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Ökonomen schlagen Alarm
USA steuern auf die "Fiskalklippe" zu
von Notker Blechner
Nach der Teilentwarnung für Europa rücken nun wieder die USA in den Blickpunkt der Anleger. Mehrere Experten warnen vor der US-Fiskalklippe als größtes Risiko für die Weltwirtschaft. Wegen automatischer Ausgabekürzungen droht ab 2013 Amerika in die Rezession zu rutschen.
Die 665-Milliarden-Dollar-Klippe
Noch herrscht Ruhe in den USA wegen des Präsidentschaftswahlkampfs. Sobald aber am 6. November feststeht, wer künftig im Weißen Haus sitzt, beginnt das große Zittern. Denn dann bleiben den Politikern nur noch knapp zwei Monate Zeit, um den Absturz vom "fiscal cliff" zu verhindern.
Die Fiskalklippe ist das - sicherlich nicht überdramatisierte - Fachwort für das, was ab dem kommenden Jahr droht: Automatische Ausgabekürzungen und Steuererhöhungen in Höhe von 665 Milliarden US-Dollar. Das wären 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Amerikanern drohen massive Steuererhöhungen
Alleine die Abgaben an den Fiskus würden um rund 530 Milliarden Dollar erhöht, hat die Commerzbank herausgefunden. Denn die Steuervergünstigungen der früheren Regierung George W. Bush sowie die Hilfen der Obama-Regierung für Arbeitslose und sozial Schwache laufen im kommenden Jahr aus, sofern sie nicht verlängert werden.
Amerikas Staatsschuld hat unvorstellbare Höhen erreicht
Hinzu kommen rund 135 Milliarden Dollar an automatischen Ausgabekürzungen. Sie waren im vergangenen Jahr von Demokraten und Republikanern nach monatelangem Streit um die Anhebung der Schuldengrenze beschlossen worden. Eine Arbeitsgruppe mit Experten beider Parteien gelang es nicht, Vorschläge auszuarbeiten, die die Kürzungen abfedern.
Gefahr einer Rezession
So droht den USA 2013 ein böses Erwachen. Kommen die Ausgabekürzungen und Steuererhöhungen, könnte das Wachstum der US-Wirtschaft auf 0,3 Prozent abflachen. Ohne den "fiscal cliff" würde die Wirtschaft voraussichtlich 2,3 Prozent zulegen. Die Konsequenzen wären dramatisch: Nach Einschätzung der Ratingagentur Fitch würde sich das Wachstum der Weltwirtschaft von 2,6 auf 1,3 Prozent halbieren.
Folglich sieht Fitch die US-Fiskalklippe als kurzfristig "das größte Risiko für die Weltkonjunktur". Die USA und vielleicht sogar die Welt könnten in die Rezession stürzen, meinen die Fitch-Experten. Auch Star-Ökonom Nouriel Roubini ist besorgt. "Tritt die Fiskalklippe in Kraft, haben wir eine schlimmere Rezession als je zuvor", glaubt er.
Hoffen auf Notbremse aus der Politik
Die meisten Ökonomen sind aber zuversichtlich, dass die Politik die Fiskalbombe noch rechtzeitig entschärfen wird. Der Kongress könnte die Steuererleichterungen mit ein paar Einschränkungen nochmals verlängern, glauben Beobachter. Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner kann sich vorstellen, dass erst der neue Kongress Anfang 2013 eine Einigung findet. Dann "könnten die ein oder zwei Monate lang gezahlten höheren Steuern zurückerstattet werden", glaubt er. Eine solche späte Einigung könnte allerdings auch der Wirtschaft und den Finanzmärkten stark zusetzen.
Experten raten Anlegern zur Vorsicht. "Die Unsicherheit wird wohl bis Ende Januar anhalten", glaubt David Millecker, Chefökonom von Union Investment. David Costin, Chefaktienstratege bei Goldman Sachs, empfiehlt, US-Aktien zu meiden. Die Gefahr sei groß, dass der Kongress es nicht schaffen wird, den "fiscal cliff" zu entschärfen.
Roubini befürchtet "Fiskaldelle"
Ganz so skeptisch ist Ökonom Roubini nicht. Er rechnet damit, dass die Politik die Notbremse zieht und die meisten Programme verlängert. Nur ein paar Steuern würden ansteigen und die meisten Ausgaben weniger gekürzt als geplant. Aber auch das würde die US-Wirtschaft bremsen. Statt einer Fiskalklippe prophezeite Roubini Anfang Juli im "Handelsblatt" eine Fiskaldelle - und schon die könnte zu einer Rezession führen, weil im vierten Quartal die US-Wirtschaft voraussichtlich nur noch um 1,5 Prozent wachsen wird. "Wenn man sehr langsam fährt, reicht schon eine Bodenwelle aus, um einen auszubremsen", sagte er.
All zu viel Spielraum haben die USA ohnehin nicht mehr. Wie die obige Grafik des Internationalen Währungsfonds zeigt, tickt die Schuldenuhr immer unerbittlicher. Vor kurzem wurde die Marke von 16 Billionen Dollar bei den Staatsschulden überschritten. Ein trauriger Rekord!
Stand: 05.10.2012, 16:55 Uhr