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Hartwig Kos, SYZ

Interview zum europäischen Aktienmarkt

"Euro wird weiter aufwerten"

Stand: 24.05.2017, 15:15 Uhr

Viele Investoren halten Europas Aktienmärkte derzeit für attraktiver als eine Anlage in den USA. Da ist Hartwig Kos, Fondsmanager bei SYZ Asset Management, keine Ausnahme. Im Gespräch mit boerse.ARD.de warnt der Schweizer jedoch vor möglichen Belastungen.

boerse.ARD.de: Nach den Wahlen ist vor den Wahlen. Welche Auswirkungen erwarten Sie von den britischen und französischen Parlamentswahlen im nächsten Monat?

Hartwig Kos: Die französischen Parlamentswahlen sind eher ein Frankreich-spezifisches Ereignis als ein paneuropäisches. Wir rechnen daher nur mit einem geringen Einfluss auf die Märkte. Auch die Wahlen in Großbritannien sind ein Non-Event für die Märkte. Premierminsterin Theresa May verfügt derzeit nur über eine knappe Mehrheit von fünf Sitzen. Das engt ihren Spielraum in den Verhandlungen mit Brüssel ein. Von den Neuwahlen erhofft sie sich eine komfortable Mehrheit. An der grundsätzlichen Haltung zum Brexit dürfte das aber nichts ändern.

boerse.ARD.de: Was ist denn von der neuen französischen Regierung zu erwarten?

Kos: Für Emmanuel Macron dürfte es schwer werden, eine Mehrheit im Parlament zu bekommen. Er wird also mit Sozialisten und rechten Kräften zusammenarbeiten müssen. Angesichts der massiven Widerstände einiger Gewerkschaften und linker Gruppen dürfte es für Macron ein schwieriger Weg werden, um das Land zu reformieren und alte Strukturen aufzubrechen.

boerse.ARD.de: Was kann Deutschland tun, um Macron zu unterstützen und Europa weiter voranzubringen?

Stoxx Europe 50: Kursverlauf am Börsenplatz DJ Stoxx für den Zeitraum 1 Jahr
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Kos: Ich denke, dass es vor den deutschen Parlamentswahlen im September zu keiner gemeinsamen Aktion von Berlin und Paris kommen wird. Grundsätzlich aber wäre der beste Beitrag, den Deutschland für Europa leisten könnte, ein wenig mehr Inflation zuzulassen, ohne gleich nach einer Erhöhung der Leitzinsen durch die Europäische Zentralbank zu rufen. Ich weiß natürlich, wie heikel dieses Thema gerade in Deutschland mit seiner Hyperinflationserfahrung ist, doch für die Euroländer an der Peripherie wäre eine Anhebung der Leitzinsen zum jetzigen Zeitpunkt einfach zu früh. Auch wenn die Zinsen für Deutschland eigentlich zu niedrig sind.

boerse.ARD.de: Der Euro hat nach dem Sieg von Macron immer weiter zugelegt und sich inzwischen weit von der zu Jahresbeginn erwarteten Parität zum Dollar verabschiedet. Wird die Gemeinschaftswährung allmählich zur Bedrohung für die Märkte?

Kos: An diesem Punkt sind wir noch nicht, dass der Euro eine Gefahr für die Exportwirtschaft und damit für die Märkte ist. Bedenken Sie, dass der Euro im März 2014, also vor gerade einmal drei Jahren, bei 1,37 Dollar notierte. Im Jahr 2008 war der Euro sogar 1,58 Dollar wert. Von solchen Höhen sind wir weit entfernt. Entscheidend ist auch weniger die absolute Höhe als vielmehr die Geschwindigkeit, mit der der Euro an Wert gewinnt. Sollte es zu schnell gehen, wäre das eine Belastung für die norddeuropäischen Aktienmärkte.

boerse.ARD.de: Wird denn der Euro weiter steigen und was treibt ihn an?

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum 1 Jahr
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Kos: Es ist schwer zu sagen, wo der Euro am Ende des Jahres stehen wird. Aber ich denke, dass der Euro weiter steigen wird und in zwölf bis 18 Monaten auf 1,15 bis 1,20 Dollar klettern dürfte. US-Präsident Trump hat mehrfach gesagt, dass Amerika an einem zu starken Dollar keine Interesse haben kann. Das belastet den Green Back natürlich. In Europa dürfte die EZB zumindest rhetorisch in eine restriktivere Phase der Geldpolitik einsteigen, was Zinsfantasien auslösen dürfte. Wichtigster Treiber des Euro in jüngster Zeit ist aber sicher der Wahlsieg des europafreundlichen Präsidentschaftskandidaten in Frankreich. Dadurch ist die politische Risikoprämie Marine Le Pen weggefallen.

boerse.ARD.de: Ist der europäische Aktienmarkt also weiterhin attraktiv, trotz des kräftig gestiegenen Euro?

Kos: Wir halten die europäischen Märkte für so attraktiv, dass wir derzeit mehrheitlich in europäischen Aktien investiert sind. Die politischen Risiken sind weitgehend unter Kontrolle, die Wirtschaft läuft und im Gegensatz zu den USA sind viele Aktien in Europa noch nicht überteuert. Neben den aus unserer Sicht stark unterbewerteten Bankaktien, haben wir Anteile an den Luxusgüterherstellern im Depot. Die sind weniger volatil als andere Titel und besitzen eine starke Verbindung zu den Schwellenländern. Das mindert ihre Abhängigkeit von den Schwankungen in Europa und Amerika. Als besonders interessant betrachten wir Aktien kleinerer und mittlerer Unternehmen. Sie bilden das Herz der europäischen Industrie und dürften überdurchschnittlich vom derzeitigen Wirtschaftswachstum profitieren.


Das Gespräch führte Lothar Gries.

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