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Scheidungsdrama – Die Bullen freuen sich

Aktienmarkt und Wirtschaft leben in Trennung

von Bettina Seidl

Normalerweise schlagen Aktienmarkt und Realwirtschaft im gleichen Takt. Zwar nicht in trauter Nähe, ihr Verhältnis gleicht eher einer Fernbeziehung, weil der Aktienmarkt einen gewissen Vorlauf zur Wirtschaft hat. Doch derzeit sind sie komplett entkoppelt – von der Fed entzweit.

Die amerikanische Notenbank Fed hat einen Keil zwischen Börse und Wirtschaft getrieben

"Die Fed hat es geschafft, die Scheidung zwischen Wirtschaft und Aktienmarkt einzuleiten", sagt David Rosenberg, Chefökonom des kanadischen Vermögensverwalters Gluskin Sheff. Während die jüngste Abschwächung der globalen Wirtschaft die Geschäfte der US-Unternehmen belastet – gut zu sehen an den enttäuschenden Ausblicken der Unternehmen des marktbreiten Aktienmarkt-Index' S&P 500 – hätten die Aktien eine Rally angetreten.

"It is truly a Houdini act"

"Das gleicht einem Zaubertrick", führt Rosenberg aus. Die meisten Durchschnittslinien am Aktienmarkt flirteten mit einem Fünf-Jahres-Hoch. Dass sei erstaunlich angesichts der schlechten Wirtschaftsdaten: Die Lage am Arbeitsmarkt ist mäßig, die Einkaufsmanagerindizes signalisierten mit Werten unter 50 Punkten eine nachlassende Wirtschaftsaktivität. Außerdem seien die Kern-Einzelhandelsumsätze und der Auftragseingang dauerhafter Güter rückläufig, die Industrieproduktion ebenfalls.

Analyst John Butters vom Finanz-Research-Haus FactSet weist auch auf diese Diskrepanz hin: "Es ist interessant, dass die Gewinnschätzungen für das dritte Quartal von Juli bis September um 4,5 Prozent gefallen sind", so Rosenberg. Der S&P 500 sei zeitgleich um 6,2 Prozent gestiegen, von 1.362 auf 1.447 Punkte.

Generell sei dies nichts allzu Ungewöhnliches. Dass Aktienmarkt und Revisionen der Gewinnschätzungen in unterschiedliche Richtungen laufen, sei in den vergangenen 40 Quartalen 20 Mal geschehen. Ungewöhnlich sei aber das Ausmaß dieser Diskrepanz.

Die Attraktivität der Aktie

Wie wichtig ist also überhaupt noch die Gewinnentwicklung der Unternehmen für die Kursentwicklung der Aktien? Laut Rosenberg momentan nicht. Der Aktienstratege argumentiert, die amerikanische Notenbank Fed werde alles tun, um die Zinsen niedrig zu halten. Das kreiere ein bullishes Szenario für den Aktienmarkt.

"Die Wirtschaft und die Unternehmensgewinne sind schwach und werden immer schwächer, aber der Zinssatz zur Diskontierung des künftigen Ertragsstroms wird mehr und mehr negativ. Das wiederum erhöht die zukünftigen Ertragserwartungen." Zusätzliche Attraktivität gewinnen Aktien durch die hohen Dividendenrenditen. Sie sind im S&P dreimal so hoch wie am Rentenmarkt.

Rosenberg untermauert seine bullishe Prognose mit einer weiteren Statistik. Er fand folgende Korrelation: Seit dem ersten Quantitive Easing Programm der Fed (QE1) hätten fast 74 Prozent der Aktienmarktbewegung erklärt werden können durch das Level der Fed-Aktiva.

Liquidität ist alles

Aktienstratege Carsten Klude von M.M. Warburg hält es zumindest für denkbar, dass die Berichtssaison sich temporär in den Aktienkursen niederschlägt. "Aber langfristig werden die Fundamentaldaten zurückgedrängt werden", sagte Klude im Interview mit boerse.ARD.de. "Der Markt wird sich schnell wieder der Geldpolitik widmen und der Frage: Wie viel Liquidität kommt in den Markt?"