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Niedrig-Zinsen

Alarmknopf

Finanzstabilitätsberichte der EZB und Bundesbank

Notenbanken schlagen Alarm

von Notker Blechner

Stand: 26.11.2015, 12:36 Uhr

Die Geldflut der Europäischen Zentralbank (EZB) sorgt in der Bundesbank für Unbehagen. Sie warnt vor den Gefahren einer zu langen ultralockeren Geldpolitik in Europa. Die EZB hingegen sieht die größten Risiken in den USA und den Schwellenländern.

Meist reden Notenbanker über die Wirtschaftskonjunktur und die Geldpolitik – und verbreiten Zuversicht. Nur manchmal schlagen sie kritischere Töne an – zum Beispiel dann, wenn sie ihren (halb-)jährlichen Finanzstabilitätsbericht vorstellen.

EZB warnt vor Gefahren plötzlicher Marktumschwünge

Vítor Constâncio, Vizepräsident der EZB

Vítor Constâncio, Vizepräsident der EZB. | Bildquelle: picture alliance / dpa

So warnt die EZB in ihrem neuesten Bericht vor den zunehmenden Gefahren plötzlicher Umschwünge an den Märkten. Das könne etwa durch einen Anstieg der Leitzinsen in den USA ausgelöst werden, sagte EZB-Vizechef Vitor Constancio. Ebenso könnte die Flaute in den Schwellenländern die Finanzstabilität im Euroraum ins Wanken bringen. Constancio nennt besonders China als Risikofaktor. "Unruhen an den Aktienmärkten Chinas und anderer Schwellenländer im August haben zu einem starken und breiten Überschwappen auf die ganze Welt, einschließlich des Euroraums geführt."

Dennoch sieht Constancio keinen Anlass zur Beunruhigung. Das Euro-Finanzsystem habe unter dem Strich seine Widerstandsfähigkeit gegen externe Schocks verbessert. "Insgesamt sehen wir ein niedriges Niveau systemischer Risiken in der Euro-Zone", sagte er. Die europäischen Banken hätten die Turbulenzen in China im zweiten Halbjahr gut weggesteckt. Und auch die in einer Woche anstehende Zinsentscheidung der Notenbank werde sich, so Constanzio, voraussichtlich kaum auf die Stabilitätsrisiken auswirken.

Bundesbank kritisiert Nullzins-Politik

Claudia Buch Deutsche Bundesbank

Claudia Buch Deutsche Bundesbank. | Quelle: picture-alliance/dpa

Das sieht man naturgemäß bei der Bundesbank etwas anders. Sie hält die wachsende Geldflut und die lockere Geldpolitik der EZB für gefährlich. "Je länger niedrige Zinsen andauern, desto mehr bestehen für die Marktteilnehmer Anreize, erhöhte Risiken einzugehen", sagte Vizepräsidentin Claudia Buch. Das könne zu einer Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems werden.

Besonders besorgt blickt die Bundesbank auf die Lebensversicherer. Bei ihnen sei das Risiko groß, dass die Erträge künftig nicht mehr ausreichten, um Zinsversprechen einzuhalten. Noch hätten die Versicherer aber Zeit gegenzusteuern.

Gefahr für Lebensversicherer und kleinere Banken

Auch für kleine und mittlere Geldinstitute könne die anhaltende Phase sehr niedriger Zinsen mittel- bis langfristig zu einer ernsten Gefahr werden, warnte Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret. Schon jetzt leiden deutsche Banken unter einer nachhaltigen Ertragsschwäche.

Noch seien aber die Folgen der Niedrig-Zinsen begrenzt. Die meisten deutschen Banken stünden stabil da. Auch die Risiken im Immobilienbereich schätzt die Bundesbank aktuell als gering ein. Bei Wohnimmobilien gebe es bisher keine Preisblasen. Vor einem Jahr hatte sich die Bundesbank hier noch skeptischer geäußert.

Am 3. Dezember wird die EZB bei ihrer nächsten Ratssitzung über eine Ausweitung des seit März laufenden Billionen-Programms zum Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren entscheiden. Zudem könnten Geschäftsbanken höhere Strafzinsen für Einlagen bei der Notenbank auferlegt werden.

Weidmann gegen Draghi

Jens Weidmann (l.) Präsident der Bundesbank und EZB-Präsident Mario Draghi im Gespräch

Weidmann und Draghi. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Vor knapp einer Woche kündigte EZB-Präsident Mario Draghi auf dem European Banking Kongress in Frankfurt möglicherweise noch drastischere geldpolitische Maßnahmen an. "Wir werden das tun, was wir machen müssen, um die Inflation so schnell wie möglich zu erhöhen", sagte der Italiener vor der Banken-Elite.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann sprach sich erneut gegen eine Ausweitung der EZB-Geldflut aus. "Die bereits beschlossenen geldpolitischen Maßnahmen brauchen Zeit, um ihre volle Wirkung für die konjunkturelle Wirkung zu entfalten", erklärte er auf dem Bankenkongress. Die niedrige Inflation findet Weidmann nicht all zu schlimm. "Der Rückgang der Ölpreise sei mehr ein wirtschaftlicher Anreiz für die Euro-Zone als ein Indikator für Deflation. Darüber hinaus liege die Kerninflation unter Ausklammerung des Ölpreises bei 1,0 Prozent. In zwei Jahren könnte hier das angestrebte Niveau von zwei Prozent wieder erreicht werden, glaubt er.

Philipp Hildebrand, ehemaliger Präsident der Schweizer Notenbank und jetzt Vizechef von Blackrock, hält indes den Einfluss der EZB für begrenzt. "Europa hat ein Strukturproblem", meint er im Interview mit Spiegel-Online. Arbeits- und Produktmärkte seien überreguliert, Investitionen lohnen sich zu wenig, das Wachstumspotenzial sei gering. "Hier kann die Geldpolitik nichts machen." Da brauche es die Bereitschaft der Politik, alte Strukturen aufzubrechen.  

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Die größten Risiken für die Finanzstabilität

Immobilienblase, Zinswende und Schattenbanken

Janet Yellen

Zinswende in den USA

Tut sie's oder tut sie's nicht? Seit Monaten wird darüber spekuliert, dass Fed-Präsidentin Janet Yellen die Zinsen anhebt. Mitte Dezember könnte es so weit sein. Dann steige die Gefahr von plötzlichen Umschwüngen an den Finanzmärkten, warnt die EZB. Tatsächlich könnte die Zinswende zu einer großen Umschichtung von Anleihen-Geldern in den Dollar-Raum führen.

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