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Interview

Georg von Wallwitz

Fondsmanager warnt:

"Verlieben Sie sich nie in Ihre Aktien!"

Stand: 25.11.2015, 13:29 Uhr

Im Gespräch mit boerse.ARD.de erklärt Vermögensverwalter Georg Graf von Wallwitz, welche Fehler Investoren vermeiden sollten und warum ETFs nicht für alle Anlegertypen geeignet sind.

boerse.ARD.de: Das Börsenjahr neigt sich seinem Ende zu, die Jahresendrally ist mal wieder in aller Munde. Herr von Wallwitz, stehen wir tatsächlich vor einer saisonalen Stärkephase – oder haben wir das Beste schon hinter uns?

Georg Graf von Wallwitz: Ich würde schon sagen, dass der Dezember noch mal ein guter Monat wird. Denn die Leute schauen jetzt auf die Gewinnversprechungen der Unternehmen für das nächste Jahr. Und die hören sich immer gut an. Deswegen dürfte dieser positive Impetus die Märkte noch eine Weile tragen – bis ins kommende Frühjahr hinein.

boerse.ARD.de: Und was passiert dann? Droht uns dann der "Crash", der schon wieder in zahlreichen Jahresausblicken beschworen wird?

Von Wallwitz: Das ist auch eine Frage der Einstellung beziehungsweise der Positionierung: War das, was wir im Sommer gesehen haben – ein Minus von zeitweise über 20 Prozent im Dax – wirklich ein Crash? Oder war das nicht letztlich eine Bewegung, die am Aktienmarkt völlig normal ist?! Wer solche Bewegungen nicht aushält, sollte eigentlich keine Aktien besitzen. Ein Crash war der Sommer 2015 eigentlich nur für diejenigen Anleger, die oben eingestiegen und ganz unten wieder ausgestiegen sind. Für Anleger, die ihre Positionen gehalten haben, war das Börsenjahr mit einer Dax-Rendite von bislang mehr als zehn Prozent absolut in Ordnung.

boerse.ARD.de: Und was ist mit 2016?

Von Wallwitz: Im nächsten Jahr wird es wahrscheinlich etwas mühsamer als in diesem Jahr, weil wir in den USA ein Umfeld von tendenziell steigenden Zinsen und infolgedessen einen recht starken Dollar haben, unter dem die Gewinne der US-Unternehmen leiden werden. Und dass sich die europäischen Börsen von der Weltleitbörse abkoppeln, so etwas hat es wahrscheinlich zuletzt in den 1950er Jahren gegeben. Die Aktienkauflaune dürfte sich also auch hier eintrüben. Einen echten Crash wie bei der Dotcom- oder der Lehman-Krise sehe ich aber nicht. Einfach deshalb, weil ich in Europa und den USA keine nennenswerten Blasen sehe.

boerse.ARD.de: Aus der China-Blase ist ja schon ein wenig Luft entwichen…

Von Wallwitz: Ganz genau. China wird aber auch nicht einfach verschwinden. China wird etwas langsamer wachsen, der Spaß ist ein bisschen raus. Aber es ist jetzt nicht so, dass die chinesische Wirtschaft kollabieren wird. Dazu sind die Taschen der Regierung zu tief und die Währungsreserven zu groß. Über einen Crash an Chinas Festlandbörsen mache ich mir keine großen Gedanken, das erinnert ohnehin stark an ein Spielcasino. Da investieren ja selbst 16-Jährige. Da bin ich einfach zu alt dafür, um an chinesischen Festlandbörsen zu investieren. Das ist nichts für Investoren, nur für Spieler. Ich halte mich da lieber an die Börse in Hong Kong.

boerse.ARD.de: Stocken Sie in dieser Gemengelage beim "Phaidros Balanced" die Aktienquote jetzt noch auf – oder bauen Sie eher Positionen ab?

