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Anlageform mit Glamour-Faktor

Crowd Investing – Ein hochriskanter Schwarm

von Bettina Seidl

Wer träumt nicht vom großen Absahnen? Heute schon Google, IBM oder Microsoft von morgen kennen, bei einer kleinen Start-up-Firma von Anfang an dabei sein und später das große Geld machen - mit diesem Traum lockt Crowd Investing. Aber Vorsicht: Es ist hochriskant!

Fischschwarm

Viele kleine Investoren geben einen Schwarm - groß genug, ein Start-up zu finanzieren. Aber wehe, das Start-up geht pleite...

Lange Zeit war es Otto Normalanleger verwehrt, in ein viel versprechendes Start-up-Unternehmen einzusteigen. Man brauchte schon das große Geld, ohne eine Einstiegssumme von mehreren zehntausend Euro war eine Beteiligung an einem nicht börsennotierten Unternehmen für Privatinvestoren meist tabu. Allenfalls Private-Equity-Fonds beteiligten sich, Risikokapitalgeber.

Peter Thiel ist so jemand. 2004 machte er 500.000 Dollar locker und gab sie einem 20-jährigen Studienabbrecher, der davon träumte, die Menschen in aller Welt online zu vernetzen. Knapp acht Jahre später machte er aus der halben Million mehr als eine Milliarde: bei seinem Investment handelte es sich um Facebook, beim Börsengang im Mai konnte Thiel Kasse machen.

Wie sich Anleger und Start-ups finden
Von einem solch goldenen Händchen träumt auch das kleine Anlegerherz. Die theoretische Möglichkeit besteht mittlerweile. Seit rund einem Jahr schießen Internet-Portale aus dem Boden, die es Privatanlegern ermöglichen, mit kleinem Geld in junge Unternehmen zu investieren. Mit Summen zwischen 5 und 10.000 Euro - je nach Plattfornm. Das Ganze spielt sich abseits der Börse ab – und klingt doch ganz danach: Eine Vielzahl von Investoren finanziert ein Unternehmen.

Mittlerweile sind schon rund 20 Plattformen online. Das Dresdner Portal Seedmatch, das im August vergangenen Jahres startete, gehört zu den Pionieren in Deutschland. Die Bilanz des Internetportals kann sich sehen lassen: "Im ersten Jahr konnten 17 Start-ups erfolgreich durch die Crowd finanziert werden", resümiert Seedmatch-Gründer Jens-Uwe Sauer. Insgesamt wurden 1.640.750 Euro für Startups eingesammelt.

Ein Hype um die Crowd

Immer mehr Crowd-Investing-Plattformen gesellen sich dazu. Innovestment aus Köln zum Beispiel, die sich auf High-Tech-Firmen konzentriert, bringt es auf zehn Investments und hat gut 700.000 Euro bei Investoren locker gemacht. Companisto hat drei Projekte abgeschlossen, einschließlich der Finanzierung der eigenen Firma, zwei Fundings laufen gerade. Viele Plattformen sind aber noch nicht ganz so dick im Geschäft: Mashup Finance aus München hat erst einen Existenzgründer unter die Haube gebracht, eine Münchener Destillerie. Best BC wirbt gerade Gelder für die ersten Projekte ein. Bergfürst und Gründerplus liegen noch weiter zurück, versuchen die ersten Start-ups zu gewinnen.

Prinzipiell ist Crowd Investing eine gute Idee. Angesichts der Wirtschaftskrise sind Banken vorsichtig geworden mit dem Geldverleihen – erst recht bei riskanten jungen Unternehmen. Gerade erst warnte der IWF vor den Gefahren einer Kreditklemme. Das Klima an der Börse hat sich zwar in den letzten vier Monaten erwärmt, aber weniger fundamental begründet als liquiditätsgetrieben. Die Geldschwemme der Notenbanken ließ die Kurse steigen.

"Extremes Risiko - Totalverlust in mehr als der Hälfte der Fälle"

Crowd Investing ist also eine gute Hilfe für Existenzgründer auf der Suche nach Kapital. Aber ist es auch eine gute Anlageform? Anlegerschützer warnen davor: "Das Risiko für Anleger ist extrem", sagt Markus Kienle von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). "Crowd Investing ist nicht für den klassischen Anleger gedacht, und definitiv nicht für Altersvorsorge", so Kienle im Interview im ARD-Mittagsmagazin.

