Geldanlage

Andreas Grünewald, Verband unabhängiger Vermögensverwalter

Interview mit Andreas Grünewald "Katastrophal schlechtes Wissen über Finanzthemen"

Stand: 02.07.2014, 15:54 Uhr

Mangelnde ökonomische Bildung erschwert die sinnvolle Anlageberatung, meint Andreas Grünewald, Vorstand des Verbandes unabhängiger Vermögensverwalter (VuV). Gesetzliche Vorgaben wie Beratungsprotokolle schafften dabei kaum Abhilfe.

boerse.ARD.de: Herr Grünewald, viele Vermögensverwalter sehen sich durch die gesetzlichen Auflagen in ihrer Arbeit eingeengt. Warum?

Andreas Grünewald: Wir haben speziell in der Anlageberatung das Problem, dass wir unsere Kunden mit vielerlei "Papierkram" belasten müssen. Dazu gehören sehr umfassende Risikohinweise oder auch Beratungsprotokolle, deren Besprechung und Bearbeitung viel Zeit in Anspruch nimmt. Viele Finanzdienstleister bieten aufgrund betriebswirtschaftlicher Notwendigkeiten inzwischen schon gar keine Anlageberatung mehr an.

boerse.ARD.de: Aber ist Aufklärung über Produkte und Zusammenhänge am Kapitalmarkt nicht wichtig?

Grünewald: Natürlich, aber viele grundlegende Kenntnisse sollten einfach vorausgesetzt werden, wenn ich mich über die richtige Anlage beraten lassen will. Wir stehen derzeit vor der Aufgabe, immer noch erläutern zu müssen, worum es sich bei einer Aktie oder Anleihe überhaupt handelt. Das ist so, als wenn Sie im Autogeschäft den Verkäufer darum bitten, Ihnen das Autofahren beizubringen. So wie er eigentlich lieber die Vorzüge des einen oder anderen Auto-Modells erläutern möchte, so würden wir lieber mit dem Kunden mehr Zeit darauf verwenden, ihm eine bestimmte für ihn passende Anlage zu erläutern.

boerse.ARD.de: Wie könnte denn eine Lösung dieses Dilemmas aus Ihrer Sicht aussehen?

Grünewald: Wir appellieren als Verband ja bereits seit längerem an die Politik und auch an die Aufsichtsbehörden, hier tätig zu werden. Leider wird das Thema derzeit nicht wirklich bearbeitet. Letztlich geht es darum, die ökonomische Bildung in Deutschland grundlegend zu verbessern. Das wäre der beste Verbraucherschutz!

boerse.ARD.de: Ist es um diese ökonomische Bildung wirklich so schlecht bestellt?

Grünewald: Wir sehen ja bei unseren Informationsveranstaltungen in Schulen katastrophal schlechtes Wissen über Finanzthemen und einfachste finanzmathematische Zusammenhänge. Studien zeigen, dass nur knapp die Hälfte aller Bundesbürger einfache Zinsrechnung und ökonomische Fragen versteht. Ich habe einmal angehenden Industriekaufleuten in der Berufsschule solche Fragen vorgelegt und fast nur Schweigen geerntet. Auf die Frage, ob eine Apple-Aktie beim Kurs von 600 Euro "teuer" sei, haben diese Schüler zum Beispiel mit "Ja" geantwortet, stünde die Aktie aber nach einem Aktiensplit bei sechs Euro, wäre sie "billig" erschienen.

boerse.ARD.de: Wie kann man diesen Bildungsmissstand beheben?

Grünewald: Hier müssten sich aus meiner Sicht die betroffenen Institutionen und Interessengruppen einmal an einen Tisch setzen. Dazu gehören Vertreter der Politik und der zuständigen Aufsicht genauso wie Verbraucherschützer und Verbände aus der Branche. Wir als Verband unabhängiger Vermögensverwalter würden selbstverständlich sehr gerne einige Inhalte für Seminare oder Unterrichtseinheiten beisteuern. Ich bin davon überzeugt, dass Erfahrungen und Beispiele aus der Praxis helfen, den Anlegerschutz zu verbessern.

boerse.ARD.de: Die Bildung der nachwachsenden Generation ist eine Sache. Das hilft Ihnen aber noch nicht bei der Lösung des Papierkriegs mit heutigen Beratungskunden.

Grünewald: Das ist richtig. Nach unserer Meinung müsste die grundlegende Finanz-Bildung bei Anlegern über eine Art "Kapitalmarktführerschein" sichergestellt werden. Die "Fahrerlaubnis für die Vermögensanlage" könnte ein Interessent in einem Seminar erwerben. Ideal wäre für alle Beteiligten, wenn wir bei einem Kunden, der einen solchen Führerschein vorweisen kann, weniger papier- und zeitintensive Aufklärungsarbeit leisten müssten.

boerse.ARD.de: Dann würde sich eine Anlageberatung für Sie auch wieder lohnen?

Grünewald: Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kunden. Denn: je besser das Wissen des Kunden, desto besser und schneller kann man seine konkreten Anliegen lösen. Auch was die Kosten betrifft, würde es sich auch wieder rechnen, Klienten zu beraten, die kleinere Anlagebeträge verwalten lassen möchten. Das ist beim derzeitigen Stand der Dinge kaum mehr möglich.

Das Gespräch führte Andreas Braun.

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