Von Wallwitz: Wir lassen die Aktienquote erst einmal so, wie sie ist, bei etwa 55 Prozent. So können wir an dem laufenden Aufschwung weiterhin partizipieren. Wir sehen aktuell keinen Anlass, an unserem Portfolio etwas großartig zu ändern. Von Fondsmanagern werden bei Ereignissen wie jetzt im Sommer immer großartige Reaktionen verlangt. Wir wurden etwa gefragt, ob wir jetzt nicht Rohstoffe verkaufen müssten. Aber ehrlich gesagt: Wir hatten das alles nicht im Portfolio. Dass der Commodity Supercycle zu Ende ist und dass das chinesische Wachstumsmodell ein Problem hat, wusste man doch schon seit Monaten und Jahren. Genau genommen sind diejenigen, die reagieren müssen, weil sie auf dem falschen Fuß erwischt wurden, arme Schweine: Ich kenne dieses Gefühl durchaus auch. Wenn man wartet, bis man reagieren muss, dann hat man ohnehin etwas falsch gemacht, dann hat man die Entwicklung nicht oder falsch antizipiert. Wir reagieren nicht, wir agieren lieber.

boerse.ARD.de: Wie agieren Sie denn konkret? Wie gehen Sie bei der Aktienauswahl vor?

Von Wallwitz: Wir sind eher Value-Investoren. Wir schauen, wo wir für das Risiko, welches wir uns einkaufen, die größtmögliche Rendite bekommen. Ist das Risiko gut bezahlt? Das ist die Grundfrage bei der Auswahl von Einzeltiteln und auch Fonds. Zur Beantwortung verfolgen wir zunächst einen Makro-Ansatz: Wie ist die Welt derzeit gestrickt? Was sind die großen Trends? Wie können wir uns entsprechend positionieren? Wenn zum Beispiel der Commodity Supercycle vorbei ist, dann müssen wir uns auch nicht durch hunderte Bilanzen quälen – denn die sehen alle schrecklich aus. Dann meiden wir einfach alle Rohstoffaktien. Bei der Auswahl von Einzeltiteln gehen wir letztlich nach Value-Gesichtspunkten vor, wir schauen also aufs KGV, den Buchwert, die erwartete Dividendenrendite. Ein funktionierendes Geschäftsmodell und eine gute Marktpositionierung sind weitere Kriterien.

boerse.ARD.de: Amazon ist nach wie vor die größte Position im Phaidros Balanced. Was begeistert Sie so an dieser Aktie?

Von Wallwitz: Amazon hat sich eine Marktposition erarbeitet, um die man einfach nicht herumkommt. Die haben eine gewaltige Infrastruktur gebaut, gegen die sonst niemand antreten kann. Deswegen ist Amazon per se immer der Anbieter, der im E-Commerce den niedrigsten Preis und den besten Service bieten kann. Zugleich hat Amazon die Möglichkeit, Monopolrenditen zu erwirtschaften. Das ist eine fantastische Sache. Das gibt ihnen den Raum, auch in andere Bereiche zu investieren wie etwa in Data-Storage und -Management. Auch das ist ein stark oligopolistischer Markt. Beim Blick auf klassische Value-Kriterien wie KGV tut man sich allerdings schwer, Amazon als Kauf einzustufen. Das muss man dann einfach für kurze Zeit ausblenden. Denn Amazon verzichtet aktuell bewusst auf Gewinne und investiert das Geld lieber in Logistik, um mittel- und langfristig die Renditen zu steigern.

boerse.ARD.de: Wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, ihren Fonds nach einem Werk des griechischen Philosophen Platon zu benennen? Wo ist die Verbindung?

Von Wallwitz: Aus Platons Phaidros stammt das Bild vom Streitwagen und seinem die Rosse bändigenden Lenker, der Seele. Einige Rösser tendieren nach unten und drohen, den Wagen zu crashen. Andere Rösser hingegen tendieren in den Himmel, ins Unendliche. Dieses Seelenmodell fanden wir recht passend, um unsere Anlagestrategie zu charakterisieren. Denn auch an der Börse geht es darum, dass man den Mittelweg beibehält, nicht zu sehr nach oben abschweift oder nur nach unten drängt. Auch der Abschnitt zur wahren Liebe, die es im alten Griechenland natürlich nur unter Männern gab, hat einen Bezug zur Börse. Ist man in jemanden verliebt, so macht man lauter merkwürdige Sachen, zieht sich albern an und macht sich auch ansonsten peinlich…

boerse.ARD.de: Anleger sollten sich also davor hüten, sich in ihre Aktien zu verlieben?

