Seitenueberschrift

Interview

Mojmir Hlinka

Anlageprofi Mojmir Hlinka

"Ein Paradebeispiel für einen Rückschaufehler"

Stand: 09.11.2016, 11:52 Uhr

Donald Trump gewinnt die US-Präsidentschaftswahlen und die Börsen reagieren besonnen. Pharma- und Biotechwerte legen sogar zu. Der Schweizer Anlageexperte Mojmir Hlinka erklärt, warum das so ist.

boerse.ARD.de: Wie stellen sich die US-Präsidentschaftswahlen aus Sicht der Finanzmärkte dar?

Mojmir Hlinka: Es sind zwei Dinge passiert, mit denen kein Mensch gerechnet hat. Erstens: Die demokratische Kandidatin Hillary Clinton hat die Wahl verloren. Zweitens: Die Märkte reagieren besonnen. Einige Indizes wie der Schweizer SMI sind sogar im Plus. Das ist erstaunlich, aber logisch.

boerse.ARD.de: Erklären Sie uns das?

Hlinka: Als in der Nacht bekannt wurde, dass Trump in Florida gewonnen hat, sind die Futures auf den US-Leitindex Dow Jones um 800 Punkte gefallen. Während Trumps Siegersrede am Morgen hat der Dow 500 Punkte wieder aufgeholt. Denn die Rede Trumps ist erstaunlich versöhnlich, fair und konstruktiv ausgefallen. Sie klang nach Kooperation statt Konfrontation. Diesen Kurs preist der Markt jetzt ein.

Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
12.443,79
Differenz relativ
-0,23%
Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
1,0866
Differenz relativ
-0,07%

boerse.ARD.de: Ist denn Trump tatsächlich so wirtschaftsfeindlich, wie noch gestern dargestellt wurde?

Hlinka: Nein. Und genau das ist der Punkt. Trump wird zwar nicht alles so umsetzen können wie angekündigt, doch sollte er tatsächlich die Einkommenssteuern der mittleren Einkommen massiv senken, so dass sich die gigantische Kluft zwischen armen und reichen Amerikanern etwas schließt, wird das den Binnenkonsum beflügeln. Ähnlich positiv dürfte sich das geplante Investitionsprogramm in die Infrastruktur auswirken. Dass weite Teile der Wirtschaft Trump keineswegs als Investorenschreck betrachten, zeigt auch die Reaktion der Pharma- und Biotechwerte: Die steigen nämlich. Hillary Clinton hatte Maßnahmen gegen hohe Medikamentenpreise geplant. Das dürfte nun vom Tisch sein.

boerse.ARD.de: Trump will aber auch die Einwanderung eindämmen und Strafzölle verhängen. Wird das den Handel nicht erschweren?

Hlinka: Ich glaube, vieles von dem was Trump vorher angekündigt hat, etwa die Errichtung einer Mauer zu Mexiko, war einfach Wahlkampfgetöse, das er nicht eins zu eins wird umsetzen können. Seine Rede heute morgen klang jedenfalls ganz anders und hat die Ängste vieler Anleger zunächst vertrieben.

boerse.ARD.de: Wird Trumps Programm die Verschuldung nicht auf gigantische Höhen treiben?

Hlinka: Ja, die Verschuldung wird wachsen, doch Amerika hat schon immer mit Schulden gelebt. Und manchmal ist die Verschuldung auch alternativlos. Allerdings dürfte die Umsetzung von Trumps Programm die Konjunktur des Landes kräftig ankurbeln, was wiederum die Steuereinnahmen sprudeln lassen dürfte, so dass die Verschuldung letztlich wieder sinken wird.

boerse.ARD.de: Was erklärt letztlich die moderate Reaktion der Börsen?

Hlinka: Ich glaube, dass es sich hier um ein Paradebeispiel für einen Hindsight-Bias handelt, also einen Rückschaufehler, den Hang vieler Menschen, sich systematisch falsch an frühere Vorhersagen zu erinnern, nachdem der Ausgang von Ereignissen erfahren wurde. Getreu dem Motto: Das hätte man eigentlich sehen müssen. Ich glaube auch, dass die Märkte nach einem Wahlsieg Clintons nach einem ersten Freudenhoch korrigiert hätten, weil sich unter ihr nämlich nichts verändert hätte.

boerse.ARD.de: Haben die Anleger auch aus dem Brexit-Votum gelernt?

Hlinka: Dass der Sell-out diesmal ausgeblieben ist, hat auch damit zu tun. Die Anleger haben nämlich gesehen, dass eigentlich noch gar nichts passiert ist. Der Schreck über den Wahlausgang war zunächst nur psychologischer Natur, nicht fundamental. Beim Brexit haben die Investoren noch Tage gebraucht, um den überraschenden Wahlausgang zu verarbeiten, bei den US-Wahlen waren es nur noch Stunden.

boerse.ARD.de: Geht der Markt also rasch wieder zum normalen Tagesgeschäft über?

Hlinka: Ich glaube zwar, dass wir in den nächsten Wochen eine erhöhte Volatilität sehen werden, doch die Anleger, besonders im Dow Jones-Index, dürften rational reagieren. Unsere Jahresziele müssen wir deshalb nicht revidieren.

Das Gespräch führte Lothar Gries.

Darstellung: