Wahlplakate von CDU und SPD

Wie beeinflussen die Bundestagswahlen die Kurse? Der "Kanzler-Zyklus" an der Börse

Stand: 07.09.2017, 14:35 Uhr

In gut zwei Wochen wählen die Deutschen einen neuen Bundestag. Einige Ökonomen sprechen von einem "Non-Event". Dabei macht es für Aktienanleger schon einen Unterschied, ob es eine CDU- oder SPD-geführte Regierung gibt. Das zeigt ein Blick auf die historische Statistik.

von Notker Blechner, boerse.ARD.de

Für die meisten Beobachter ist die Wahl schon gelaufen. Bundeskanzlerin Merkel wird erneut das Rennen machen und Deutschlands Politik vier weitere Jahre prägen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Sieg der Kanzlerin liegt laut dem Wettportal Oddschecker bei 90 Prozent. Auch die Schweizer Bank UBS sieht die Chancen für eine Fortsetzung der Merkel-Ära bei 75 Prozent. Der aktuellesten infratest dimap Umfrage im Auftrag der ARD" zufolge kommt die CDU/CSU derzeit auf 37 Prozent - weit vor der SPD (21 Prozent). Die AfD wird bei 11 Prozent gesehen, die Linke bei zehn Prozent. Die FDP notiert bei 9 Prozent, die Grünen bei 8 Prozent.

"Non-Event für die Märkte!"

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Der Wahlkampf lässt denn auch bisher die Anleger ziemlich kalt. "Die Bundestagswahl dürfte zu einem Non-Event für die Märkte werden", glaubt die Commerzbank in einer Analyse. "Der mögliche Wahlausgang sorgt nicht für schlaflose Nächte bei den Marktteilnehmern", meint Carsten Brzeski, Chefvolkswirt von der ING Diba.

Dass die CDU die künftige Regierung bilden wird, daran zweifelt kaum einer. Nur die Farben-Mischung der künftigen Koalition ist noch unklar. Die einzig spannende Frage sei, ob die Union eine Koalition mit der FDP oder der SPD bilden wird, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Börse bevorzugt Große Koalition

Als wahrscheinlichste Variante wird eine Fortsetzung der Großen Koalition gesehen. Sie wäre das bevorzugte Szenario für die Börsen. "Schließlich verspricht eine Große Koalition Stabilität in der deutschen Politik", schreibt Commerzbank-Experte Chris-Oliver Schickentanz.

Eine theoretisch mögliche schwarz-gelbe Koalition wäre zwar die wirtschaftsfreundlichere Variante. Sie dürfte aber wohl kaum für Kurssprünge sorgen, im Gegenteil. Die europäischen Pläne der FDP würden an den Finanzmärkten nicht gut ankommen, warnt die US-Investmentbank Citibank. Die Liberalen fordern eine Insolvenzordnung für verschuldete Staaten und wollen den Euro-Austritt einzelner Mitgliedsländer erleichtern.

Schwarz-grün könnte Anleger verschrecken

Kurzfristig für Irritationen an den Börsen würde eine schwarz-grüne Koalition sorgen, ist Folker Hellmeyer, Chefökonom der Bremer Landesbank, überzeugt. Ein solches Bündnis wäre nämlich einzigartig auf Bundesebene. Vor allem Autoaktien würden dann wohl zeitweise unter Druck geraten - aus Angst vor einer verschärften Umweltgesetzgebung und einem Zwang zu alternativen Antrieben.

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Das schlimmste Szenario für die Börsen wäre eine rot-rot-grüne Koalition. Angelsächsische Anleger würden dann wohl kurzfristig ihr Geld aus Deutschland abziehen, mutmaßen Experten. Ein Bündnis von SPD, Grüne und Linke ist momentan aber nicht nur rechnerisch unwahrscheinlich, sondern auch politisch. Es gibt viele Vorbehalte innerhalb der SPD und der Grünen gegen die Linke.

Fällt die Abgeltungssteuer?

