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Großbritannien

Brexit-Schriftzug

Wie stark belasten die Briten den Dax?

Brrr... Brexit - müssen wir uns warm anziehen?

Stand: 18.02.2016, 11:11 Uhr

Sollten sich die Briten von Europa lossagen, brächte es der Wirtschaft deutlich kühlere Temperaturen – und die ein oder andere Panikattacke an den Börsen.

In einer Studie spricht die DZ Bank von den "gravierenden" gesamtwirtschaftlichen Folgen eines möglichen Brexits. Für die Kapitalmärkte wäre der Austritt Großbritanniens aus der EU in Europa eines der größten politischen Risiken. Doch zeichnet die eingehendere Analyse der Bank, dass ein Brexit fundamental durchaus verkraftbar ist.

Der Handel mit Großbritannien ist überschaubar. Die 30 Dax-Unternehmen haben 2014 direkt weniger als fünf Prozent der Umsätze in Großbritannien erzielt. Es dürften zwischen 2,5 und 4,0 Prozent sein, so die Analysten der DZ Bank, die die Dax-Firmen nach dem Umfang ihrer Geschäfte in Großbritannien befragt haben.

Schockwellen nicht ausgeschlossen

"Daher erscheint uns eine maßgebliche Reduktion (z.B. fünf oder zehn Prozent) des fairen Wertes des Dax im Falle des Brexits nicht möglich“, sagt Christian Kahler, Chefanlagestratege der DZ Bank. "Dies ginge rechnerisch nur, wenn die gesamte Nachfrage aus Großbritannien ersatzlos wegfallen würde, was aus unserer Sicht sehr unwahrscheinlich erscheint." Die direkten Folgen eines Brexit dürften aber insgesamt verkraftbar sein.

Kurzfristig sei natürlich ein deutlicher Rücksetzer des Dax durchaus möglich, so Kahler, wenngleich dies eine übertriebene und vom Sentiment getriebene Reaktion wäre. Marktteilnehmer müssen die Lage bei einem solchen Ereignis erst sondieren, klären, was es langfristig für sie bedeutet. Daher gingen viele Investoren zunächst aus dem Risiko und verkauften Aktien - mit den entsprechenden Folgen am Markt und überschießenden Reaktionen.

So groß ist der Brexit-Faktor?

Wie stark würde ein Brexit ins Gewicht fallen? Es gibt einige Dax-Firmen, für die der britische Markt sehr wichtig ist, der Umsatzanteil fällt überdurchschnittlich groß aus. Die DZ Bank hat einige Dax-Werte unter die Lupe genommen.

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Wie viel Großbritannien steckt in den Dax-Aktien?

So groß ist der Brexit-Faktor

Linde: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr

Linde

Der Brexit dürfte den freien Warenverkehr einschränken - mit entsprechenden Folgen für die Produktion in Großbritannien, die weltweit verkauft wird, und auch für den Import. Auf jeden Fall werden die bilateralen Verhandlungen zwischen der EU und den Briten über ein neues Handelsregime kompliziert werden.

Linde ist ziemlich aktiv in Großbritannien. Laut Geschäftsbericht 2014 generiert der Gasehersteller neun Prozent der Umsätze dort. Da spielt auch die BOC-Übernahme vor zehn Jahren mit rein.

Schwer messbare Zweitrundeneffekte

Zu den direkten - überschaubaren - Folgen des Brexit kommen noch indirekten Auswirkungen. Diese so genannten Zweitrunden-Effekte sind schwerer kalkulierbar. Insgesamt dürfte sich das gesamte Wachstum infolge des Brexits zeitweise verlangsamen, was dann auch auf deutsche Unternehmen durchschlagen dürfte. Die Dax-Gesellschaften erzielten 2014 mehr als die Hälfte ihrer Umsätze - 53 Prozent - in der EU.

Stichwort Brexit

Skyline von London mit Union Jack-Flagge als Himmel

Bereits im Juni könnte der Brexit anstehen. Dann wollen die Briten über einen möglichen Austritt aus der EU abstimmen. Voraussetzung ist allerdings eine Einigung mit den anderen EU-Ländern beim Gipfel am 18./19. Februar.

Die EU selbst würde durch den Brexit schrumpfen. Gemessen an der Wirtschaftsleistung gehen 16 Prozent verloren. Ausfallende Beitragszahlungen an den EU-Haushalt müssten von anderen Staaten beglichen werden. Die übrigen EU-Mitgliedsstaaten würden entsprechende Wohlfahrtsverluste erleiden. Vor allem Irland - denn Großbritannien ist für das Land ein äußerst wichtiger Partner.

Es gibt Schätzungen von Exportverlusten bis zu 30 Milliarden Pfund - das sind umgerrechnet etwa 39 Milliarden Euro im Worst-Case-Szenario, falls London beim Austritt kein Freihandelsabkommen abschließt. Das wären rund acht Prozent der Exporte. Zurückhaltende Analysten gehen aber eher nicht von derart schweren Rückschlägen aus - denn auch die anderen EU-Länder möchten handeln und Geld verdienen. Dazu sind die Wirtschaften viel zu stark miteinander verwoben.

Große Nachteile für Großbritannien selbst

Ein Brexit hätte vor allem aber für Großbritannien gravierende Folgen. Elementare Freiheiten des europäischen Binnenmarktes fallen weg wie der freie Güter-, Dienstleistungs- und Kapital- und Personenverkehr innerhalb der EU. Das bedeutet: Zölle und andere Handelshemmnisse würden die Exporte erheblich bremsen, denn die Einfuhren in andere EU-Länder würden teurer.

Ein gewaltiger Faktor für Großbritanntien. Denn die EU ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner, rund 45 Prozent aller britischen Waren- und Dienstleistungsexporte werden in die EU versandt. Umgekehrt kommt über die Hälfte der Einfuhren aus den anderen Mitgliedsländern.

Ohne Zugang zum EU-Binnenmarkt wäre das Land für Ausländer weniger interessant als Investitionsstandort. Schlecht für den britischen Finanzsektor, der in der Vergangenheit den größten Teil der ausländischen Direktinvestitionen zugesprochen bekam. Die britische Wirtschaft müsste trotz einiger Vorteile – zumindest kurzfristig – mit beträchtlichen Nachteilen rechnen, so die DZ Bank

Es gibt Hochrechnungen, wonach sich das britische Bruttosozialprodukt auf rund einen Prozent halbieren könnte. Doch sehen zurückhaltende Experten das als Kaffeesatzleserei. Entscheidend seien die Austrittsbedingungen.

bs

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