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Interview

Schweizer Vermögensverwalter bleibt bullish

"Das sind Kaufgelegenheiten!"

Stand: 15.04.2014, 14:29 Uhr

Solange die Marke von 9.000 Punkten hält, ist im Dax nicht allzu viel Porzellan zerschlagen, meint der Schweizer Vermögensverwalter Mojmir Hlinka. Privatanleger sollten sich aber hüten, die altbekannten Fehler zu machen.

Mojmir Hlinka

Mojmir Hlinka. | Bildquelle: AGFIF International AG

boerse.ARD.de: Herr Hlinka, vor fast genau einem Jahr sprachen wir über die Korrektur an den Aktienmärkten. Sie hatten den Anlegern damals zum Aktienkauf geraten, denn die Rally habe noch Potenzial. Wie schätzen Sie die Lage heute ein?

Mojmir Hlinka: Aktuell beherrscht das Thema Ukraine die Gemüter der Anleger. Solange die Ukraine-Krise die Märkte dominiert, werden wir volatil bleiben. Aber auf einem hohen Niveau. Anleger sollten nicht vergessen, dass der Dax und MDax im Gegensatz zum Dow Jones Index oder zum Schweizer SMI Performance-Indizes sind, in deren Berechnung die Dividenden mit einfließen. Rechnet man diese heraus und schaut auf den Kurs-Dax, so steht dieser aktuell bei noch nicht einmal 5.000 Punkten. Das Potenzial nach oben ist hier also noch gewaltig. Mittel- bis langfristig werden wir deutlich höher stehen.

Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10.587,77
Differenz absolut
58,18
Differenz relativ
+0,55%
Dow Jones: Kursverlauf am Börsenplatz Dow Jones Indizes für den Zeitraum Intraday
Kurs
18.395,40
Differenz absolut
-53,01
Differenz relativ
-0,29%

boerse.ARD.de: Und wie sieht es kurzfristig aus? Könnte sich der Performance-Dax schon bald wieder in Richtung Allzeithoch oder gar 10.000 Punkte aufschwingen?

Hlinka: Einen Dax 10.000 sehe ich jedenfalls klarer und deutlicher vor mir, als einen Sturz auf 8.500 Punkte. Eine nachhaltige Lösung der Ukraine-Krise könnte eine heftige Rally auslösen. Da dürften dann einige auf dem falschen Fuß erwischt werden, was wiederum für einen zusätzlichen Schub sorgen würde. Anleger sollten sich hüten, die altbekannten, von der Behavioral Finance ausführlich beschriebenen Fehler zu machen.

boerse.ARD.de: Die da wären?

Hlinka: Als erstes wäre der "probability weighting bias" zu nennen – die Fehleinschätzung der Wahrscheinlichkeiten. Menschen neigen dazu, kleine Wahrscheinlichkeiten massiv zu übertreiben. Sonst würde wohl kaum ein Mensch Lotto spielen. An der Börse führt das dazu, dass die Menschen viel zu hohe Risiken eingehen, um nach hohen Gewinnen zu streben.

Auf der anderen Seite werden große Wahrscheinlichkeiten deutlich untergewichtet. Aktuell führt dieser Bias dazu, dass die Angst vor einer Eskalation der Krise in der Ukraine dominiert. Das führt zum Sell-Off – obwohl wir die Kriegsgefahr auf unter fünf Prozent einschätzen.

Das wird noch verstärkt durch die so genannte Verfügbarkeitsheuristik, den "availability bias". Diese führt dazu, dass wir für unsere Entscheidungen vor allem diejenigen Informationen heranziehen, die besonders leicht verfügbar sind. Leider berichten aber die Medien viel zu einseitig über die großen Gefahren, die aus der Ukraine-Krise erwachsen könnten.

boerse.ARD.de: Was heißt das nun konkret für die Privatanleger und ihr Depot?

Hlinka: Eher mutigere, risikoaffinere Anlegertypen könnten die laufende Korrektur zum Einstieg nutzen, als Kaufgelegenheit für Titel aus der ersten Reihe. Wenn jemand hingegen eher risikoavers ist, braucht er vorerst gar nichts zu tun und kann die Korrektur "aussitzen". Zu Stop-Loss-Maßnahmen würde ich übrigens nicht greifen. Zu diesem Punkt habe ich von meinen Kunden sehr viele Anfragen und Emails bekommen. Stop-Loss-Orders sind das falsche Mittel bei einer Korrektur eines Bullenmarktes. Die erhöhte Volatilität führt dazu, dass die oftmals zu eng gesetzten Stop-Marken gerissen werden – kurz bevor der Markt wieder nach oben dreht.

boerse.ARD.de: Was würde Sie dazu veranlassen, von Ihrer optimistischen Grundhaltung abzurücken?

Hlinka: Bei einem Sturz des Dax unter 9.000 Punkte würden wir uns gezwungen sehen, die Lage fundamental neu zu bewerten. Wir sind da flexibel, das kann passieren. Wir würden dann mit unseren Beiräten Professor Thorsten Hens, Direktor des Instituts für Banking und Finance der Uni Zürich, und Professor Bernd Schips, langjähriger Leiter der Konjunktur-Forschungsstelle (KOF) der ETH Zürich, in ausführlichen Diskussionen die Lage erörtern. Es ginge dann um die Frage, ob wir unsere Depots absichern, also mit Mini-Futures gemäß der individuellen Exposure des Kunden hedgen. Idealerweise nimmt man dann die Short-Gewinne während der Korrektur mit und geht unten wieder raus. Das letzte Mal abgesichert waren wir übrigens während der Griechenland-Wahl.

Welche Anlageregionen und Einzel-Titel der Schweizer Vermögensverwalter Mojmir Hlinka derzeit für besonders vielversprechend hält, lesen Sie in Teil 2 unseres Interviews "Finger weg von Gold und Autos".

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