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Kommentar

Stefan Jäger, ARD

Draghis Geldpolitik

Nullzinsen sind wenigstens ehrlich

von Stefan Jäger

Stand: 17.03.2016, 09:40 Uhr

Ja, die Nullzinspolitik Mario Draghis zeigt nicht die erhofften Wirkungen, aber ist sie deswegen falsch oder gar wirkungslos? Die Kritiker sind zahlreich. Stefan Jäger hält dagegen.

Der gute Sparer, der böse Schuldenmacher. Dieses Begriffspaar existiert so wahrscheinlich nur in Deutschland. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass wir dieser jämmerlich simplen Sicht der Dinge letztlich auch eine Partei wie die AfD verdanken.

Nehmen wir die (Mehrheits-)Reaktion in der deutschen Öffentlichkeit auf den neuesten Geldregen made in Frankfurt: „Draghis unbeirrtes (und falsches) Festhalten am Kurs des leichten Geldes ist nicht nur für Sparer und Anleger ein Ärgernis, die nun mit keinen oder sogar negativen Zinsen konfrontiert sind und damit faktisch enteignet werden“, so klingt das in der SZ.

Angenommen, es gäbe so etwas wie falsche und richtige Geldpolitik, wie sähe die richtige Geldpolitik der EZB aus? Sicherlich müsste die sich am Mandat der Zentralbank orientieren. Das lautet: Preisstabilität. Nach Definition der EZB liegt die unter, aber nahe 2 Prozent Inflation – davon kann derzeit keine Rede sein. Was tun? Grundsätzlich hat Mario Draghi zwei Möglichkeiten: Er kann das Angebot vergrößern, Geld billiger machen, in der Hoffnung, dass dadurch mehr Güter nachgefragt werden und letztlich die Preise steigen – am besten so um die 2 Prozent. Und er kann nichts tun und darauf warten, dass die Wirtschaft und damit auch die Inflation aus anderen Gründen Fahrt aufnimmt.

Draghi hat sich für Option eins entschieden, das Geldangebot also massiv vergrößert. Die beabsichtigte Wirkung bleibt aus. Ist seine Geldpolitik deswegen falsch? Das wäre der Fall, wenn der Geldregen zu viel Inflation erzeugen würde. Das ist nicht zu erkennen. Falsch wäre diese Art Geldpolitik außerdem, wenn sie Unternehmen und Staaten der Eurozone davon abhielte zu investieren und so die Wirtschaft anzukurbeln. Aber auch das ist nicht zu beobachten.

Nächster Vorwurf: Das billige Geld mache abhängig und verhindere Reformen. Dort in Europa, wo die Wirtschaft immer noch nicht richtig anspringen will, müssen sich Unternehmen und Staaten erst von der hohen Schuldenlast befreien, ehe sie wieder neue Kredite nachfragen. Darüber hinaus fehlt es in diesen Ländern an überzeugenden Geschäftsmodellen, an Produkten, die für signifikantes Wachstum sorgen könnten. Das wiegt viel schwerer als der Leidensdruck, der angeblich fehlt, weil die EZB im großen Stil den Banken der Krisenländer Wertpapiere abkauft.

Ja, die Nullzinspolitik Mario Draghis zeigt nicht die erhofften Wirkungen, aber ist sie deswegen falsch oder gar wirkungslos? Diese Frage kann niemand beantworten, denn wir wissen nicht, wie die Realität ohne Eingreifen der EZB ausschauen würde. Was wir allerdings wissen ist, dass es in einer Marktwirtschaft keine Rendite ohne Risiko gibt. Dass die Erwartung des „guten“ deutschen Sparers, für‘s Nichtstun Zinsen zu kassieren, falsch ist. Insofern sind Nullzinsen wenigstens ehrlich.

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