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Eine junge Frau wirft in der türkischen Botschaft in Warschau einen Wahlschein in eine Wahlurne

"Wahl zwischen zwei Übeln"

Anleger blicken auf das Türkei-Referendum

Stand: 13.04.2017, 16:20 Uhr

"Evet" oder "Hayir"? Am Sonntag stimmen Millionen Türken ab, ob Präsident Erdoğan noch mehr Macht bekommen soll. Ein "Ja" beim Referendum würde wohl für positive Reaktionen an den Märkten sorgen. Freilich nur kurzfristig.

Keine Angst vor "Erdowie, Erdowo, Erdoğan"! Während in Europa der Machtzuwachs des türkischen Präsidenten Recep Tayip Erdoğan zunehmend auf Unbehagen stößt, würden Anlegern einen Erfolg Erdoğans beim Referendum am kommenden Sonntag, 16. April begrüßen. "Ein 'Ja' wäre aus Sicht des Marktes auf kurze Sicht der bevorzugte Ausgang", sagt Fondsmanager Jean-Jacques Durand vom Vermögensverwalter Edmond de Rothschild. Denn eine Zustimmung zur Verfassungsreform würde auf politische Stabilität hoffen lassen.

"Ja" würde zur kurzen Erleichterungsrally führen

"Die Stabilität wäre aus Börsensicht erst einmal gegeben, wenn das bisherige Staatsoberhaupt die Verhältnisse festigt und sogar noch stärker prägt - ungeachtet der auf längere Sicht möglichen negativen Folgen seiner Politik", meint Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege für Zentral- und Osteuropa bei Blackrock. Er glaubt, dass sich das positive Moment an der türkischen Börse verstärken würde, wenn klar sei, dass Erdogan die Abstimmung gewinnt.

"Ein 'Ja' würde die Märkte kurzfristig sicherlich unterstützen", glaubt auch Gregor Holek, Fondsmanager von Raiffeisen Capital Management. Experten erwarten bei der Annahme der Verfassungsreform eine kurze Erleichterungsrally bei türkischen Aktien und der Lira.

"Nein" würde Märkte belasten

Ein "Hayir" ("Nein") beim Referendum würde dagegen die Unsicherheit an den Märkten schüren und die Märkte belasten, meinen Marktbeobachter wie Holek. Dann könnte Erdoğan Parlamentswahlen ansetzen. "Erdoğan würde versuchen, dort eine Zwei-Drittel-Mehrheit zu erlangen, um sein Ziel auf diesem Weg zu erreichen", sagt Volkswirt Carsten Hesse von der Berenberg Bank.

Andererseits wäre ein zunehmend autokratisches Erdoğan -Regime abschreckend für Investoren. DZ-Bank-Analyst Sören Hettler spricht denn auch von einer Wahl zwischen zwei Übeln. Bei einer Ablehnung der Verfassungsreform drohen politische Unsicherheiten und Kursverluste für die Währung, bei einer Annahme der Reform würde sich wenig ändern.

Schon jetzt hält sich das Interesse von Anlegern in Grenzen. "Anleger sind derzeit in türkischen Wertpapieren eher untergewichtet", sagt Blackrock-Stratege Herrmann. Sie sehen die Türkei derzeit eher als taktisches denn als strategisches Investment. Sie versuchten, von kurzfristigen Kursschwankungen zu profitieren.

Türkische Börse feiert Wiederauferstehung

Tatsächlich ließ sich in den letzten Monaten wieder Geld verdienen in der Türkei. Seit Jahresbeginn hat sich der Leitindex der Istanbuler Börse um gut 14 Prozent erholt und legte doppelt so stark zu wie Dax und EuroStoxx 50. Andere Emerging-Market-Börsen wurden abgehängt. Auch die türkische Lira rappelte sich nach ihren Rekordtiefs wieder etwas auf.

Nach dem gescheiterten Putsch vom Sommer 2016 hatte die türkische Börse bis zum Jahreswechsel gut zehn Prozent verloren. Die Lira stürzte ab. Die Säuberungsaktionen von Erdoğan und mehrere Attentate schreckten die Urlauber ab. Der Tourismus, einer der wichtigsten Wirtschaftssektoren des Landes, brach zusammen.

Bisher keine Rezession...

Die befürchtete Rezession blieb aber bislang aus. 2016 verzeichnete das Land am Bosporus ein Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent. Im vierten Quartal betrug das Plus sogar 3,5 Prozent. Allerdings: 2015 hatte das Schwellenland noch ein Wachstum von über sechs Prozent erzielt.

... aber Inflation auf Neun-Jahres-Hoch

Vor allem der Konsum zog im vierten Quartal überraschend deutlich an. Allerdings könnte sich das bald wieder ändern. Denn die Inflation kletterte im März mit knapp 11,3 Prozent auf den höchsten Stand seit 2008.

Zudem hat sich die Dynamik bei den türkischen Investitionen deutlich abgekühlt. Das Außenhandelsdefizit stieg derweil im Februar um 15 Prozent auf fast 3,7 Milliarden Dollar. Die Türkei bleibt auf Geld aus dem Ausland angewiesen.

nb

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