Von Wallwitz: Das ist genau der Punkt: Man hat immer die Tendenz, sich in das zu verlieben, was man im Portfolio hat nach dem Motto: Das muss doch toll sein. Aber das ist ein Fehler, den es zu vermeiden gilt. Sehen Sie, eine unserer größten Positionen ist Hugo Boss, die aktuell gar nicht toll läuft. Hier fragen wir uns durchaus kritisch: Stimmt unser Investment noch? Auf einem Investment zu beharren, nur weil man irgendwann einmal überzeugt davon war, ist keine empfehlenswerte Anlagestrategie. Besser ist es, sich gar nicht erst in seine Aktie zu verlieben und gegebenenfalls ganz nüchtern die Verluste abzuschneiden.

boerse.ARD.de: Der ETF-Boom macht Ihrer Branche schwer zu schaffen. Selbst Warren Buffett rät seinen Erben zu einem Investment in einen ETF auf den S&P 500. Warum also sollten Anleger ihr Geld überhaupt noch einem Manager anvertrauen?

Von Wallwitz: Anleger, die einen guten Vermögensverwalter von einem schlechten nicht unterscheiden können, sind wahrscheinlich mit einem ETF in der Tat besser bedient. Damit bezieht man gewissermaßen eine neutrale Position und noch dazu die kostengünstigste. Das Problem mit ETFs ist, dass sie den Anleger nicht unbedingt vor den Fehlern bewahren, die an der Börse gerne gemacht werden, wie etwa bestimmten Moden zu folgen, oder zu kaufen, wenn die Märkte ganz oben sind und zu verkaufen, wenn sie tief gefallen sind. Das sind alles Fehler, die ein guter aktiver Fondsmanger zu vermeiden hilft. So haben wir etwa im August an unsere Investoren geschrieben, dass der Kurseinbruch eine super Kaufgelegenheit ist. Und genau das ist es, was die meisten Anleger brauchen: Einen erfahrenen Berater, der ihnen erklärt, warum das Sommertheater um China jetzt nun auch wieder nicht so dramatisch ist. Einen, der an bestimmten Punkten auch eine antizyklische Position bezieht und zum Beispiel nicht im März noch China-Aktien kauft, wenn alle China-Aktien haben wollen. ETFs sind etwas für Anleger, die auch das Nervenkostüm und das finanzielle Polster haben, mal 20 bis 40 Prozent zu verlieren. Solche Anlegertypen stehen mit einem ETF nicht schlecht da, das passt schon. Nur trifft das eben auf nicht gerade viele Anleger zu. Insofern gibt es für den aktiven Fondsmanager, der den Leuten erklärt, warum etwas passiert und welche Schlüsse man daraus ziehen soll, durchaus eine Zukunft.

boerse.ARD.de: Allerdings ist der aktive Fondsmanager häufig auch nur eine Mogelpackung. Da steht dann aktiv drauf, de facto wird aber nur ein Index nachgebildet…

Von Wallwitz: Das stimmt in der Tat. Ich ziehe an dieser Stelle gerne den Vergleich zur Malerei, als die Fotografie aufkam. Damals waren alle Maler verzweifelt. Viele von ihnen haben einfach nur gedankenlos die Natur abgepinselt. Die hatten natürlich gegen Fotografien keine Chance, diese waren wesentlich besser und präziser in der Abbildung. Ich denke, auch bei den aktiven Fondsmanagern wird es so kommen: Die schlechten Landschaftsmaler und drittklassigen Porträtisten werden verschwinden. Aber für die Monets, Manets und Cézannes wird nach wie vor Platz sein.

Das Gespräch führte Angela Göpfert.

Georg Friedrich Graf von Wallwitz ist seit 2004 geschäftsführender Gesellschafter von Eyb & Wallwitz. Das von ihm mitgegründete Unternehmen verwaltet inzwischen rund 600 Millionen Euro. Das Flaggschiff ist der "Phaidros Balanced". Dieser wird von Morningstar mit fünf Sternen bewertet und zählt damit zu den besten global investierenden Mischfonds. Zu den Top Holdings gehören Amazon, Hugo Boss, BASF, Apple und UBS.

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