Seitenueberschrift

Geldpolitik

EZB-Präsident Mario Draghi auf einer Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt

EZB-Entscheid

Draghi enttäuscht die Börsen

Stand: 03.12.2015, 15:20 Uhr

"Super Mario" hat diesmal die hohen Erwartungen der Anleger nicht erfüllt. Die Europäische Zentralbank (EZB) verlängert lediglich ihr Anleihenkaufprogramm um sechs Monate und senkt den Einlagenzins auf minus 0,3 Prozent. Der Dax bricht ein. Gewinner des Tages ist der Euro.

Auf der Pressekonferenz kündigte EZB-Präsident Mario Draghi eine zeitliche Ausweitung des Anleihekaufprogramms an. Die Käufe sollen bis März 2017 um ein halbes Jahr verlängert werden. Notfalls könne das Programm auch danach noch weiterlaufen, sollte die derzeit extrem niedrige Inflation sich bis dahin nicht in Richtung des EZB-Ziels von knapp unter 2,00 Prozent bewegt haben, sagte Draghi. Doch die Investoren hatten deutlich mehr erwartet.

Höherer Strafzins für Banken

Eine dreiviertel Stunde zuvor - um 13:45 Uhr - hatte die EZB ihren zinspolitischen Entscheid bekannt gegeben. Statt 0,2 Prozent müssen Banken künftig 0,3 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Der Einlagenzins der Notenbank fungiert derzeit als Strafzins, um Banken zur Kreditvergabe zu bewegen. Der Leitzins im Euroraum verharrt unterdessen auf dem Rekordtief von 0,05 Prozent.

Die meisten Beobachter hatten mit einer Absenkung des Einlagenzinses gerechnet. Nur das Ausmaß war umstritten. "Die Senkung des Einlagezinses um zehn Basispunkte ist eine klare Enttäuschung", sagte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. "Im Markt war mit einer Senkung um 15 oder 20 Basispunkte gerechnet worden." Einem Händler zufolge hatten einige Marktakteure sogar darauf spekuliert, dass auch der Leitzins gesenkt werde.

Euro hui, Dax pfui

Die Reaktion an den Finanzmärkten war eindeutig: Der Dax drehte klar ins Minus und ruschte zeitweise um mehr als drei Prozent ab - auf unter 10.800 Punkte. Ähnlich dramatisch war die Reaktion an den Devisenmärkten: Die europäische Gemeinschaftswährung zog um gut zwei Cent auf rund 1,08 Dollar an. Unmittelbar vor dem Zinsentscheid war der Euro auf Achterbahnfahrt gegangen. Der Goldpreis verharrte bei 1.055 Dollar je Feinunze. In Euro fiel das gelbe Edelmetall auf 988 Euro je Feinunze.

Die Mehrheit der Beobachter hatte eine Ausweitung des Anleihekaufprogramms gegen die nach Einschätzung der EZB zu niedrige Inflation im Euroraum vorausgesagt. Einem Händler zufolge sei am Markt mit einer Aufstockung des Volumens der monatlichen Käufe um mindestens zehn Milliarden Euro gerechnet worden. Diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Die EZB habe die mit ihrer eigenen Kommunikationspolitik geweckten Erwartungen enttäuscht und somit ihrer Glaubwürdigkeit keinen Gefallen getan, monierte Ralf Umlauf von der Helaba.

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,1305
Differenz absolut
0,00
Differenz relativ
+0,13%
Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10.529,59
Differenz absolut
-93,38
Differenz relativ
-0,88%

Draghi will mehr Inflation

Audio allgemein - Startbild

ARD-Börse: Reaktion der Anleger auf die EZB-Zinsentscheidung

EZB-Präsident Mario Draghi hatte zuletzt betont: "Wir werden alles Notwendige tun, um die Inflation so schnell wie möglich wieder zu erhöhen." Seit März pumpt die EZB über Anleihenkäufe monatlich 60 Milliarden Euro in den Markt. Die Wirkung von Anleihenkäufen ist unter Volkswirten und Notenbankern umstritten, weil bereits extrem viel billiges Zentralbankgeld im Umlauf ist und die Zinsen weiterhin historisch niedrig bleiben.

Für 2016 erwartet die EZB eine Inflation in der Euro-Zone von 1,0 Prozent. Bisher war sie von 1,1 Prozent ausgegangen. Für 2017 sagen die Notenbanker nun eine Teuerungsrate von 1,6 Prozent voraus - nach zuletzt 1,7 Prozent. Die Konjunkturaussichten sieht die EZB dagegen etwas rosiger. Für das laufende Jahr erwarten die Notenbanker ein BIP-Wachstum in der Euro-Zone von 1,5 Prozent. Bisher war ein Plus von 1,4 Prozent vorausgesagt worden. 2016 soll das BIP um 1,7 Prozent, 2017 um 1,9 Prozent wachsen.

nb

1/11

Was Experten zur EZB-Entscheidung sagen

Kritik überwiegt

Martin Wansleben DIHK

Martin Wansleben DIHK

"Der Aktionismus der EZB ist übertrieben. Statt immer neuer Maßnahmen wäre Gelassenheit besser gewesen. Die Ausweitung der Staatsanleihen-Käufe steigert noch einmal die Risiken, die sich das Eurosystem in die Bilanz holt. Und weiterhin gilt: Je mehr die Mitgliedsstaaten sich an die Unterstützung der EZB gewöhnen, desto weniger Anreiz gibt es für eine solide Haushaltsführung. Die weitere Senkung des Einlagenzinses ist nicht geeignet, die Kreditvergabe an die Wirtschaft zu stärken."

Darstellung: