Seitenueberschrift

EZB-Zinsentscheid

Draghis Worte machen Investoren glücklich

Wie von den Experten erwartet, bleibt der Leitzins der EZB zwar bei 0,5 Prozent. Die nachfolgende Pressekonferenz bringt die Märkte dann aber richtig zum Tanzen: Der Dax überspringt wieder die Marke von 8.000 Punkten.

Die zuletzt wieder etwas besseren Konjunkturdaten aus der Euro-Zone hatten bereits angedeutet, dass EZB-Boss Mario Draghi derzeit keinen Handlungsbedarf bezüglich einer weiteren Zinssenkung sieht.

Das Geschäftsklima verbesserte sich gerade auch bei Unternehmen in Krisenländern, und die Verbraucherstimmung im Euroraum kletterte im Juni auf den höchsten Stand seit fast zwei Jahren. Erst Anfang Mai hatte die Notenbank den Leitzins auf das historisch niedrige Niveau von 0,5 Prozent gesenkt.  

"Keine Zweifel an lockerer Geldpolitik"

Aber die Zinssenkungsfantasie ist durch den aktuellen Entscheid keineswegs Geschichte. "Auf Sicht dreier Monate rechnen wir dennoch mit einer weiteren Lockerung der Zinszügel auf dann 0,25 Prozent", schrieben jüngst die Experten der DZ Bank.

Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9409.71
Differenz absolut
91.89
Differenz relativ
+0.99%

Draghis Aussagen auf der Pressekonferenz stützen diese These und sorgen bei den Anlegern für Freudensprünge. Aktuelle oder gar niedrigere Zinsen seien für einen längeren Zeitraum notwendig, lässt der EZB-Präsident wissen. "Diese Formulierung beinhaltet gleich zwei bedeutende Neuerungen", kommentiert Postbank-Experte Marco Bargel. Erstmals äußere die EZB damit klar und eindeutig, dass Leitzinserhöhungen für eine längere Zeit praktisch ausgeschlossen seien, während sie bislang stets verkündet habe, dass sie sich niemals im Vorhinein festlege. "Und sie bekannte sie erstmals ausdrücklich zu der Neigung, den Leitzins in eine bestimmte Richtung zu verändern, d.h. im konkreten Fall zu senken", so Bargel.

Die Entscheidung, das Versprechen abzugeben, sei im geldpolitischen Rat einstimmig gefällt worden. Draghi bezeichnete das Vorgehen selbst als Form von "Forward Guidance". Mit dieser Kommunikationspolitik nähert sich der EZB-Rat den angelsächsischen Gepflogenheiten weiter an.

Bereits EZB-Direktor Benoît Coeuré hatte kürzlich betont: "Es sollte keine Zweifel geben, dass ein Ende der lockeren Geldpolitik weit entfernt ist." "Die EZB lässt sich bezüglich der zukünftigen Geldpolitik alle Optionen offen", kommentierte Helaba-Analyst Ulrich Wortberg. Zudem sei die Tür für eine Zinssenkung bei einer der kommenden Ratssitzung weit geöffnet.

Mario Draghi

Mario Draghi

Da geht noch was

Denn trotz der zuletzt etwas besseren Wirtschaftsdaten bleibt die EZB bezüglich der wirtschaftlichen Perspektiven vorsichtig: Obwohl sich die Wirtschaft nach Ansicht der EZB im weiteren Jahresverlauf und 2014 stabilisieren sollte, überwögen die Abwärtsrisiken, teilte Draghi mit.

»Es gibt eine ganz klare Botschaft, dass die Notenbank noch im Krisenmodus ist und dass es jetzt eine Vorfestlegung gibt, dass die Zinsen noch eine längere Zeit niedrig bleiben. Man lässt sich alle Optionen offen und wird die Zinsen bei Bedarf weiter senken. Aber zunächst dürfte der Fokus auf unkonventionellen Maßnahmen liegen.«

Alexander Krüger, Bankhaus Lampe

Die Märkte hatten den Zinsentscheid noch gelassen hingenommen, auf die laufende Pressekonferenz reagierten die Investoren aber deutlicher. Der Dax steigt um mehr als zwei Prozent auf ein Tageshoch bei 8.015,08 Punkte. Der Euro sackte bis unter die Marke von 1,29 Dollar. Insgesamt gehen Fachleute davon aus, dass der Dollar den Euro künftig nachhaltig übertrumpfen dürfte.

»Das Wesentliche ist dieser 'längere Zeitraum' und die Abwärtstendenz bei den Zinsen, von denen Draghi spricht. Ich glaube, er will mit diesen Aussagen erst einmal das Marktzins-Niveau stabilisieren, und das hat er sicherlich erreicht. Ob die Zinsen tatsächlich noch einmal gesenkt werden oder ob wir sehr lange auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben, ist meiner Einschätzung nach noch offen. Letztendlich werden die Daten entscheiden.«

Michael Schubert, Commerzbank

ts

Stand: 04.07.2013, 15:23 Uhr

Darstellung: