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Analyse

Gebäude der US-Notenbank Federal Reserve

Die nächste Krise kommt bestimmt

Geldpolitik aus dem Ruder gelaufen?

Stand: 20.10.2015, 17:00 Uhr

Die gegenwärtige Geldpolitik der Zentralbanken ist zusammengefasst nichts anderes als die Vorbereitung der nächsten Finanzkrise - Finanzanalyst Eberhardt Unger wird nicht müde, davor zu warnen.

Wenn es in der Wirtschaft schlecht läuft oder gar Krisen auftreten, versuchen die Zentralbanken gegenzusteuern. Das nennt man dann Geldpolitik. Soweit keine schlechte Idee, doch die internationalen Zentralbanken übertreiben es nach Meinung von Dr. Eberhardt Unger von Fairesearch mit ihrer ultra-expansiven Geldpolitik seit langem gewaltig.

Seit Herbst 2008 haben die Notenbanken weltweit 600 Mal die Zinsen gesenkt. Die wichtigsten von ihnen (Fed, BoJ, EZB, BoE, SNB) pumpten darüber hinaus noch rund 7,8 Billionen Dollar liquide Mittel in die Märkte. Diese, wie Unger sie nennt, "monetäre Konjunkturstimulierung" ist bislang einzigartig. Mit dramatischen Folgen für die Weltwirtschaft, meint der Ökonom.

IWF senkt Prognosen

Dabei stützt er sich auch auf Daten des IWF. Der hatte zuletzt seine Wachstumsprognosen gesenkt. Die BIP-Wachstumsprognose 2015 für die Weltwirtschaft fällt von 3,5 Prozent auf 3,1 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit der Finanzkrise. Auch die Schwellenländer haben zu kämpfen. Wegen der schlechten Rohstoffpreise und des langsamen chinesischen Wachstums liegt die Prognose bei 4,0 Prozent für dieses Jahr nach 4,6 Prozent im Jahr 2014.

Die Industrienationen hätten zunächst durch die günstigen Ölpreise, die tiefen Zinsen und die günstigen Finanzierungskonditionen derzeit einen Vorteil, so Unger. Dennoch dürften die Inflationsraten dieser Länder nach Erwartung des IWF ihr Ziel weit verfehlen. 2015 und 2016 wird die Preissteigerung nur 0,3 und 1,2 Prozent betragen. Die Eurozone muss laut IWF mit schwachen 0,2 und 0,1 Prozent rechnen. Erst 2020 soll die Inflation wieder auf 1,7 Prozent steigen. Die angestrebten 2,0 Prozent seien somit alles andere als in greifbarer Nähe.

Damit bescheinigt der Fachmann den Zentralbanken ein enttäuschendes Ergebnis.

Leitzinsen FED, EZB, Großbritannien, Japan

Leitzinsen Fed, EZB, Großbritannien, Japan. | Bildquelle: Marktdaten.de

Verschobene Zinserhöhung der Fed lässt spekulieren

Denn mal eben so zurück zu einer "normalen" Zinsstrukturkurve, das hört sich zwar gut an, ist aber wohl kaum möglich, betont Unger. Denn angesichts einer internationalen Verschuldung von knapp 200 Billionen Dollar erscheinen "normale" Geldmarktzinsen, wie sie die Fed nun anstrebt, von 2,0 bis 3,0 Prozent und Zehnjahres-Renditen von 4,0 bis 5,0 Prozent undenkbar. Vielen Finanzministern dürfte es bei derartigen Zinssteigerungen kaum mehr möglich sein, ihre Schulden zu bedienen.

Und offenbar spielt auch bei dieser Überlegung China eine große Rolle. Der Analyst fragt, ob die Konjunkturflaute in China nicht etwa doch größere globale Auswirkungen hat, als bisher gedacht. Die Verschiebung der für September geplanten Leitzinserhöhung der Fed ist für Unger jedenfalls kein Zufall - sondern eher eine Folge der chinesischen Konjunkturberuhigung. Analysten spekulierten derzeit sogar über negative Zinsen in den USA.

Zins verliert seine wichtige Funktion

Und das habe schwerwiegende Nachteile: Sparer würden durch Null- oder Negativzinsen enteignet. Gläubiger würden für ihr Schuldnerrisiko nicht richtig entlohnt und Anleger sähen sich gezwungen, in immer riskantere Investments zu investieren, um wenigstens etwas Rendite zu sehen. Die Folge, so Unger, sind immer neue Finanzblasen. Aber nicht nur das - der Zins verliere nämlich auch seine Funktion als Marktregulator. Reformen oder Budgetpolitik seien dann nicht mehr möglich.

