Interview

Dr. Eberhardt Unger

Rentenmarkt schwer unter Druck "Eine Geldschwemme in einem Meer von Schulden"

Stand: 15.11.2016, 13:27 Uhr

An den globalen Rentenmärkten geht nach der US-Präsidentschaftswahl derzeit die Angst um. Angst vor der Zinswende. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus. boerse.ARD.de sprach hierüber mit Eberhardt Unger, Chefvolkswirt von fairesearch.

Boerse.ARD.de: Nach dem Wahlsieg von Donald Trump steigen die Rentenrenditen weltweit. Warum fallen nicht, wie erwartet, die Aktien sondern die Rentenkurse?

Eberhardt Unger: Das hat mit den geänderten Inflationserwartungen der Anleger zu tun, die sich aus den bisher bekannt gewordenen schuldenfinanzierten Konjunkturplänen des designierten Präsidenten Trump ergeben. Dabei müssen die Anleger vorsichtig sein, dass sich keine Eigendynamik entwickelt, die dann nur noch sehr schwer zu stoppen ist. Denn entstehen könnte eine Geldschwemme in einem Meer von Schulden.

Hinzu kommen die zu erwartenden Zinserhöhungen der Fed, die dann auch die Sätze am Geldmarkt nach oben treiben werden. Ich rechne dabei mit einem Viertel Prozent im Dezember und im kommenden Jahr mit weiteren Erhöhungen zwischen 0,5 und 1,0 Prozent im Jahr 2017. Die Rentenkurse dürften also unter Druck bleiben.

Boerse.ARD.de: Und wie lässt sich die Hausse am Aktienmarkt erklären?

Eberhardt Unger: Gewinner sind zunächst diejenigen Aktien, die von den in Aussicht gestellten Investitionsplänen profitieren, also vor allem Zykliker. Aber auch Banken wegen der möglicher regulatorischer Entlastungen. Verlierer sind die Papiere der US-Exportwirtschaft. Für Tech-Aktien wäre ich weiterhin neutral eingestellt.

Boerse.ARD.de: Was soll der Anleger also tun?

Eberhardt Unger: So viel wie möglich Liquidität halten, aber auch Gold. Alan Greenspan hat gesagt, dass Gold die einzige de facto Währung sei, die nicht durch übermäßiges Drucken entwertet werden kann. Dafür spricht auch, dass alle Zentralbanken einen Teil ihrer Währungsreserven in Gold halten und in den letzten Jahren den Anteil aufgestockt haben.

Vorsicht dabei aber mit dem Dollar. Der bleibt gegenüber dem Euro gefährdet, denn die fundamentalen Daten der Volkswirtschaft spiegeln die Unstabilität. Das chronische Defizit in der Leistungsbilanz und die rekordhohe Verschuldung haben inzwischen die Netto-Investment Position der USA gegenüber dem Ausland auf ein historisches Tief von acht Billionen Dollar gedrückt. Die USA haben die höchsten Auslandsschulden und brauchen das Ausland für die Gegenfinanzierung. Allein China hält drei Billionen Dollar an Staatsanleihen. Die Gesamtverschuldung müsste die Ratingagenturen 2017 zu einer Herabstufung der USA veranlassen.

Boerse.ARD.de: Aber die zu erwartenden Zinserhöhungen stützen den Greenback doch, wie man gerade sieht.

Eberhardt Unger: Das ist der einzige Pluspunkt für den Dollar, die kurzfristigen Zinserwartungen. Aber nochmal, von den Fundamentaldaten her, ist der Dollar ein Abwertungskandidat.

Boerse.ARD.de: Wo kann das Ganze hinführen?

Eberhardt Unger: Solange das Vertrauen in die USA hoch bleibt, kann das Spiel mit der Druckerpresse erst mal weiter gehen. Aber Vertrauen kann auch kippen, denken Sie nur an Griechenland oder jetzt an Italien. Dort muss Ministerpräsident Renzi seine Vertrauensabstimmung erst einmal gewinnen, sonst ziehen sich die Ausländer zurück und die Renditen steigen. Im Falle der USA bliebe dann nur noch die Fed übrig, die die Staatsanleihen aufnehmen könnte im Rahmen einer massiven Erhöhung ihrer QE-Programme. Doch eine vertrauensbildende Maßnahme in den US-Dollar wäre das auch nicht. Die Märkte könnten es als Kapitulation auslegen.

Das Gespräch führte Robert Minde

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