Seitenueberschrift

Dr. Jens Weidmann

Rückgrat zeigen

Weidmann: Geldpolitik der EZB normalisiert sich

Stand: 02.07.2017, 16:19 Uhr

Geht es nach Jens Weidmann, dem Präsidenten der Bundesbank, bereitet sich die EZB auf eine Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik vor. Die Märkte beschäftigen sich damit ebenfalls.

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Denn spätestens nach der vergangenen Woche erscheint der Bundesbankpräsident auch in der Wahrnehmung der Märkte nicht mehr der einsame Rufer in der Wüste, als der er bisher galt. Der Dax verzeichnte in Erwartung eines wahrscheinlicher werdenden Kurswechsels der EZB die schwächste Handelswoche des Dax in diesem Jahr - minus 3,2 Prozent. Zudem zieht der Euro über 1,14 Dollar davon, was der exportlastigen deutschen Börse noch selten gut bekommen ist - und auch die Rentenrenditen steigen. Eine Rendite von 0,5 Prozent für zehnjährige Bundes ist plötzlich wieder realistisch.

Aber es war nicht der bekannt stabilitätsgetreue Bundesbankpräsident, der die Märkte von der Leine gelassen hat, sondern EZB-Chef Mario Draghi selbst. Draghi hatte mit seiner positiven Einschätzung zur Konjunkturentwicklung in der Eurozone auf dem Notenbankertreffen in Portugal den Stein ins Rollen gebracht.

Auch die Klarstellung der EZB, Draghi sei wohl missverstanden worden, hat eher noch mehr Feuer ins Öl gegossen. Zwar rechnet niemand wirklich mit schnellen Zinsschritten. Aber es scheint so, als ob die EZB die Märkte behutsam darauf vorbereiten will, dass in absehbarer Zeit keine weitere geldpolitische Lockerung mehr zu erwarten ist. Das reicht(e) dann schon, um sie, die Märkte, in Aufregung zu versetzen.

Währungshüter bereiten sich vor

EZB-Präsident Mario Draghi bei einer Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank am 08.06.2017 in Tallinn (Estland)

Mario Draghi. | Bildquelle: picture alliance / Arno Mikkor/Europäische Zentralbank/dpa

Genau in dieses Horn stieß jetzt Weidmann am Samstag beim Tag der Offenen Tür der Bundesbank. "Das kommt hoffentlich und daran arbeiten wir auch, das diskutieren wir auch", sagte er. Die Kernherausforderung, vor der die Euro-Wächter jetzt stünden, sei es, wenn es darauf ankomme, Rückgrat zu zeigen und die Geldpolitik wieder zu normalisieren. Weidmann hatte sich bereits in der Vorwoche in einem Zeitungsinterview entsprechend geäußert und bestätigte jetzt seine Sicht der Dinge.

Gebüude der Deutschen Bundesbank in Frankfurt

Gebäude der Deutschen Bundesbank in Frankfurt. | Bildquelle: Deutsche Bundesbank

Dabei sollten sich die Euro-Wächter nicht von den Finanzministern unter Druck setzen lassen, die wegen der Niedrigzinsen zur Zeit in einer bequemen Lage seien. Auf der Veranstaltung wies Weidmann in einem Bürgerdialog auf die aktuell sehr solide Konjunktur im Euro-Raum hin: "Der Aufschwung wird sich, nach dem, was wir wissen und was wir annehmen, vermutlich auch fortsetzen."

Die Inflation spielt nicht mit

Sorgenkind der Notenbank ist Weidmann zufolge aber der momentan geringe binnenwirtschaftliche Inflationsdruck. Nach einhelliger Auffassung des EZB-Rats sei deshalb zwar eine expansive Geldpolitik angemessen. "Worüber wir diskutieren und auch kontrovers diskutieren ist, wie expansiv muss die Geldpolitik eigentlich angesichts unseres Zieles sein."

Sabine Lautenschläger

Sabine Lautenschläger. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Am Freitag hatte EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger gefordert, die Währungshüter sollten schon jetzt Vorkehrungen für eine spätere Eindämmung der Geldflut treffen. Zwar sei die Inflation noch nicht auf einem stabilen Trend hin zum EZB-Ziel von knapp zwei Prozent. Aber alle Voraussetzungen dafür seien gegeben. Entsprechend gelte es, die Kommunikation anzupassen.

Die Verbraucherpreise im Euro-Raum waren im Juni lediglich um 1,3 Prozent gestiegen. Ein Grund ist, dass sich Energie mit 1,9 Prozent nicht mehr so stark wie in den Vormonaten verteuerte. Die EZB hält ihren Leitzins derzeit auf dem Rekordtief von null Prozent, um für günstige Finanzierungsbedingungen zu sorgen. Zudem kauft sie monatlich Staatsanleihen und andere Wertpapiere im Volumen von 60 Milliarden Euro auf. Doch angesichts positiver Konjunkturdaten hatte die EZB jüngst einen Mini-Schritt in Richtung Kurswechsel gewagt. So strichen die Euro-Wächter die bislang stets erwähnte Option auf noch tiefere Schlüsselzinsen aus ihrem Ausblick.

rm/rtr

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Die Präsidenten der Bundesbank

Von Bernhard bis Weidmann

Karl Bernard

Karl Bernard

Karl Bernard war der erste Präsident des Zentralbankrates der Vorläuferorganisation der Bundesbank, der Bank Deutscher Länder. Er lenkte damit zuammen mit Wilhelm Vocke, der zeitgleich Präsident des Direktoriums war, die geldpolitischen Geschicke der Bank. Nach Gründung der Bundesbank am 1.8.1957 standen beide nach Inkrafttreten des Gesetzes über die Deutsche Bundesbank noch bis Jahresende der neuen Insititution in ihren Ämtern vor. Der 1890 in Berlin geborene Bernard starb 1972 in Frankfurt am Main. Auf immer eng verknüpft mit seiner Person werden seine und Vockes Rolle bei der Einführung der neuen Währung, der D-Mark, im Jahr 1948 bleiben. Schon früh pochte Bernard auf die Unabhängigkeit der Bank. "Die Kardinalfrage der Währung ist die der Unabhängigkeit der Notenbank", schrieb er schon am 7. März 1950 an den damaligen Finanzminister Fitz Schäffer.

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