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Goethe und die Geldpolitik
Weidmann kritisiert mit Faust
von Eva Hannewald
Goethes Spätwerk Faust II ist in Frankfurter Finanzkreisen in aller Munde. Staatspleite, Papiergeldschöpfung, Inflation analysiert der Dichter bereits vor 180 Jahren - in höchster Reimkunst. Bundesbank-Chef Jens Weidmann bedient sich in seiner impliziten Kritik an der bestehenden Geldpolitik an des Dichters Worten. In Gefahr sei die Essenz unserer Währung.
Bundesbank-Chef Jens Weidmann. Foto (c) Bundesbank, Jens Braune del Angel
"Diese Erkenntnis, dass Vertrauen zentral, ja konstitutiv für die Geldeigenschaft ist, ist übrigens schon sehr alt." Geld werde von Notenbanken aus dem Nichts erschaffen und sei nicht mehr als eine gesellschaftliche Konvention. Mit diesen Worten eröffnet Weidmann das Kolloquium des Instituts für Bankhistorische Forschung e.V., kurz IBF, am Dienstagnachmittag in Frankfurt.
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Zuvor definiert der Bundesbank-Chef die drei Funktionen von Geld: Tauschmittel, Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel soll es sein. Gerade letztes ist in Anbetracht der aktuellen Kontroverse um Schuldenkrise in Gefahr. Ist das Vertrauen in die Währung dahin, sind unsere Euro-Scheine nicht mehr als bedruckte Baumwollzettel.
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Vor dem Hintergrund der jüngsten Beschlüsse der Notenbanken und des Bundesverfassungsgerichts erscheint Goethes Faust der Tragödie zweiter Teil aktueller denn je. Das "JA" der EZB zum unbegrenzten Anleihekauf der Eurostaaten hat die Furcht vor einem deutlichen Anstieg der Inflation erneut angefacht - besonders in Deutschland. Eine Kernaufgabe der Geldpolitik, so die einhellige Meinung des Frankfurter Kolloquiums, die auch Goethe in seinem Spätwerk Faust II bereits angesprochen hat.
Faust in der Bundesbank
Faust in der Bundesbank
Goethes Geldschöpfungsszene liefert die Vorlage
Weidmann, der mit seinem Nein zu Anleihekäufen im Eurosystem allein auf weiter Flur steht, bedient sich für seine Kritik an der bestehenden Geldpolitik der Worte des Frankfurter Dichters. Mithilfe der Geldschöpfungsszene aus dem ersten Akt aus Faust zwei verdeutlicht Goethe, wie die Erschaffung des Papiergeldes durch den teuflischen Mephisto den Beteiligten schnell aus den Händen gleitet. Kaum erfunden ist das liebe Geld schnell vertausendfacht. Sind die Gesetze der Knappheit erst einmal ausgehebelt, artet die Geldschöpfung in Inflation aus.
Weidmann übersetzt Goethes Text: "Zwar kann sich der Staat im Faust II in einem ersten Schritt seiner Schulden entledigen, während die private Konsumnachfrage stark steigt und einen Aufschwung befeuert. Im weiteren Verlauf artet das Treiben jedoch in Inflation aus und das Geldwesen wird infolge der rapiden Geldentwertung zerstört." Deutsche-Bank-Co-Chef Anshu Jain scheint das Thema Geldentwertung lässiger zu sehen. In der Welt am Sonntag sagt Jain, dass der Preis für die Euro-Rettung in Deutschland nun mal Inflation sei. Sind Inflationsraten von vier Prozent in naher Zukunft bald Standard? Die Teilnehmer des Kolloqiums sind hinsichtlich dieser Frage gespalten.
Intransparente Kommunikation der EZB als Ursache für Vertrauensverlust
Vertrauen ist der Anfang von allem, warb einst die Deutsche Bank. Ist die europäische Schuldenkrise im Kern also eine Vertrauenskrise? In der Podiumsdiskussion weist der frühere Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer genau auf diesen Punkt hin. Tietmeyer bemängelt, dass weder die EZB noch die EU-Kommission in der Vergangenheit die wirtschaftlichen Ungleichgewichte der einzelnen EU-Länder angesprochen haben.
Vertrauen ist im zweiten Schritt das Ergebnis transparenter Kommunikationspolitik. Die gilt es seitens der EU-Institutionen zu hinterfragen. Otmar Issing, ehemaliges Direktoriumsmitglied der EZB, verteidigt die Kommunikationspolitik der EZB und schiebt die Verantwortung an die EU-Kommission: Die EZB hätte nicht die Aufgabe sich öffentlich zur Fiskalpolitik einzelner Länder zu äußern, „die Kommission hat diese Entschuldigung nicht“.
Stand: 19.09.2012, 15:07 Uhr