Wer dennoch in Versuchung gerät, sollte sich klar machen, wie groß das Risiko ist. Stets droht die Pleite: "Deutlich mehr als die Hälfte der Start-ups scheitern", schätzt der SdK-Mann. "Das Risiko ist vergleichbar mit dem der IPOs damals am Neuen Markt." Damals hat sich so mancher die Finger verbrannt.

Totalverlust möglich

Im Pleitefall kann der gesamte Einsatz weg sein. Kienles Ratschlag: Ein Anleger sollte sich mit dem Geschäftsmodell auseinandersetzen und es verstehen – und idealerweise aus der gleichen Branche kommen. Nur dann kann er das Risiko einigermaßen verlässlich einschätzen.

1.300 Prozent in drei Jahren?

Winkt aber auf der anderen Seite der große Gewinn? Findet man über die Crowd-Investing-Plattformen die neue Google- oder Facebook-Aktie von morgen? Dann wäre es das Risiko vielleicht wert, mag sich mancher denken, vor allem wenn er von den hohen Renditechancen liest. Seedmatch macht eine Beispielrechnung auf, wonach ein Investment in Cosmopol schon 2015 das 14-fache des Einsatzes bringen könnte. Das wären 1.300 Prozent in nur drei Jahren! Seriosität sieht anders aus.

Auch wenn Seedmatch einräumt, dass diese Rechnung auf dem Businessplan beruht, der oft sehr ambitioniert sei. So wird doch gleich die nächste – nicht minder ambitionierte – Rechnung aufgemacht: 200 Prozent Rendite in drei Jahren. Das Portal spricht von einer "pessimistischen" Schätzung.

50.000 Euro in 19 Minuten

Man mag angesichts solch fragwürdiger Versprechen kaum glauben: Crowd Investing boomt. "Es ist auf dem besten Weg, sich langfristig als Finanzierungsmodell für Start-ups zu etablieren und nachhaltig die Gründerkultur in Deutschland zu fördern", freut sich Seedmatch-Geschäftsführer Sauer.

Start-ups vermitteln Aufbruchstimmung, die Verbreitung übers Internet sorgt für den Hip-Faktor. Selbst Anleger, die sonst die Börse scheuen wegen des Risikos, fühlen sich angezogen. Das Geld kommt in kürzester Zeit zusammen. Bloomydays erreichte in nur 19 Minuten die Fundingschwelle von 50.000 Euro, die nötig ist, damit das Startup überhaupt läuft. Kommt diese Summe nicht zusammen, bekommen Investoren ihr Geld zurück. Easycard brauchte nur 87 Minuten, um die gewünschten 100.000 Euro zu erreichen. So schnell bekommt man nicht einmal einen Bankkredit.

BaFin bleibt außen vor

Sicher: Auch beim Crowd Funding gibt es eine gewisse Vorlaufzeit. Das Funding-Portal prüft das Start-up auf Herz und Nieren. Anleger können sich über die Plattform informieren. Doch bei allem Marketing, das die Plattformen professionell betreiben. die Risiken werden allzusehr heruntergespielt.

Bislang beschränken sich Crowd-Investing-Plattformen auf Finanzierungen von bis zu 100.000 Euro pro Unternehmen. Aus gutem Grund: Für höhere Summen braucht man einen Verkaufsprospekt, der die Chancen und Risiken beleuchtet und von der Finanzbehörde BaFin genehmigt wird. Unter 100.000 Euro bleibt die also BaFin außen vor.

Allenfalls mit "Spielgeld" reingehen!

Der Rat für Anleger: Crowd Investing ist allenfalls was für risikobewusste Anleger, die ein bisschen "Spielgeld" übrig haben - Geld, das entbehrlich ist. Für Anleger, die einen Verlust leicht verschmerzen können. Alle anderen fahren mit normalen Aktien deutlich besser.

Stand: 10.10.2012, 17:11 Uhr