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Banken

Skyline von New York vor US-Flagge.

Nach den Quartalsberichten

Warum sind US-Banken viel besser?

von Lothar Gries

Stand: 20.01.2016, 15:20 Uhr

Die sechs größten Banken der USA haben im vierten Quartal 18,6 Milliarden Dollar verdient - so viel wie seit Jahren nicht mehr. Und voraussichtlich mehr als die gesamte deutsche Finanzindustrie. Wie ist das möglich?

Tatsächlich konnten sich die US-Banken deutlich schneller von der Finanzkrise erholen als ihre europäischen Konkurrenten. Ein Grund dafür hieß TARP. Dieses von der Regierung aufgelegte "Troubled Asset Relief Program" hat es den Geldhäusern ermöglicht, sich von ihren im Immobilien-Boom angehäuften Schrottpapieren zu befreien und ihre Kapitalausstattung zu verbessern.

Laut einer Studie der Unternehmensberatung EY haben die amerikanischen Banken seit 2008 ihr Eigenkapital um 160 Prozent aufgestockt – die europäischen Banken dagegen nur um 63 Prozent. Dadurch waren die Amerikaner rascher in der Lage, die während der Krise erhaltenen staatlichen Hilfen zurückzuzahlen.

Rechtsstreitigkeiten weitgehend gelöst

Ganz anders in Europa. Hier müssen Institute wie die Commerzbank oder die Royal Bank of Scotland noch immer mit dem Staat als Ankeraktionär leben, seit dieser 2009 mit Milliarden von Euro den Banken zu Hilfe geeilt ist, um sie vor dem Untergang zu bewahren.

Gleichzeitig haben die sechs großen US-Banken aus der Immobilien- und Finanzkrise resultierenden Rechtsstreitigkeiten weitgehend beendet. In den ersten drei Quartalen 2015 beliefen sich die Rechtskosten der fünf größten US-Banken auf weniger als sieben Milliarden Dollar - im Jahr 2014 lagen sie noch bei 33 Milliarden Dollar. Im vierten Quartal 2015 musste nur noch Goldman Sachs gut fünf Milliarden Dollar für drohende Strafen zurücklegen, die anderen Geldhäuser konnten dagegen, von Belastungen befreit, Milliardengewinne ausweisen.

Überschüsse der sechs größten US-Banken im vierten Quartal 2015
JPMorgan5,4 Milliarden Dollar
Wells Fargo
Bank of America
Goldman Sachs
Morgan Stanley
5,3 Milliarden
3,0 Milliarden
0,756 Milliarden
0,753 Milliarden

Massive Sparprogramme

Zudem profitieren die US-Banken von den gleichzeitig eingeleiteten massiven Sparprogrammen. So sind die Ausgaben für Personal, Marketing und Immobilien der sechs führenden Geldinstitute des Landes im vierten Quartal auf 61,8 Milliarden Dollar gesunken - das ist die niedrigste Summe für diese Kosten seit sieben Jahren. Bei gleichzeitig unveränderten oder leicht gestiegenen Erträgen tragen diese Schritte dazu bei, den Gewinn in die Höhe zu schrauben.

Wells Fargo: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
43,35
Differenz absolut
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Zu den Einsparungen gehört vor allem der massive Stellenabbau. Prominentestes Beispiel ist die Bank of America: Sie hat in den vergangenen vier Jahren die Zahl ihrer Mitarbeiter um rund 75.000 verringert. Schätzungen zufolge sind an der Wall Street allein in den Jahren 2009 bis 2011 mehr als 400.000 Stellen gestrichen worden. Derart rücksichtslose Maßnahmen sind in Europa nicht durchsetzbar und wesentlich teurer.

Unbeschadet aus der Eurokrise

In jüngster Vergangenheit hatten die US-Banken noch einen weiteren Vorteil: Sie sind weitgehend unbeschadet aus der Eurokrise gekommen. Denn sie besaßen nur wenige Anleihen der Krisenstaaten, die sie hätten abwerten müssen. Auch mussten amerikanische Banken nicht wie in Europa ihr Investmentbanking eindampfen und dabei auf hohe Einnahmen verzichten. Die neuesten Quartalsbilanzen zeigen vielmehr, dass Goldman Sachs, Morgan Stanley oder JPMorgan unvermindert auf dieses Geschäft setzen und die europäische Konkurrenz abgehängt haben.

Experten weisen darüber hinaus auf signifikante Skaleneffekte des amerikanischen Bankgewerbes hin. Denn große Banken können durch die Automatisierung vieler Arbeitsprozesse ihre Kosten drastischer reduzieren und Risiken breiter streuen als etwa die vergleichsweise kleinen deutsche Sparkassen oder Volksbanken. Auch leidet im internationalen Vergleich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Bankindustrie an der mangelnden Größe. Das spüren hierzulande besonders die Landesbanken oder die Commerzbank, die bei der Finanzierung größerer Projekte oft nur in der zweiten oder dritten Reihe sitzen, während die federführenden Investmentbanken von der Wall Street auch die dicksten Gebühren kassieren.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
11,91
Differenz absolut
-0,54
Differenz relativ
-4,30%
Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
5,69
Differenz absolut
0,05
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+0,92%

Stärke der US-Wirtschaft

Ein weiterer Wettbewerbsvorteil ist natürlich die relative Stärke der amerikanischen Wirtschaft. Sie hat sich nach der Finanzkrise schneller aus der Rezession erholt als die meisten Länder in Europa. Dabei ist eine prosperierende Wirtschaft natürlich immer noch die beste Hilfe für die Banken.

Dass sich an diesem Ungleichgewicht der Finanzbranche diesseits und jenseits des Atlantiks bald etwas ändert, gilt als unwahrscheinlich. Im Gegenteil. Viele Fintech-Errungenschaften seien in den USA bereits in Betrieb, während sie in Europa noch immer in den Kinderschuhen steckten, warnen Experten. Sie wollen nicht ausschließen, dass es in einigen Jahren die US-Häuser sind, welche die vielen Fintech-Applikationen in Europa dominieren oder den Kunden anbieten.

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