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Interview

Nach Griechenland-Einigung ist vor US-Einigung

"Fiscal Cliff dürfte vor Weihnachten hochkochen"

"Die griechische Kuh ist nun wieder für einige Monate vom Eis", erklärt Martin Lück, Chefvolkswirt von UBS Deutschland. Dennoch herrsche am Markt noch jede Menge Unsicherheit.

Martin Lück, Volkswirt UBS Deutschland (Quelle: Unternehmen)

Martin Lück ist Chefvolkswirt von UBS Deutschland

boerse.ARD.de: Die Pleite Griechenlands konnte mal wieder abgewendet werden, die Aktienkurse steigen. Ist die Freude der Investoren nicht ein wenig naiv?

Martin Lück: Die Freude ist erst einmal insofern nachvollziehbar, als dass tatsächlich einige Investoren befürchtet hatten, die Politiker könnten das diesmal vor die Wand fahren. Aus unserer Sicht war allerdings schon im Vorfeld absehbar, dass es hier einen großen Willen gab, einen Kompromiss zu finden. Dass dieser Kompromiss keineswegs Griechenlands finanzielle Verhältnisse auf ein dauerhaftes solides Fundament stellt, ist aber ebenso klar. Das war nicht anders zu erwarten. Die Politiker haben sich und den Märkten etwas Zeit erkauft, die griechische Kuh ist nun wieder für einige Monate vom Eis. Das erfreut gerade auch die kürzer denkenden Investoren.

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boerse.ARD.de: Kurzfristig sind selbstverständlich vor allem Bankenwerte gefragt – rechnen Sie hier auch mit einer nachhaltigen Erholung?

Lück: Eine solche Hoffnung auszusprechen, wäre sicherlich verfrüht. Die Probleme der Banken liegen derzeit noch in ganz anderen Bereichen, vor allem im spanischen Häusersektor und den Staatsanleihen der Peripherieländer. Der Ausblick für die Banken wird sich erst dann verbessern, wenn wir eine nachhaltige Entschärfung der Eurokrise sehen werden.

boerse.ARD.de: Wäre mit Blick auf Griechenland ein Schuldenschnitt nicht die bessere Alternative gewesen?

Lück: Auf jeden Fall. Ein Schuldenschnitt muss kommen, der wird auch kommen. Die griechischen Schulden explodieren in einem Maße, dass ein solcher Schritt unvermeidbar ist. Das jetzige Vorgehen ist sehr intransparent, sehr schwer nachzurechnen und insofern das ideale Mittel für die Politiker, um die Folgen für die Steuerzahler zu verschleiern. Bei einem Schuldenschnitt hingegen könnte man das alles auf Heller und Pfennig nachrechnen. Das will man aber derzeit nicht. Der Schuldenschnitt wird kommen. Aber erst nach der Bundestagswahl.

boerse.ARD.de: Für die kommenden Monate können die Investoren nun aber erst einmal einen Haken hinter das Griechenland-Thema setzen. Wird nun wieder die Fiskalklippe zum beherrschenden Thema an den Finanzmärkten?

Lück: Unsere US-Kollegen sind überzeugt, dass das Thema in etwa zwei Wochen noch einmal aufkommen dürfte. Eigentlich brauchen die Amerikaner eine Einigung bis Weihnachten, zwischen den Jahren dürfte da nicht mehr viel laufen. Die Tage vor Weihnachten dürfte also das Thema Fiskalklippe wieder hochkochen.

boerse.ARD.de: Aber die werden sich doch sicherlich einigen, oder?

Lück: Wir glauben tatsächlich, dass die US-Wirtschaft es sich nicht leisten kann, dass die Politiker hier versagen. Ganz sicher wir der allergrößte Teil dieser Kürzungen nicht komplett an die Volkswirtschaft durchgereicht werden. Die Politiker werden den Schaden für die US-Wirtschaft größtenteils abdämpfen.

boerse.ARD.de: Dann dürfen wir also doch noch auf eine kleine Jahresendrally hoffen?

Lück: Auch wenn Griechenland erst einmal vom Tisch ist, könnte der "fiscal cliff" noch einmal für Verunsicherung sorgen und den Druck auf die Aktienmärkte hochhalten. Ein großes Risiko sehe ich in Spanien. Je nachdem, wie stark die spanische Wirtschaft in die Rezession fällt, ob Spanien seine fiskalischen Ziele erreicht oder einen Antrag stellen muss, kann das sogar zu einer Eskalation der Eurokrise führen. Es herrscht also noch genug Unsicherheit. Allerdings hat sich der Ausblick auf eine kleine Jahresendrally nun doch verbessert.

Das Gespräch führte Angela Göpfert.

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