Nullzinsen finanzieren Staatsschulden

Aber wo führt das alles hin? Laut Unger ist der Weg klar vorgezeichnet: Neue Staatsschulden und eine Verschärfung der langfristigen Krise. Denn warum die Steuern erhöhen oder Ausgaben kürzen, wenn die Politik über Null- oder gar Negativzinsen billig neue Schulden machen kann? Wichtige Reformen blieben auf der Strecke und Zinsbelastungen würden unterschätzt. Doch vor allem die absurde Überschuldung in der ganzen Welt und eine Geldpolitik, die sich zunehmend nach ihren Einflüssen auf die Finanzmärkte richte, führe zur Krise, schlussfolgert Unger.

US-Verschuldung 1900 - 2020

US-Verschuldung 1900 - 2020. | Bildquelle: Futuretimeline.net, Fairesearch.de

ah

Alle Kommentare (13)

Kommentar von "Samson" am 30.10.2015, 14:56 Uhr

Geld hat keinen Wert an sich; Geld ist nur die Verrechnungseinheit von Leistung. Und wenn keine Leistung vorhanden ist, führt die Geldschwemme in die Irre. Der Staat sollte sich seine Leistung unmittelbar durch Gebühren und mittelbar durch Steuern bezahlen lassen. Statt Schulden bei denen zu machen, die im Geld schwimmen, sollte er lieber die Spitzensteuersätze erhöhen. Einkommen, die das 10-fache eines Durchschnittsgehalts übersteigen, können auch spitzenmäßig belastet werden. Dann bedarf es keiner Erbschaftssteuer. Wenn der Staat sich so verhält, ist genügend Geld im Wirtschaftskreislauf statt von einem Finanzmarkt zum anderen zu wabern.

Kommentar von "Retep" am 21.10.2015, 17:02 Uhr

Thema 1 Inflation - als wir noch DM hatten kostete ein Brot 1,35 DM. Ein vergleichbares Brot kostet heute 2,45 €. Ein Rentner mit 1200 DM Rente hat heute ca 638 € Rente. Da spricht man von einer nahezu 0,.. Inflation. Sind dir Ökonomen und Super-Denker noch auf dem wirklichen Erdboden??? Thema 2 Wer hat denn bei Wem diese gewaltigen Schulden??? Was stecken da für Mächte - Kräfte oder dahinter??? Thema 3 Wenn alles zusammenbricht - gibt es da noch eine Ethik??? ... oder Brutalität in nie da gewesener Form - global gesehen???

Kommentar von "Losado" am 21.10.2015, 14:59 Uhr

Wer jetzt noch immer glaubt Gold ist ein totes Material das keine Zinsen bringt wird es noch bereuen. Über kurz oder lang wird das völlig aus dem Ruder gelaufene Währungssystem zusammenbrechen, und wer dann kein Gold hat wird verdammt arm dran sein. Es geht beim Gold nicht um Zinsen oder den jetzigen Kurs, es geht um die Zeit nach den Währungen. Wie schlecht es um die Währungen steht zeigt doch die Zinspolitik, wenn sie die Zinsen anheben bricht alles zusammen. Ein normales Zinsniveau wird nicht mehr zu erreichen sein, wo soll das anders hinführen als in den größten Crash aller Zeiten?

Kommentar von "Josus" am 21.10.2015, 12:36 Uhr

Die Staatsschulden müssen in etwa das Nettogeldvermögen der Bevölkerung, Institutionen und Industrie eines Staates kompensieren. Das ist in Deutschland bei weiten nicht der Fall; die Staatschulden sind viel zu tief. Um diesen Zustand etwas zu verbessern müssen die Zentralbanken die Schuldner durch niedrige Zinsen belohnen.

Kommentar von "Klaus" am 21.10.2015, 11:33 Uhr

So wie die Finanzmärkte, also das Kapital, die Grenzen des Wachstums von je her ignoriert haben, gehen sie auch mit den Grenzen der Verschuldung um. Der Zweck heiligt die Mittel. "Nach uns die Sinnflut". Ausbeutung der Schwachen durch die Starken gab es immer: Sklaven im Altertum, Untertanen im Absolotismus. Dies ist nichts Anderes.

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