verblasst. Viele Fonds gerieten in Turbulenzen. Ist die Schwellenländer-Party zu Ende? Oder lohnt sich jetzt der Einstieg?

Bei kaum einem Thema sind sich die Aktienstrategen und Fondsmanager so einig wie bei Schwellenländern: sie raten nahezu unisono von Investitionen in Emerging Markets ab - zumindest vorerst. "Wir sehen die Risiken für 2016 vor allem in den Schwellenländern", sagt David Kohl, Chefvolkswirt von Julius Bär. Die Emerging Markets stünden in einer Wachstumskrise.

"Der Boom der Schwellenländer ist vorbei", meint auch Maria Laura Lanzeni, Leiterin des Emerging-Markets-Teams der Deutschen Bank. "Das Wachstum, das wir vor der Finanzkrise 2008/09 gesehen haben, wird es in den nächsten Jahren nicht mehr geben."

Wachtstum flaut ab

Tatsächlich haben einige Schwellenländer deutlich an Schwung verloren. Das Wachstum in China hat sich verlangsamt auf unter sieben Prozent. Einstige Musterländer wie Brasilien und Russland sind gar in die Rezession gerutscht.

Die Währungen gerieten heftig unter Druck. Der brasilianische Real stürzte gegenüber dem US-Dollar auf ein Rekordtief. Der südafrikanische Rand fiel auf den tiefsten Stand seit 14 Jahren.

Minus-Jahr an den Börsen

An den Aktienmärkten ging es bergab. Der MSCI Emerging Markets Index sackte um rund 17 Prozent ab - und schnitt deutlich schlechter ab als der MSCI-Welt-Aktien-Index. An Chinas Börsen gab es im Sommer einen regelrechten Crash, nachdem die Kurse vorher zu heiß gelaufen waren.

Die meisten Emerging-Markets-Fonds erwiesen sich denn auch als Verlustbringer. Viele Anleger ergriffen die Flucht. In den letzten zwölf Monaten wurden laut Morningstar alleine in Europa gut 14 Milliarden Euro aus Emerging-Markets-Aktienfonds abgezogen worden.

Düstere Aussichten für 2016

Für 2016 sehen die Perspektiven nicht viel besser aus. Die Wachstumsdynamik der Emerging Markets wird voraussichtlich weiter abflauen. Brasiliens Wirtschaft dürfte noch mehr schrumpfen. In China droht eine zunehmende Konjunkturabkühlung, die auch andere asiatische Länder wie Malaysia, Taiwan oder Thailand mitreißen dürfte. Diese Länder sind stark von der chinesischen Nachfrage nach ihren Exportgütern und Dienstleistungen abhängig.

Der größte Risikofaktor für die Schwellenländer ist die Fed. Erhöht die US-Notenbank den Leitzins in weiteren Schritten, drohen in den Emerging Markets Verwerfungen. Die Nettoabflüsse dürften zunehmen, viele ausländische Anleger würden ihr Geld in Dollar umschichten. Vor allem Brasilien, Südafrika, die Türkei und Indonesien würden unter höheren Zinsen in den USA leiden. Sie haben hohe Dollar-Schulden. Aggregiert betrachtet ist die Gesamtverschuldung in den Emerging Markets schon jetzt höher als in den Industrieländern, sagt Dietmar Hornung von Moody's.

Fed-Zinswende könnte Verschuldungsproblem verschärfen

Der IWF und die Weltbank sind alarmiert. Weltbank-Chefökonom Kaushik Basu warnte jüngst vor einem Schock oder gar Panik und Turbulenzen, sollte es mit den höheren Zinsen in den USA zu Kapitalabflüssen aus den Schwellenländern kommen. Treffen würde die Zinswende besonders Unternehmen, die sich auf Dollar-Basis verschuldet haben. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) haben Firmen und Privatanleger außerhalb der USA fast schon zehn Billionen Dollar an Verbindlichkeiten.

Einen Vorgeschmack, was kommen könnte, lieferte die Fed im Frühjahr 2013, als sie erste Andeutungen in Richtung einer strikteren Geldpolitik machte. Damals führte das so genannte "Tapering" zu Währungsturbulenzen in vielen Schwellenländern.

Rohstoffabhängige Schwellenländer leiden am meisten

Neben der Wachstumsschwäche und der Gefahren der Zinswende lastet der Rohstoffpreisverfall wie ein Damoklesschwert über einigen Schwellenländern. Fallen die Preise für Öl und Metalle noch weiter, dürfte sich die schwierige Lage in den rohstoffabhängigen Schwellenländern wie Brasilien, Russland und Malaysia verschärfen.

