Stefan Müller

Interview: Stefan Müller, DGWA Sind Aktienmärkte wirklich effizient?

Stand: 10.05.2017, 11:29 Uhr

Handelt es sich bei unseren Börsen wirklich um effiziente Kapitalmärkte, in denen alle Marktteilnehmer gleich informiert sind und entsprechend handeln? Und wenn nicht, wie profitiert man davon? Wir haben darüber mit einem erfahrenen Börsenhändler und Marktexperten gesprochen.

boerse.ARD.de: Herr Müller, in der Theorie kommen moderne Kapitalmärkte dem Ideal effizienter Märkte nahe: Alle Teilnehmer verfügen zeitnah über die relevanten Informationen, was sich in den Kursen quasi in Echtzeit niederschlägt. Was sagt Ihre Erfahrung? Ist das am Aktienmarkt wirklich so?

Stefan Müller: In der Theorie ja, in der Praxis nein! In der Tat haben zwar alle Marktteilnehmer, egal ob Profi oder Privat, heutzutage zeitgleich Zugang zu den kursbewegenden Informationen - es macht nur kaum jemand. Mit der Bedeutung und den Handelsvolumina entsprechender Produkte nimmt auch das Interesse an Informationen ab.

So kann man zwar davon ausgehen, dass so gut wie alle Spieler in den Währungs- und großen Zinsfutures auf dem gleichen Informationsstand sind, aber bereits in den kleineren Dax-Werten und erst recht in den Nebenwerten investiert die Mehrheit mehr aus dem Bauch heraus, anstatt sich wirklich mit den frei zugänglichen Informationen auseinander zu setzen und daraus entsprechenden Nutzen zu ziehen.

boerse.ARD.de: Woran liegt das?

Müller: Es ist zum Teil sicher die spannende Kombination aus Gier und Unwissenheit. Die Gewinnchancen an der Börse sind allen bekannt, aber die wenigsten wissen mit dem Thema professionell umzugehen, weshalb immer wieder unstrukturierte und überhastete Investmententscheidungen getroffen werden, häufig aus der Angst heraus, den schnellen Gewinn zu verpassen oder auf Empfehlung eines dieser „Börsengurus“ hin.

Jede größere Kaufentscheidung wie zum Beispiel Auto oder Fernseher wird erst nach einer langen Analyse von Prospekten, Tests und Erfahrungsberichten getroffen. Bei Aktien, einem Bereich, in dem Transparenz auch noch gesetzlich vorgeschrieben ist und es häufig um große Summen geht, wird eine strukturierte Herangehensweise trotz der Fülle an verfügbaren Informationen nach wie vor häufig vernachlässigt.

boerse.ARD.de: Es will also nicht so recht funktionieren mit dem effizienten Aktienmarkt. Aber was die Theoretiker betrübt, muss für Privatanleger ja nicht grundsätzlich schlecht sein. Was raten Sie Anlegern, um von solchen Ineffizienzen zu profitieren?

Müller: Die meisten der börsennotierten Unternehmen, egal ob klein oder groß, begegnen uns mit ihren Produkten und Dienstleistungen regelmäßig und nahezu überall. Daher handelt es sich bei der Börse eben nicht um ein Buch mit sieben Siegeln, sondern zumindest ein Stück weit um das Abbild unseres Alltags. Jeder ist daher in der Lage, sich als Konsument durch Inanspruchnahme von Produkten und Dienstleistungen börsennotierter Unternehmen einen eigenen Eindruck von diesen zu machen und daraus das Potenzial der entsprechenden Aktien herzuleiten. Und schaut man sich die Gewinner und Verlierer der vergangenen Jahre an, so sind häufig eben genau diese Parallelen zwischen dem „wirklichen Leben“ und der Börse erkennbar.

Es braucht also oft nur einen wachsamen Blick und praktische Auffassungsgabe für die richtige Investmententscheidung. Zuviel angewandte Theorie ist daher fast schon kontraproduktiv, da sich das Leben draußen und nicht in den Bankentürmen abspielt.

boerse.ARD.de: Gibt es außer dem schon angesprochenen Futures-Handel weitere Bereiche des Kapitalmarkts, die nach Ihrer Erfahrung dem Ideal des effizienten Marktes nahekommen?

Müller: Ja, mit Sicherheit die großen Devisen- und Rentenmärkte und mit Abstrichen auch die Gold- und Energiemärkte. Diese werden durch wenige, dafür aber sehr bedeutsame politische, wirtschaftliche und leider auch kriminelle Ereignisse bewegt, um deren Wissen man sich gar nicht drücken kann. Ansonsten folgen sie langfristigen Trends, die ebenfalls quasi Teil des Allgemeinwissens sind. Auch sind in diesen Märkten tausende Akteure weltweit und zeitgleich tätig, jede Unwissenheit wird hier umgehend und brutal ausgenutzt.

boerse.ARD.de: Und welche Bereiche sind am ineffizientesten?

Müller: Die Aktienmärkte an sich sind deutlich ineffizienter als Währungs- und Rentenmärkte, da es immer einzelne Unternehmensstories sind, die den Kurs beeinflussen und die Einschätzung dieser Gesellschaften viel komplexer und vielschichtiger ist. Das bedeutet, dass die Marktteilnehmer zum einen zu stellenweise sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen, oder sich zum anderen gar nicht erst die Mühe machen, sich tief in die Unternehmen hinein zu denken.

Aber genau hier liegt die Chance: Denn mit ein wenig Recherche, Produkt- und Branchenkenntnissen kann sich eigentlich jeder ein „legales Insiderwissen“ aneignen und so intelligente und fundierte Investmententscheidungen treffen.

In Deutschland zum Beispiel finden sich unterhalb der Dax- und MDax Aktien kaum noch Werte, welche regelmäßig und kompetent analysiert werden. Daher ergeben sich immer wieder Möglichkeiten, offensichtliche Entwicklungen vor der breiten Masse, also bevor sich Banken, Presse und andere Multiplikatoren der Sache annehmen, zu entdecken.

boerse.ARD.de: Wie sollen Privatanleger dabei vorgehen?

Müller: Wir empfehlen Anlegern, sich Sektoren mit entsprechendem Potenzial herauszusuchen und sich – falls möglich – auf den deutschsprachigen Raum zu konzentrieren. Innerhalb dieser Branchen findet man relativ schnell die börsennotierten Unternehmen und bekommt in Verbindung mit der eigenen Analyse schnell ein Gefühl dafür, welche Werte bereits „gespielt“ werden, welche interessant sind und auch welche vernachlässigt werden sollten. Es empfiehlt sich in jedem Fall, ein paar „Testtrades“ ohne Kapitaleinsatz zu platzieren, um die Mechanismen der Börse und die Taktik der Profis in diesen illiquiden Märkten zu verstehen, denn: Der erste selbst analysierte Trade ist schöner, wenn er erfolgreich ist!

Um die Branchenwahl zu vereinfachen: Wir präferieren aktuell zum Beispiel Robotics, 3D beziehungsweise Virtual-Reality-Technologie und die gesamte Infrastruktur rund um die Elektromobilität.


Das Gespräch führte Detlev Landmesser.

Stefan Müller war über 15 Jahre im Börsenhandel bei der Dresdner Bank und Sal. Oppenheim tätig. Heute leitet er die Deutsche Gesellschaft für Wertpapieranalyse (DGWA).

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