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James Comey

Comey-Anhörung

Die Börse könnte auch ohne Trump gut leben

von Detlev Landmesser

Stand: 08.06.2017, 17:43 Uhr

So gebannt die Marktteilnehmer der spektakulären Anhörung des geschassten FBI-Chefs James Comey vor dem US-Senat lauschen, so gelassen ist die Börsenreaktion. Warum?

Die politische Brisanz des Termins ab 16:00 Uhr unserer Zeit ist offensichtlich. Wie schon in dem am Mittwoch veröffentlichten Statement gab der 56-jährige Comey zu Protokoll, Donald Trump habe ihn zumindest indirekt aufgefordert, die FBI-Ermittlungen in Sachen Russland und Wahlkampf teilweise einzustellen. Er hält es zudem für wahrscheinlich, dass der neue US-Präsident ihn wegen der Russland-Ermittlung entlassen hat. Damit belastet der ehemalige FBI-Chef den US-Präsidenten schwer.

Denn bei "Obstruction of Justice" hört bei den Amerikanern der Spaß auf. Schon Präsident Nixon stolperte über diesen Vorwurf. Comey erklärte indessen, es sei nicht seine Aufgabe, zu bewerten, ob Trump bei den Gesprächen mit ihm versucht habe, die Justiz zu behindern. Letztlich wird es vom Urteil der republikanischen Abgeordneten in Senat und Repräsentantenhaus abhängen, ob tatsächlich ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet wird.

Comey bezichtigt Regierung der Lüge

Die wohl härteste Aussage der Anhörung fiel in dem kurzen Eingangsstatement Comeys, in dem er die Behauptung der US-Regierung kritisierte, unter seiner Leitung sei das FBI in Unordnung geraten und er, Comey, habe nicht mehr das Vertrauen seiner Mitarbeiter genossen. "Die Regierung hat sich dazu entschieden, mich zu diffamieren. Und wichtiger noch, das FBI. Das waren Lügen. Schlicht und einfach. Es tut mir so leid, dass das FBI und das amerikanische Volk sie hören mussten."

Dow wie festgenagelt

Dow Jones: Kursverlauf am Börsenplatz Dow Jones Indizes für den Zeitraum Intraday
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Differenz relativ
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Doch auch auf solche bisher unerhörten Aussagen reagierten die US-Märkte kaum. Fast scheint es, als sei der Dow Jones während der Anhörung an der Null-Linie festgenagelt - mit eher positiver als negativer Tendenz. Warum aber reagiert die Wall Street so gelassen auf das politische Beben in Washington?

Schließlich würde sich ein Impeachment-Prozess lange hinziehen und mit lautem medialen Getöse einhergehen - man mag sich nur die Twitter-Nachrichten eines derart in die Enge getriebenen Trump vorstellen. Die damit verbundene politische Unsicherheit ist an sich Gift für die Börse.

Braucht die Börse Trump überhaupt?

An sich lässt diese Reaktion nur einen Schluss zu. Die Wall Street ist des neuen Präsidenten und seiner Unberechenheit müde. Außer Frage steht, dass Trump mit seinen ökonomischen Visionen bisher keine schlechte Partie für die Börse war. Aber auf konkrete Schritte wie die versprochenen Steuersenkungen und Ausgabenprogramme warten die Marktteilnehmer bisher vergeblich.

Und anders als in den Zeiten der "Reagonomics" Anfang der 80er geht es den amerikanischen Unternehmen auch ganz ohne Trump blendend. Allein im ersten Quartal dieses Jahres kletterten die Gewinne der 500 größten US-Unternehmen aus dem S&P-Index um 14 Prozent und damit so stark wie seit sechs Jahren nicht mehr. Das dürfte ein wesentlicher Grund sein, warum das politische Chaos in Washington die laufende Hausse bisher kaum beeinträchtigt hat.

Es scheint also, als könnten die Börsen durchaus damit leben, wenn der neue Präsident vorzeitig sein Amt verlassen sollte. Vielleicht würden sie sogar mit Erleichterung reagieren. Trumps Stellvertreter Mike Pence gilt ebenfalls als erzkonservativer Hardliner, aber er verspricht mehr Berechenbarkeit. Insofern dürften viele Marktteilnehmer bereits auf einen Neuanfang setzen.

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