Herbstlandschaft mit Regenbogen durch ein Fernglas gesehen

Ausblick auf das zweite Halbjahr Optimismus für Dax & Co

von Notker Blechner

Stand: 30.06.2017, 16:01 Uhr

Nach dem starken ersten Halbjahr könnte es in der zweiten Hälfte 2017 an den Aktienmärkten weiter nach oben gehen. Besonders europäische Aktien stehen auf der Favoritenliste. Die größten Risiken drohen nun… aus den USA.

Selten waren sich die Aktienstrategen so einig wie jetzt. In den Ausblicken auf das zweite Halbjahr empfehlen fast alle von ihnen, europäische Aktien überzugewichten.

"Risiken in Europa haben sich verflüchtigt"

"Europa sollte wieder verstärkt in den Fokus der Anleger rücken", rät Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der Deutschen Asset Management. Denn "die politischen Risiken die vor allem zu Jahresbeginn an den Märkten gespielt wurden, haben sich größtenteils verflüchtigt".

Die Schweizer Bank Julius Bank setzt ebenfalls verstärkt auf europäische Titel. An den Börsen in Europa gebe es noch Aufholpotenzial gegenüber den US-Märkten, meint Lutz Welge, Leiter der Vermögensverwaltung.

Dax "nicht zu teuer"

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Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 6 Monate
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"Europa first", heißt es auch bei anderen Geldinstituten wie der Bethmann Bank. Schließlich sei die Bewertung der europäischen Aktienmärkte immer noch deutlich niedriger als in Amerika, betont Anlagestratege Bernhard Ebert. Tatsächlich liegt das KGV der Dax-Titel derzeit bei gerade mal 13,4. Der S&P 500 ist hingegen mit einem Niveau von 18,6 deutlich teurer. "Dax-Aktien sind so hoch bewertet wie Anfang der 1990er Jahre", sagt Julius-Bär-Anlagestratege Welge. "Sie sind nicht zu teuer."

Zudem haben sich die Konjunkturaussichten in Europa deutlich aufgehellt. "In Europa scheint sich endlich ein synchroner Aufschwung zu bestätigen", analysiert Robert Greil, Chefstratege von Merck Finck Privatbankiers. "Die zyklische Erholung ist seit Beginn dieses Jahres noch stärker geworden." 2017 könnte für Europa zum besten Jahr seit der Finanzkrise mit mindestens 1,6 Prozent Wirtschaftswachstum werden, prophezeit er.

Das Gewinnwachstum der Unternehmen zieht ebenfalls an. In Europa dürfte es nach den Prognosen der Deutschen Asset Management um 13 Prozent zulegen, in den USA nur um zehn Prozent. "Europa zieht an den USA vorbei", sagt Julius-Bär-Stratege Welge.

Deutsche Asset: Lieber europäische als US-Aktien

Die Risiken hätten sich inzwischen mehr von Europa in die USA verlagert, meinen die Experten der Deutsche Asset Management. Die Unsicherheit rund um die künftige Handels- und Unternehmenssteuerpolitik sowie der schwächere US-Dollar sprechen gegen US-Aktien.

S&P 500: Kursverlauf am Börsenplatz S&P Indizes für den Zeitraum 6 Monate
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So rechnet die Deutsche Asset Management mit einer Seitwärtsentwicklung des S&P 500. Dagegen prophezeit die Deutsche-Bank-Tochter für den Dax einen Anstieg um gut 1.000 Zähler auf ein neues Rekordhoch von 13.400 Punkten. Dem EuroStoxx 50 trauen sie ein Plus von vier Prozent auf 3.650 Punkte zu.

"Steigende Fed-Zinsen waren in der Vergangenheit gut für europäische Aktien", hat Julius-Bär-Stratege Welge beobachtet. Er verweist auf die Perioden von 1994/95 und 2004 bis 2006, als die US-Notenbank die Zinsen in mehreren Schritten anhob und parallel der EuroStoxx 600 in Fahrt kam.

Bleibt der Euro stark?

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum 6 Monate
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Allerdings könnte die Euro-Stärke Dax & Co wieder ausbremsen. Die Deutsche Asset Management sieht den Euro auf Jahressicht bei 1,10 Dollar. Die Anfang des Jahres noch bekräftigte Prognose einer Parität von Euro zum Dollar hat die Deutsche Bank inzwischen aufgegeben.

Politische Risiken in Europa könnten freilich jederzeit wieder auflodern. Als größter Brandherd gilt Italien. Das Land befindet sich in einem fragilen Aufschwung. Schon im Herbst könnte es Neuwahlen geben, vielleicht aber auch erst im Mai 2018. Setzt sich dort die Fünfsterne-Bewegung von Beppe Grillo durch, könnte die Angst vor einem Zusammenbruch der Eurozone wieder auffflammen. Laut Umfragen liegen momentan die Euroskeptiker in Italien vorn. Die italienischen Wahlen dürften für Unruhe an den Märkten sorgen, sind sich die Finanzexperten einig.

Die Bundestagswahlen dürften die Anleger relativ kalt lassen. Eine Koalition von CDU und FDP würde wahrscheinlich am besten auf dem Frankfurter Parkett ankommen. Eine Wiederauflage der "Großen Koalition", eine schwarz-grün-gelbe Koalition oder auch eine Ampel-Koalition aus SPD, Grüne und FDP dürften für keine Börsenturbulenzen sorgen. Lediglich eine momentan sehr unwahrscheinliche rot-rot-grüne Koalition von SPD, Linke und Grüne könnte den Dax kurzfristig belasten.

EZB könnte bald auf die Bremse treten

Neben politischen Risiken wird wohl auch die Geldpolitik die Anleger auf Trab halten. "Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte 2017 das Tapering diskutieren", prophezeit Deutsche-Asset-Chefstratege Kreuzkamp. Schon bald könnte es Signale über ein Herunterfahren der Anleihenkäufe geben. Allerdings werde sich die EZB Zeit lassen mit der Straffung der Geldpolitik. Sie dürfte wohl nur in Trippelschritten die Zinswende angehen. "Es ist hohe Zeit für den Ausstieg", forderte in dieser Woche DZ-Bank-Chef Wolfgang Kirsch. Jüngste Äußerungen von EZB-Präsident Mario Draghi machten Hoffnung, "dass die EZB die Glocken endlich läuten hört", sagte Kirsch.

Ganz so ruhig wie im ersten Halbjahr dürfte es denn auch in der zweiten Jahreshälfte nicht (mehr) zugehen. Denn die Volatilität, die aktuell auf einem fast historisch niedrigen Tief von 9,8 liege, werde in den nächsten Monaten wieder anziehen, glauben die Experten der Deutsche Asset Management. Sie verweisen darauf, dass 2017 bisher der maximale Verlust im S&P 500 bei 2,7 Prozent gewesen sei. Durchschnittlich lag in den letzten Jahren der Wert bei 15,7 Prozent. "Die Gefahr für Rücksetzer sind wahrscheinlicher geworden", meint Christian Hille, Leiter der Multi-Asset-Anlagen.

Die schlimmen 7er Jahre

Und dann ist da ja auch noch die Statistik, die gegen steigende Aktienkurse spricht. Wie die Julius Bär Bank herausgefunden hat, gab es seit 1897 in der zweiten Hälfte der 7er Jahre stets Kursverluste. So betrug das Minus 2007 rund elf Prozent. Immerhin: Der Juli war in den 7er Jahren meist noch ein guter Monat, schlimm wurde es dann ab dem Herbst. Anleger müssen sich also bald wieder warm anziehen! Oder den Glauben an die Statistik verdrängen.

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