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Ökonomische Bildung in Deutschland

Stand: 02.07.2014, 16:02 Uhr

Vom Verständnis grundlegender wirtschaftlicher Zusammenhänge bis zur Einordnung von Finanzprodukten - ökonomische Bildung hat viele Facetten und ist gefragter denn je. Im deutschen Bildungs-Wirrwarr hat sie dennoch einen schweren Stand.

In einer Zeit rasender Entwicklungen, technischer Umwälzungen, krisenhafter Finanzblasen und der Globalisierung der Weltwirtschaft scheint es kaum einen wichtigeren Bildungsbereich zu geben, der den Menschen beim Gestalten ihres Lebens nützlicher sein könnte. Dennoch darbt die ökonomische Bildung im Schatten klassischer Bildungsinhalte weiter dahin (sehen Sie auch unseren Überblick Finanzwissen: Mangelhaft).

Teil der Allgemeinbildung

Auch eine einheitliche Definition dessen, was ökonomische Bildung eigentlich ist, welche Kenntnisse hier erworben werden können und welchen Nutzen sie bieten, ist nicht in Sicht. Ein gemeinsamer Nenner in den verschiedenen Begriffsbestimmungen ist immerhin, die ökonomische Bildung als Teil der Allgemeinbildung zu verstehen.

Dabei erfasst sie

»alle Dimensionen wirtschaftlichen Handelns unserer Gesellschaft, wie etwa die betriebliche, volkswirtschaftliche der weltwirtschaftliche Ebene, aber auch die ökonomischen Elemente privater Lebenssituationen.«

So formuliert das  "Institut für ökonomische Bildung" in Oldenburg.

Ökonomische Bildung soll danach  

»Schüler mit den Kenntnissen, Fähigkeiten und Einstellungen ausstatten, um die wirtschaftlichen Zusammenhänge ihrer Lebensumwelt zu verstehen.«

Autoren wie Eberhard Jung, Professor an der Pädagogischen Hochschule in Karlsruhe, betonen andere Aspekte stärker. Ökonomische Bildung habe

»aufklärenden und emanzipatorischen Charakter und dient dazu, den Einzelnen zu befähigen, seine individuellen und kollektiven ökonomischen Lebenssituationen kompetent und verantwortlich zu gestalten.«

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat sich die Definition des Oldenburger Wissenschaftlers Hermann May zu eigen gemacht, ökonomische Bildung könne als

»Qualifikation, das heißt als Ausstattung von Individuen mit Kenntnissen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Verhaltensbereitschaften und Einstellungen, umschrieben werden, wirtschaftlich geprägte Lebenssituationen zu bewältigen.«

Wirtschaftsministerium leistet Überzeugungsarbeit

Diese Definition nutzt auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie. Im Jahr 2012 hat das Ministerium zuletzt eindringlich  auf die Bedeutung der ökonomischen Bildung hingewiesen. Im Mai-Bericht des Hauses wird ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft gefordert; zugleich aber darauf hingewiesen, dass "noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist, bis ökonomische Bildung tatsächlich in allen Bundesländern ein eigenständiges Lehrfach wird."

Die Erkenntnis, dass "ökonomische Bildung ein unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung ist und somit zum Bildungsauftrag der allgemein bildenden Schulen in der Bundesrepublik Deutschland gehört", hatte die Kultusminister-Konferenz der Bundesländer bereits 2011 formuliert. Dabei wurde allerdings gleichzeitig darauf hingewiesen, dass Bildungspolitik in Deutschland weiterhin Ländersache ist.

Eigenständiges Schulfach nur vereinzelt

»Aus diesen Feststellungen der Kultusministerkonferenz folgt aber nicht, dass ökonomische Bildung ein eigenständiges Schulfach in allen Bundesländern ist. Vielmehr erfolgt in manchen Bundesländern die Vermittlung wirtschaftlicher Grundkenntnisse als Teil eines oder mehrerer Fächer. Teilweise erfolgt sie auch außerhalb des Unterrichts, beispielsweise durch Schülerfirmen oder wirtschaftsbezogene Schulprojekte, oder sogar außerhalb der Schule.«

Auf Bundesebene bleibt den Bildungspolitikern einstweilen nur, die Werbetrommel zum Thema zu rühren. Im März 2014 präsentierte das Bundeswirtschaftsministerium zusammen mit dem Bundesbildungsministerium die Initiative "Unternehmergeist in die Schulen" auf der europäischen Bildungsmesse didacta. Sie soll Lehrer und Schulleitungen im Bereich der ökonomischen Bildung unterstützen. Hierbei sollen die Schüler möglichst früh an die "Wirtschaftspraxis" herangeführt werden.

In der Praxis bietet die deutsche Schullandschaft ein buntes Durcheinander. In den meisten Bundesländern werden wirtschafts- oder finanzpolitische Themen weiterhin in Mischfächern wie "Sozial"- oder "Gemeinschaftskunde" abgehandelt. Einige Länder wie Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern bieten den Abiturklassen ein eigenes Fach Wirtschaft an. In Niedersachsen wird dem Thema im Fach "Politik/Wirtschaft" ein breiterer Raum gewidmet.

Verbände und Banken greifen zur Selbsthilfe

Die Förderung der ökonomischen Bildung haben sich einige Universitätsinstitute wie das Institut für Ökonomische Bildung an der Universität Münster oder die Deutsche Gesellschaft für Ökonomische Bildung, ein eingetragener Verein zum Ziel gesetzt.

Angesichts der "Bildungslücke" in den Lehrplänen der Schulen sind einige Finanzdienstleister dazu übergegangen, selbst darüber zu informieren, wie die Wirtschaft im allgemeinen und Finanzprodukte im besonderen funktionieren. Vermögensverwalterverbände wie der VuV (siehe unser Interview mit Andreas Grünewald) informieren in Berufsschulen über Geldanlage. Und die Deutsche Bank stellt sich in der "Initiative finanzielle Allgemeinbildung" ihrer "Corporate Responsibility".

»1.320 Mitarbeiter der Deutschen Bank stehen als Referenten in über 770 Filialen in Deutschland bereit. Sie gestalten Unterrichtseinheiten, diskutieren mit den Schülern aktuelle Finanz- und Wirtschaftsthemen und schildern Situationen aus ihrem Bankalltag.«

AB

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