Sollte es zu einer Neuauflage der Großen Koalition oder zur Schwarz-gelben Koalition kommen, könnte die Aktienbesteuerung reformiert werden. Verbände wie der Deutsche Derivate-Verband befürchten die Abschaffung der Abgeltungssteuer. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte zuletzt erwogen, die Steuer zu kippen, schreckte dann aber doch davor zurück. Wenn es international einen automatischen Informationsaustausch über Kapitalanlagen im Ausland gebe, könne man über die Abschaffung der Abgeltungssteuer reden, sagte er. Ob dann eine Spekulationsfrist wieder eingeführt wird, nach deren Ablauf etwa Aktiengewinne steuerfrei vereinnahmt werden können, ob Dividenden geringer besteuert werden, ob neue Freibeträge für Kapitalerträge festgelegt werden - all das ist offen.

Für neue Wege zur Förderung der deutschen Aktienkultur setzen sich die Liberalen ein. FDP-Chef Christian Lindner will nach eigenen Aussagen eine Spekulationsfrist einführen, nach der im Rahmen der privaten Altersvorsorge Veräußerungsgewinne steuerfrei sein sollen.

UBS: Konjunkturimpulse gering

Wirtschaftlich freilich wird eine CDU-geführte Regierung egal welcher Couleur - ob mit SPD, FDP oder Grüne - Deutschland kaum voranbringen. Ökonomen halten die Auswirkungen auf die deutsche Konjunktur für begrenzt. Die Schweizer Bank UBS rechnet maximal mit einem Zusatzwachstum von 0,5 Prozent auf Zwei-Jahres-Sicht durch die angekündigten Steuersenkungen. Das könnte die Konsumaktien etwas beflügeln. Einen kleinen Konjunkturschub würde auch ein Infrastruktur-Programm zur Modernisierung vieler maroden Straßen bringen.

Trotzdem sollten Anleger die Bundestagswahl nicht völlig ignorieren. Es macht an der Börse schon etwas aus, wer in Deutschland die Regierung führt. Ähnlich wie in den USA der "Präsidentenzyklus" gibt es auch in Deutschland einen "Kanzlerzyklus". Demnach ist eine CDU-geführte Regierung historisch gesehen deutlich besser für den Dax als eine SPD-dominierte Regierung.

CDU-geführte Regierung ist für den Dax deutlich besser

Laut der Investmentgesellschaft Fidelity schnellte der Dax unter der christdemokratisch-liberalen Union unter Helmut Kohl von 1982 bis 1998 um jährlich 14,4 Prozent nach oben. Auch in den vier Jahren der schwarz-gelben Koalition unter Angela Merkel (2009-2013) ging es mit dem Dax pro Jahr um 12,2 Prozent aufwärts. Selbst bei der Großen Koalition unter Merkel in den letzten vier Jahren gewann der Dax 8,7 Prozent.

Dagegen sah die Bilanz bei SPD-geführten Regierungen düster aus: In der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt (1969 bis 1974) büßte der Dax jährlich acht Prozent ein. Bei der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder (1998 bis 2005) schaffte der Dax gerade mal ein Plus von 1,75 Prozent. Schröder hatte das Pech, dass in seiner Regierungszeit die Neue Markt-Blase platzte und die Terroranschläge in New York einen Salami-Crash an den Börsen auslösten.

Laut einer früheren Analyse der Schweizer Bank UBS hat sich der Aktienmarkt seit 1950 nach einem Wahlsieg von CDU/CSU stets besser entwickelt als als nach einem Erfolg der Sozialdemokraten. So legten die Kurse am deutschen Aktienmarkt in den ersten drei Monaten nach einem Wahlsieg der "Schwarzen" um 2,1 Prozent zu. Bei einem SPD-Erfolg kam es dagegen nur zu einem Kurs-Plus von 0,8 Prozent. Nach einem Jahr verbuchten die Märkte unter einer CDU/CSU-geführten Regierung ein Plus von 5,1 Prozent und unter der SPD ein Minus von 2,1 Prozent. Die deutschen Aktienmärkte haben also eine klare Vorliebe für CDU-geführte Regierungen.

Annualisierte Rendite des deutschen Aktienmarktes seit 1969

Annualisierte Rendite des deutschen Aktienmarktes seit 1969 . | Bildquelle: fidelity International, ZEW, Grafik: boerse.ARD.de

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