Stilisierter Computer und flackernder Chart

Renaissance Technologies Die Herrschaft der Börsen-Quants

Stand: 24.03.2017, 15:36 Uhr

Kauf und Verkauf in Sekundenschnelle, Tausende von Transaktionen, Milliarden an Gewinnen. Dass der "König" der Quandt-Hedgefonds bereits seit Jahrzehnten eine Geldmaschine ist, ist bekannt. Wie genau Renaissance Technologies die Konkurrenz und den Markt Jahr für Jahr schlägt, wissen nur Insider.

Die Erkenntnisse aus Mathematik, Physik, Statistik und Linguistik können ganz praktisch genutzt werden - um Gewinne an der Börse zu scheffeln zum Beispiel. Mit diesem Ansatz gründete der vielfach ausgezeichnete Mathematiker James Simons 1982 seine eigene Anlagefirma. Das wissenschaftliche Treiben an der Uni (unter anderem am rennomierten MIT) war Simons zu langweilig, seine Arbeiten für den Geheimdienst NSA in den 1960er, wo er Codes mithilfe mathematischer Verfahren knackte, dürften wohl seiner politisch-liberalen Einstellung irgendwann widersprochen haben.

Vom Codeknacker zum Investment-Manager

Der Weg von Simons zu den heutigen Techniken des Super-Hedgefonds Renaissance Technologies führte Simons zunächst in den Devisenhandel. In den ersten Jahren als Investor sammelte Simons lediglich Marktdaten. Erst später begann er diese mithilfe mathematischer Modelle auszuwerten. Dazu heuerte Simones Anfang der 1980er Jahre mehrere Mathematiker, Physiker und Linguisten an, mit denen er bereits im Institute of Defense Analyses (IDA) an, dem Think Tank, mit dem Thema Nationale Sicherheit für den erst selbst jahrelang gearbeitet hatte. (s. unser Porträt von James Simons)

James Simons

James Simons. | Bildquelle: Wiki Commons

Mit Leonard Baum, der einen Algoritmus zum Entdecken von unbekannten Parametern in mathematischen Modellen entwickelt hatte und dem Algebra-Spezialisten James Ax wurde ein Handels-Modell entwickelt, dass nicht nur im Devisenmarkt, sondern in allen Finanzmärkten, also auch dem Rohstoff-, Anleihen- und Aktienmarkt eingesetzt werden konnte.

Gewinnen, wenn andere verlieren

Der Erfolg der Kooperation der Mathe-Cracks kann sich seit 1988 im "Medallion-Fund" messen lassen. Dieses Investment-Vehikel gilt in der Welt der Finanzen gleichzeitig als größte "Geldmaschine" und "schwärzeste Black-Box". Renaissance Technologies gibt keine offiziellen Statements zu den Algoritmen ab, die zum Einsatz kommen. Und der Fonds ist seit 1993 ohnehin nur für Mitarbeiter und Partner des Unternehmens geöffnet. Er verwaltet derzeit rund 70 Milliarden Dollar. Nur in einem einzigen Jahr seines Bestehens, 1989, schaffte der Fonds keinen Wertzuwachs. Das "schlechteste" Jahr danach wurde mit einem Plus von 21 Prozent abgeschlossen. Im Jahr des Zusammenbruch des Hypothekenmarktes brachte den Teilhabern 86 Prozent Zuwachs.

Renaissance-Medaillon-Fonds

Gewinnentwicklung Renaissance-Medaillon-Fonds. | Bildquelle: Bloomberg, Grafik: boerse.ARD.de

Der Ansatz von Renaissance ist in seinen groben Zügen bekannt ohne dass die Öffentlichkeit oder die Konkurrenz genau weiß, "wie" die Computer des Unternehmens genau an den Börsen agieren. Im wesentlichen filtern die Computer gemäß ihrer Programmierung "Signale" aus dem allgemeinen Markttreiben heraus, die Preisveränderungen bei Aktien oder Rohstoffen vorhersagen können. Versteckte Zusammenhänge, Ungleichgewichte im Markt, Korrelationen zwischen verschiedenen Aktien oder Märkten, alles was Gewinn bringt und programmierbar ist, ist von Interesse. (s. dazu auch unter Überblick: "Was Renaissance kauft")

Auf der Suche nach Signalen

Einer der beiden CEOs, Peter Brown, hat vor einigen Jahren einmal beschrieben, dass einige der Mathematiker und Physiker sogar einmal den Zusammenhang zwischen der Bewölkung und der Börsenstimmung in New York und Tokio ausgewertet hätten. Tatsächlich steigen die Börsen tendenziell bei besserem Wetter. Ein entsprechender Algorithmus war aber kein "großer Geldbringer" (Moneymaker) - die Trefferquote lag nur wenig über 50 Prozent.

Die Beschäftigung von vielen der rund 300 Mitarbeiter von Renaissance, darunter fast ausschließlich Wissenschafter, besteht vor allem darin solche Signale und Zusammenhänge zu finden. Eine Reihe von Spezialisten des Computergiganten IBM stieß bereits in den 1980er Jahrens zur Firma und dürfte dafür verantwortlich sein, dass Renaissance seinen technologischen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz auch heute noch hält: Das Unternehmen nutzt die Rechenleistungen von Supercomputern, die es sonst kaum auf der Welt gibt. Die Optimierung von kleinen Kursgewinnen bei Millionen von Transaktionen, das Ausnutzen winziger Kursdifferenzen ist so möglich und sorgt auch für den Rendite-Vorsprung des Medallion-Fonds.

"Niemand ist auch nur nahe dran"

Ob das Unternehmen diesen Wissensvorsprung weitere Jahrzehnte halten kann, ist offen. Andere Quantitativ ausgerichtete Hedgefonds versuchen zumindest bislang vergeblich, ähnliche Resultate zu erzielen wie Renaissance Technologies. Einer der Konkurrenten, der ehemalige MIT-Professor Andrew Lo, der seinen eigenen Hedgefonds gegründet hat, bezeichnet Renaissance als die "kommerzielle Version des Manhattan Projekts" (das im Zweiten Weltkrieg die Atombombe entwickelte): "Sie sind der Gipfel des Quant-Investings. Niemand ist auch nur nahe dran."

AB

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Was Renaissance kauft Chartserie

Ford: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr

Ford

Der Einstieg beim US-Bauer Ford war einer der größten von Renaissance Technoligies im vierten Quartal 2016. Aus dem Stand kaufte der Hedgefonds Aktien im Wert von rund 120 Millionen Dollar. Gut möglich, dass die Computer des Hedgefonds auf die verbesserten Aussichten für die Autoindustrie unter der neuen Regierung Trump reagiert haben.

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