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Charttechnik

Jörg Scherer, HSBC Trinkaus & Burkhardt AG

Zu spät für Sell in Summer?

"Dax-Korrektur kein Grund zur Panik!"

Die laufende Korrektur hat den Dax kräftig in die Knie gezwungen. Wie Anleger sich in diesem schwierigen Umfeld am Besten strategisch positionieren sollten, verrät HSBC-Experte Jörg Scherer im Gespräch mit boerse.ARD.de.

boerse.ARD.de: Sommer, Sonne, Kursverluste? Herr Scherer, wie stehen Sie zur saisonalen Börsenregel "Sell in Summer"?

Jörg Scherer: Blickt man auf unsere Grafik mit den Dax-Renditen seit 1988, so sieht man ganz klar, dass August und September die schlechtesten Börsenmonate im Jahresverlauf sind. Und nicht nur das. Auch die Trefferquote spricht gegen Kursgewinne in diesen beiden Monaten. Die Wahrscheinlichkeit für steigende Notierungen liegt im August und September unter 50 Prozent. In der Mehrzahl haben Investoren somit in diesen Monaten Kursverluste erlitten.

Durchschnittliche Dax-Renditen seit 1988

Im Durchschnitt betrug das Dax-Minus seit 1988 im August 2,6 Prozent, im September 2,4 Prozent

boerse.ARD.de: Anleger können mit "Sell in Summer" also ganz komfortabel und ohne viel Aufhebens ein Renditeplus einfahren?

Scherer: Ja, in der Tat. Unterm Strich lautet die Quintessenz: Wenn man auf größeren Cash-Beträgen sitzt, so gibt es von der Saisonalität her eindeutig bessere Zeitpunkte, um sich an der Börse zu engagieren.

Durchschnittliche Trefferquote seit 1988

In den Sommermonaten August und September ließen sich nur in 46 Prozent aller Fälle Kursgewinne erzielen

boerse.ARD.de: Nämlich?

Scherer: Oktober, November, Dezember. Das Stichwort lautet hier natürlich Jahresendrally. Dabei hat der Dezember die beste Trefferquote für steigende Dax-Notierungen. Sich nur diese drei Monate an der Börse zu engagieren, ist definitiv nicht die dümmste Investmentstrategie. Zumal die Aktienmärkte auch gemäß dem US-Präsidentschaftszyklus in Zwischenwahljahren wie diesen bis September eher schwach performen und einzig die letzten drei Monate dafür sorgen, dass es nicht der totale Rohrkrepierer-Jahrgang an der Börse wird.

boerse.ARD.de: Blickt man auf den aktuellen Dax-Chart, so scheint es, dass Sell in Summer dieses Jahr bereits im Juli begonnen hat. Auch der Donnerstag lässt sich bislang wenig erbaulich an. Der Dax hat mit einem Abwärtsgap eröffnet und sogar das jüngste Korrekturtief unterschritten. Anders formuliert: Ist es für Sell in Summer schon zu spät?

Dax
Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 6 Monate
Kurs
9407.48
Differenz absolut
-186.20
Differenz relativ
-1.94%

Scherer: Tendenziell ja! Bisher hat die Korrektur allerdings für mich noch kein dramatisches Ausmaß angenommen. Im Moment sind wir auf einer sehr interessanten Unterstützung angekommen. Ich sehe hier einen potenziellen bullishen Keil, dessen obere Begrenzung bei 9.733 durch den kurzfristigen Abwärtstrend seit Anfang Juli gebildet wird. Zusammen mit dem 50-Prozent-Fibonacci-Retracement der Rally seit Mitte März (9.482 Punkte) und der dynamisch steigenden 200-Tage-Linie (aktuell bei 9.486 Zählern) ergibt sich hier ein wirklich gutes Unterstützungsbündel.

boerse.ARD.de: Was ist ihr Basisszenario: Hält die 200-Tage-Linie?

Scherer: Davon gehe ich aus. Die Bullen dürften den von mir skizzierten klassischen Kumulationspunkt zu einer Gegenwehr nutzen. Solange die 200-Tage-Linie hält, muss die laufende Korrektur als gesunde Verschnaufpause im Rahmen des übergeordneten Aufwärtstrends bezeichnet werden. Dazu passt auch das Sentiment: Im Dax sind wir nur fünf Prozent weg vom Hoch, beim S&P 500 liegt das neue Allzeithoch sogar gerade einmal vier Tage zurück – doch die Anlegerstimmung ist so schlecht, als wäre gerade die Mega-Baisse im Gange. Auch in der neuen Umfrage der American Association of Individual Investors ist von Euphorie keine Spur. Wir sehen hier nach wie vor sehr hohe Neutralitätsquoten, die typischerweise nicht mit einem Markttop einhergehen. Da würde man sehr viel extremere bullishere Positionierungen erwarten.

boerse.ARD.de: Sollte die 200-Tage-Linie trotzdem gerissen werden, wie hoch wäre das daraus resultierende Abschlagspotenzial?

Scherer: Als Unterstützung auf dem Weg nach unten kann man das Tief von Mitte April bei 9.167 Punkten anführen. Darunter halten wir das bisherige Jahrestief (8.913) für eine sehr wichtige Marke.

boerse.ARD.de: Und wann hätten die Bullen wieder die Oberhand?

Scherer: In dem Moment, wo wir diesen Keil, den kurzfristigen Abwärtstrend (aktuell bei 9.733 Punkten) rausnehmen, hätten wir es mit einem bullishen Keilausbruch zu tun. Dann würden automatisch wieder die Rekordstände oberhalb von 10.000 Punkten auf die Agenda rücken. Spätestens in Q4, wenn auch die Saisonalität wieder den Bullen in die Hände spielt, dürften wir wohl wieder in Richtung Rekordhoch laufen.

boerse.ARD.de: Wie sollten sich strategisch, also eher mittel- bis langfristig, orientierte Anleger in diesem schwierigen Umfeld am Besten positionieren?

Scherer: Nach unten ist das Jahrestief bei 8.913 Punkten die Marke, die wir Investoren als strategischen Stopp mit auf den Weg geben. Im Moment sind Positionen also nach wie vor haltenswert. Anleger sollten weiter am Ball bleiben. Zumal wenn wir darauf schauen, wie sich bislang Wendepunkte im Dax ausgebildet haben. Während die unteren Wendepunkte häufig V-förmig verliefen, hatten die Topps doch regelmäßig eine gewisse Distributionsphase. Eilige, hastige Verkäufe sind also aktuell nicht ratsam.

Das Gespräch führte Angela Göpfert.

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