Die Stimmung für die Schwellenländer war noch nie so schlecht wie jetzt, hat das Analysehaus Sentix festgestellt. Das wiederum ist ein guter Kontraindikator. Sentix-Geschäftsführer Patrick Hussy sieht denn auch Chancen in den Emerging Markets.

Historisch einmalige Einstiegsgelegenheit?

Stehen wir also kurz vor dem Tiefpunkt? Manche Analysten und Fondsmanager meinen ja. "Es mehren sich die Anzeichen, dass die Talsohle erreicht ist und es bald wieder aufwärtsgehen kann", heißt es bei Main First. Auch die Credit Suisse glaubt, dass die meisten Emerging Markets das Schlimmste hinter sich haben und rät zur "Übergewichtung von Schwellenländer-Aktien". Wenn die globalen Investoren vollends kapituliert haben, sieht Julius-Bär-Chefanlagestratege Christian Gattiker gar "the buy of the generation" - eine historisch einmalige Einstiegsgelegenheit, wie sie es nur alle 20 Jahre (eine Generation) gibt.

Tatsächlich erscheinen die Schwellenländer-Aktien inzwischen günstig bewertet. Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) sind sie ein Drittel billiger als die Aktien von Industrieländern.

Indien überflügelt China

Zudem befinden sich einige Schwellenländer immer noch in einer besseren Verfassung als viele europäische Staaten. Die meisten asiatischen Staaten wachsen immer noch um die fünf Prozent. Besonders in Indien hat sich das Tempo beschleunigt. Der Subkontinent wuchs im dritten Quartal um 7,4 Prozent - und überflügelte China.

Die demografischen Faktoren sprechen ebenfalls für die Schwellenländer. Die Bevölkerung ist sehr jung, und die konsumfreudige Mittelschicht wird immer größer.

Mit dem Währungsverfall können auch die Emerging Markets inzwischen besser umgehen als noch in der Asien-Krise oder der Tequila-Krise. Indien zum Beispiel fühlt sich gut gerüstet für die US-Zinswende. Unter dem neuen Premierminister Narendra Modi wurde das hohe Leistungsbilanzdefizit auf ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts gedrückt.

Banken empfehlen Anleihen in lokaler Währung

Manche Experten halten den Abgesang auf die Emerging Markets denn auch für verfrüht. Sie glauben, dass sich China wieder stabilisiert und die Weltwirtschaft auf Trab bringt. Besonders Schwellenländer-Anleihen in lokaler Währung werden favorisiert. Nach den deutlichen Verlusten 2015 könnte sich hier wieder eine Erholung abzeichnen.

Verabschieden sollten sich Anleger aber von den marketinggetriebenen Konzepten. Ob BRIC, MINT oder Next Eleven - wer auf diese Kürzel setzte, brauchte in den letzten Monaten starke Nerven. Von der Idee der BRICs erwies sich nur Indien als stabiler Anker. Selbst Goldman Sachs, Initiator des Konzepts, hat das Kürzel inzwischen eingestampft.

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Lichtblicke in den Emerging Markets

Von Indien bis Mexiko

Stoffdrucker in Dharavi einem der größten Slums in Mumbai, Indien

Indien

Zum neuen Wachstumstreiber unter den Schwellenländern mausert sich Indien. Der Subkontinent hat im dritten Quartal China überflügelt und das Bruttoinlandsprodukt um 7,4 Prozent gesteigert. Allmählich scheinen die Reformen des Premierministers Modi zu wirken. "Er hat bei Direktinvestionen und dem Konkursrecht einiges in Bewegung gesetzt", lobt die Fondsgesellschaft Edmond de Rothschild. Der 65-jährige Hindu-Nationalist ist mit dem Versprechen angetreten, die Wirtschaft Indiens anzukurbeln, die Steuern zu reformieren, zehn Millionen Arbeitsplätze zu schaffen und mehr Geld in die Energie-, Straßen- und Schienennetze zu stecken. Noch hinken allerdings die Investitionen dem starken Konsum hinterher. Und die Exporte Indiens sinken seit Monaten. An der Börse ist die Euphorie inzwischen abgeebbt. Der Leitindex Sensex verlor seit Jahresbeginn gut sieben Prozent. Eine Alternative sind indische Anleihen. Mehrere Masala-Bonds werden in London gehandelt. Es handelt sich um Anleihen in Lokalwährung, also indische Rupie. Das birgt Chancen, aber auch Risiken. Die Rupie hat gegenüber dem Euro seit Jahresbeginn um gut zehn Prozent aufgewertet.

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