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Internet-Börsengänge

Champagnerflaschen in einem Eiskübel

Neuer Markt lässt grüßen

Stehen wir mitten im nächsten Internet-Hype?

Stand: 22.09.2014, 16:45 Uhr

Der fulminante Börsenstart des chinesischen Online-Händlers Alibaba ist gerade vorbei. Da drängen hierzulande schon die Internetkonzerne Zalando und Rocket Internet an die Börse. Manch ein Börsenexperte fühlt sich bereits in die Zeiten des Neuen Marktes zurückversetzt.

So ergeht es zum Beispiel Peter Kochanski, dem langjährigen Börsenberichterstatter für die Rundfunkanstalten der ARD. Mit einem sehr, sehr mulmigen Gefühl hat er am vergangenen Freitag den Börsengang von Online-Händler Alibaba mitverfolgt. "Es war wie ein Rausch der Sinne", meint er rückblickend. "Die Investoren wollten um jeden Preis dabei sein."

Das ließ die Alibaba-Aktie durchstarten. Den bereits am oberen Ende einer erhöhten Preisspanne festgesetzten Zeichnungspreis von 68 Dollar übertraf die Aktie am Freitag spielend. Zum Kursplus von 38 Prozent am ersten Handelstag sagt Kochanski: "Das war atemberaubend."

Bombastische Bewertungen, klingelt da nicht etwas?

Damit hat der chinesische Online-Riese den größten Börsengang aller Zeiten hingelegt. Derzeit ist er 168 Milliarden Dollar wert. In seinem Windschatten beziehen hierzulande weitere Internet-Konzerne die Startposition und wollen im Oktober an die Börse. Sowohl der bis vor kurzem defizitäre Online-Modehändler Zalando als auch die Startup-Schmiede Rocket Internet mit ihren zahlreichen verlustreichen Beteiligungen streben eine Bewertung von mindestens fünf Milliarden Euro an.

ARD-Börsenstudio Hörfunk: Peter Kochanski an der Frankfurter Börse

Peter Kochanski vom ARD-Börsenstudio. | Quelle: Katja Lenz

Das sorgt für ein "déjà vu" bei langjährigen Marktbeobachtern. Erinnerungen an den Neuen Markt kommen hoch, dem 1997 gegründeten Börsensegment für junge, innovative und wachstumsstarke Unternehmen. "Die machten damals mit Zeitungsanzeigen Anleger auf ihre Börsengänge aufmerksam", erzählt Peter Kochanski, "fast jede Woche gab es einen und sogar am Stammtisch wurde darüber gesprochen".

"Noch Nachholbedarf"

Der Nemax-Index stieg rasant, fiel aber seit März 2000 ebenso rasant. Es gab Kurseinbrüche von teilweise 90 Prozent und Unternehmenspleiten in Serie. Die Dotcom-Blase platzte, der Neue Markt wurde 2003 eingestampft. Steht nun wieder so eine Blase an?

Der traurige Kursverlauf des Nemax. | Montage: boerse.ARD.de, picture-alliance/dpa

Nein, betont Martin Steinbach, IPO-Experte von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, davon sei man weit entfernt. "Vielmehr gibt es gerade bei den Internetkonzernen Nachholbedarf, wir hoffen, dass nach Alibaba noch weitere an die Börse am Finanzplatz Deutschland drängen werden." Neben Zalando und Rocket Internet gelten der Betreiber von Online-Marktplätzen Scout 24 und die Digital-Sparte von Axel Springer als Börsenkandidaten.

Der Neue Markt hat Investoren vorsichtig werden lassen

Es gelten im Wesentlichen keine anderen regulatorischen Vorschriften als zur Jahrhundertwende, meint Steinbach. Wie damals müssen die Unternehmen heute zumindest im Prime Standard bei der Berichterstattung internationale Standards (IFRS) berücksichtigen und jedes Quartal einen Bericht vorlegen. Allerdings strebt etwa Rocket Internet eine Aufnahme in den Entry Standard an, wo weniger strenge Auflagen gelten.

Ob es bei den Börsengängen zu überzogenen Bewertungen komme, lässt sich nach Meinung des IPO-Experten kaum beantworten. "Da müssen Investoren von Fall zu Fall entscheiden - verstehen sie das Geschäftsmodell und haben sie Vertrauen in das Management?" Immerhin seien sie vorsichtiger und wählerischer als früher, meint Steinbach. Wobei damit weniger private als institutionelle Anleger gemeint sind. Denn Privatanleger sind anders als früher bei dieser neuen Internet-Welle noch kaum beteiligt.

um

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