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FinTech

Eine menschliche und eine Roboterhand

"Robo Advisor" Scalable Capital

Das Risiko bestimmt die Anlage

Stand: 15.01.2016, 16:08 Uhr

Eine individuelle Vermögensverwaltung für alle, mit niedrigen Kosten, geringen Anlagebeträgen und komplett online. Das hat sich das Münchener Start-up-Unternehmen Scalable Capital zum Ziel gesetzt. Der Markt für "Robo-Advisors" brummt auch in Deutschland zunehmend.

Die Technik macht’s möglich, und die Unzufriedenheit vieler Anleger und Sparer mit dem Bankberater tut ein Übriges: Automatisierte Anlagelösungen sind eine Ausprägung der "FinTech"-Bewegung, die auch hierzulande immer stärker um sich greift.

Die Anlage-Automaten nutzen überwiegend passive Indexfonds als Vehikel, um in verschiedene Asset-Klassen zu investieren. Dazu gehören neben dem Aktien- und Rentenmarkt auch Rohstoffe und Immobilien. Um sich ein eigenes Portfolio schneidern zu lassen, genügt es für den Anleger, auf den Plattformen eine Reihe von Fragen zu beantworten. Je nach Anlagehorizont, Anlagebetrag und eigener Risikobereitschaft werden die Mittel dann auf die verschiedenen Bereiche aufgeteilt. In größeren Abständen findet dann noch ein "Rebalancing" statt. Die Anteile etwa im Aktien und Anleihen-Bereich werden zum Beispiel nach einem Jahr wieder auf die Ausgangsaufteilung zurückjustiert – fertig ist das Portfolio.

Risiko-Kennziffer als Stellschraube

Die Münchener Scalable Capital, ein vor einem Jahr von einer Handvoll Gründern um CEO Erik Podzuweit ins Leben gerufenes Unternehmen, will aber noch einen Schritt weitergehen. Von München aus will das Team, das inzwischen aus 30 Mitarbeitern besteht, eine aktive Vermögensverwaltung per Internet ermöglichen.

Feste Quoten für die Aufteilung der Kundenanlagen gibt es im System von Scalable Capital nicht. Statt dessen sorgt eine Risikokennziffer dafür, wie und mit welchen Anteilen etwa in Aktien, Renten oder Rohstoffe investiert wird: Das "Value at Risk" (VaR), zu deutsch in etwa "Anlagebetrag im Risiko", gibt an, welche Verlusthöhe innerhalb eines gegebenen Zeitraums mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit nicht überschritten wird.

Finanzökonometrik im Gründerteam

So bedeutet ein Value at Risk von 12 Prozent bei einer Haltedauer von einem Jahr und einem Konfidenzniveau von 95 Prozent, dass der potenzielle Verlust einer Position oder eines Portfolios mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent nicht höher als diese zwölf Prozent ausfallen wird. Wie hoch das VaR geschätzt wird, das wird anhand mehrerer Daten aus der Vergangenheit ermittelt, dazu gehört zum Beispiel die Volatilität, also die Schwankungsbreite – zum Beispiel eines Aktienindex‘.

Die Risiko-Bewertung geht wesentlich auf die Forschungen einer der Gründer zurück: Stefan Mittnik ist Inhaber des Lehrstuhls für Finanzökonometrie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München.

Umschichtung, falls erforderlich

Welche Anlagekategorie zu einem bestimmten Zeitpunkt riskanter oder weniger riskant ist, ist dabei für das System von Scalable Capital prinzipiell offen. Aktien gelten also nicht per Definition als riskant und Anleihen als sichere Häfen. Die Bestückung der Depots erfolgt zunächst anhand des Risikoprofils, das durch die Online-Befragung des Anlegers ermittelt wurde. Das ETF-Portfolio, das daraufhin zusammengestellt wird, entspricht dann von seiner (vermuteten) Risikostruktur der Vorgabe des Kunden.

Verändert sich im Zeitverlauf das Risiko einzelner Anlageklassen so dass die Vorgabe des Anlegers nicht mehr eingehalten wird, wird "umgeschichtet". Dann wird zum Beispiel der Anteil von Aktien aus Schwellenländern zu Gunsten von Staatsanleihen verringert. Im Fall eines Crashs am Aktienmarkt können teile der Mittel sogar in Geldmarkt-ETFs "geparkt" werden.

Mit einer Handvoll ETFs

Wie bei den Konkurrenten kommen auch bei Scalable Captial nur eine Handvoll ETFs zum Einsatz, sie werden nach Kriterien wie ihrer Kostenstruktur aus einer größeren Anzahl von Produkten heraus gefiltert. Die Mindestanlagesumme von 10.000 Euro ist für die Eröffnung eines Depots beim Kooperationspartner, der Baader Bank, erforderlich. Die Verwaltung dieses Depots lässt sich das Unternehmen mit 0,75 Prozent vergüten.

Wie die Macher die plausibel klingende Theorie und die Szenario-Rechnungen der Vergangenheit in die echte Performance ihrer Kunden-Depots umwandeln, wird in den kommenden Monaten zu beobachten sein. Laut Gründer Podzuweit soll nun ein öffentlicher "Track Record" Vertrauen schaffen, um noch mehr Kunden anzulocken. Die bisherigen Kunden habe das Konzept auch so überzeugt, so Podzuweit (s. auch unser Interview).

AB

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