700-Punkte-Rally im Dax Wie die Anleger wieder lernten, das Risiko zu lieben

von Angela Göpfert

Stand: 12.09.2017, 13:50 Uhr

Von Ängstlichkeit keine Spur: Anleger gehen wieder "all-in". Der Dax steigt und steigt. Euphorie oder gar Leichtsinn wären jetzt aber fehl am Platz.

Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Der Wind an der Börse hat gedreht. Das ist eindeutig. Von der alten Ängstlichkeit und Zurückhaltung der Anleger ist nicht mehr viel zu spüren. Eine neu entfachte Risikolust dominiert das Geschehen.

Der Dax steigt heute bereits den sechsten Tag in Folge. Seit seinem Tief bei 11.869 Punkten Ende August hat der deutsche Leitindex in der Spitze knapp 700 Punkte zulegen können. Doch woher rührt dieser Sinneswandel?

Schreck lass nach!

Ganz offensichtlich haben die beiden dominierenden Themen der vergangenen Wochen – Schuldenobergrenze in den USA und Nordkorea-Konflikt – für die Anleger zuletzt an Schrecken verloren. Ein erwarteter zweiter Raketentest Nordkoreas war übers Wochenende ausgeblieben.

Und die in der Vorwoche geglückte temporäre Anhebung der Schuldenobergrenze in den USA bis Mitte Dezember lässt nun sogar einige Investoren auf eine ähnlich zügige Umsetzung der Trumpschen Steuerpläne hoffen.

Risikofaktor Trump

Doch bei allem Jubel sollten Anleger eines bedenken: Donald Trump ist und bleibt ein Risikofaktor für die Börsen. Die genannten Brandherde könnten jederzeit wieder neu aufflackern.

Fakt ist aber auch: Die Dax-Bullen haben die Gunst der Stunde gut zu nutzen gewusst – für eine positive charttechnische Weichenstellung.

Donald Trump

Wehe, wenn er redet - oder twittert. | Bildquelle: picture alliance / Evan Vucci/AP/dpa

Bodenbildung geglückt

So ist der Dax in der Vorwoche erfolgreich aus seinem seit Juni bestehenden Abwärtstrendkanal nach oben ausgebrochen. Damit sandte er ein technisches Kaufsignal. Wohl dem, der diesem gefolgt ist.

Zu Wochenbeginn konnte der Dax nämlich die Bodenbildung per Aufwärts-Gap (12.322 auf 12.281 Punkte) vervollständigen.

Und ewig lockt das Allzeithoch

Aus der erfolgreichen unteren Umkehr leitet Jörg Scherer, Leiter Technische Analyse HSBC Trinkaus, ein "kalkulatorisches Anschlusspotenzial von rund 400 Punkten" ab. Das nächste Kursziel ist nun das Hoch von Mitte Juli bei 12.677 Punkten.

Ein Anstieg darüber würde den Weg freimachen in Richtung des Allzeithochs bei 12.952 Zählern. Um das positive Szenario nicht zu gefährden, sollte der Dax nun nicht mehr unter die 12.322 Punkte rutschen.

Rückenwind von der Wall Street

Zusätzlicher Rückenwind für die deutschen Standardwerte kommt aktuell von der Wall Street. Am Montag verfehlte der S&P 500 sein bisheriges Allzeithoch bei 2.491 Punkten gerade einmal um 2 Punkte. Ein neues Rekordhoch scheint hier nur noch eine Frage der Zeit.

Ein großer Risikofaktor für die weitere Entwicklung an der Wall Street wie im Dax ist allerdings die negative Saisonalität. Der Herbst ist im statistischen Schnitt sowohl in 7er-Jahren als auch in Nachwahljahren (beides trifft 2017 zu) durch heftige Kurseinbrüche gekennzeichnet.

Dow Jones in US-Nachwahljahren

Ab Mitte September wird es ernst in Nachwahljahren.... | Bildquelle: www.seasonalcharts.de / Seasonax, Grafik: boerse.ARD.de

Achtung, Verfallswoche!

Anleger sollten überdies bedenken, dass der äußerst dynamische Dax-Anstieg der vergangenen Tage zumindest teilweise den hektischen Umschichtungen am Terminmarkt geschuldet sein dürfte.

Denn am Freitag ist großer Verfallstag: Der Markt bildet im Umfeld von Großen Verfallstagen häufig wichtige vorläufige Hoch- oder Tiefpunkte aus, die dann für viele Monate bestimmend sind.

Denn viele professionelle Anleger schließen an diesen Tagen ihre Long- oder Short-Positionen. Damit tritt eine Bereinigung ein, die durchaus den Boden für einen längerfristigen Trendwechsel bilden kann.

Euro/Dollar vor Turnaround?

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum 6 Monate
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Blickt man auf den Dax-Chart, so wäre mit Beginn der kommenden Woche eine Umkehr nach unten ein durchaus denkbares Szenario. Zumal der Euro in eine Widerstandszone hineingelaufen ist, die er so schnell nicht überwinden dürfte: Bei 1,20/1,21 Dollar scheint erst einmal der Riegel vor.

Das mag auf den ersten Blick positiv für den Dax klingen nach dem Motto: Ein sinkender Euro bedeutet höhere Gewinne für exportorientierte Unternehmen, die im Dax ja bekanntermaßen schwer gewichtet sind.

Satte Währungsgewinne für US-Investoren

Doch ganz so einfach ist der Zusammenhang nicht. Schließlich ist der Dax zuletzt trotz, man könnte sogar sagen wegen der Euro-Stärke gestiegen. Denn für Investoren aus dem US-Dollar-Raum waren die internationalen Märkte und eben auch der Dax in diesem Jahr aufgrund der Dollar-Abwertung ein lohnendes Ziel.

So konnten sie in diesem Jahr mit einem nicht währungsgesicherten Investment in den Dax ein Plus von 21 Prozent einfahren. Für deutsche Anleger blieb nur ein vergleichsweise mageres Plus von 7 Prozent.

Alle Augen auf den Devisenmarkt!

Sollte der Dollar nun aber steigen, so ist die Verlockung für die in Deutschland investierten amerikanischen Fondsmanager sicherlich groß, Gewinne mitzunehmen und den Dax zu verkaufen.

Dax-Anleger sollten vor diesem Hintergrund die Entwicklungen am Devisenmarkt genau beobachten: Dieser, mit einem täglichen Umsatz von mehr als fünf Billionen Dollar, größte Finanzmarkt der Welt dürfte zumindest kurzfristig den Takt für den deutschen Aktienmarkt vorgeben.

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