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Geschäftsmann auf Hochseil über einer Stadt balancierend

Stresstest für Deutschlands Versicherer

Für die Krise gut versichert?

Stand: 19.05.2017, 15:11 Uhr

Ist mein Lebensversicherer krisenfest? Oder meine Schadenversicherung? Am Montag wissen wir es. Die Versicherer müssen bis dahin offenlegen, wie gut sie für etwaige Krisen gewappnet sind. Eine Art Stresstest. Taugt der was?

Vor einem Jahr fand der Stresstest noch unter Ausschluss der Öffentlichtkeit statt. Die Versicherer mussten nur der Finanzaufsicht BaFin berichten, wie es um ihre Finanzen und die Risiken ihrer Geschäfte bestellt ist. Diesmal sollen die Versicherer ihre Kennzahlen öffentlich darlegen und zeigen, ob sie die strengen Regeln des neuen Regelwerks mit Namen "Solvency II" erfüllen.

Die frohe Botschaft gleich vorweg: Diesmal gibt es wohl keine Durchfaller.

Keine Durchfaller mehr

Anders vor einem Jahr: Bei drei Lebensversicherern sah es kritisch aus. Ihre so genannte Solvenzquote war zu niedrig, sie lag unter der von der Finanzaufsicht verlangten Quote von 100. Die Solvenzquote setzt die Risiken des Versicherers ins Verhältnis zu seinen Eigenmitteln; bei hohen Risiken muss der Versicherer mehr Eigenkapital vorhalten.

Drei Versicherer hatten vor einem Jahr eine Solvenzquote von unter 100 Prozent. Die Regularien erfordern dann, dass die Unternehmen entweder ihre Eigenmittel aufstocken oder aber ihre Geschäfts- beziehungsweise Kapitalanlagestrategie so gestalten, dass sie weniger Eigenmittel vorhalten müssen. Sie können zum Beispiel Risiken abbauen durch Verzicht auf Produkte mit höherer Schadenwahrscheinlichkeit oder die Wahl risikoärmerer Kapitalanlagen. Unter der kritischen 100-Prozent-Marke könnte die BaFin aber im Extremfall auch das Neugeschäft untersagen.

Wer die drei Durchfaller vor einem Jahr waren, verriet die Finanzaufsicht nicht. Nur so viel, dass es Unternehmen mit vergleichsweise geringerer Marktbedeutung waren. Diesmal haben die drei es aber offenbar geschafft. "Die Probleme der betroffenen Unternehmen sind gelöst", sagt Deutschlands oberster Versicherungsaufseher Frank Grund von der BaFin. Und weiter: "Nach unserer jetzigen Einschätzung wird kein Unternehmen unter dem Sollkapitalbedarf liegen."

Die deutschen Versicherer stehen insgesamt gar nicht schlecht da. Die BaFin nennt eine durchschnittliche Solvenzquote von 305 Prozent. Das heißt mit anderen Worten: Die deutschen Versicherer haben dreimal so viel Kapital, wie es die neuen Solvency-Regeln verlangen.

Was ist Solvency II?

Das europäische Regelwerk Solvency II ist seit Anfang 2016 in Kraft. Es war eine lange Geburt - auch wegen der Finanzkrise. Die Aufseher wollten Lehren aus der Krisen-Vergangenheit ziehen und bauten immer mehr Sicherheiten in ihr Regelwerk ein.

Solvency II macht ganz konkrete Vorschriften zur Höhe des Eigenkapitals, um sicherzustellen, dass Versicherer auch im Krisenfall stark genug sind, um ihre Verbindlichkeiten erfüllen zu können. Sie sollen selbst extreme Ereignisse verkraften können wie beispielsweise Großschäden durch Naturkatastrophen oder massive Turbulenzen an Aktien- und Anleihemärkten.

Das Risiko gibt den Takt vor

Solvency II-Schriftzug vor Europaflagge

Wieviel Puffer braucht man für die Krise? Das hängt vom Risiko ab, das der Versicherer eingeht. Hohes Risiko heißt: hohes Eigenkapital. Solvency II bemisst seine Regeln nach dem größt möglichen Negativereignis in 200 Jahren. Die Versicherer ächzen unter den hohen Anforderungen. Aber bis 2031 haben sie Erleichterungen, damit der Übergang nicht ganz so hart ist.

Dabei wird jedes einzelne Risiko des Versicherers bewertet. Aktien müssen mit mehr Eigenmittel unterlegt werden als Staatsanleihen. Berücksichtigt wird auch, wie stark der Versicherer seine Risiken streut. Hat er vielleicht zu stark europäische Sturmrisiken abgesichert? Oder ein Übergewicht bei Haftpflichtrisiken der Pharmabranche? Dann kommt das den Versicherer teurer zu stehen als eine breite Verteilung der Risiken.

Wie stark sind die Lebensversicherer?

Im vergangenen Jahr standen die Lebensversicherer wegen der Niedrigzinsen unter verschärfter Beobachtung der Versicherungsaufseher. Nicht nur, dass das Dauerzinstief an den Gewinnen nagt, und weniger Geld bleibt, um es für die Eigenmittel zurückzustellen. Auch drücken die niedrigen Zinsen die Solvenzquoten. Denn je mehr die Zinsen sinken, desto mehr Eigenkapital müssen die Versicherer für ihre langfristigen Zinsgarantien vorhalten.

Im Verlauf des vorigen Jahres sanken ihre Quoten zeitweise deutlich im Zusammenhang mit den gesunkenen Renditen der Bundesanleihen. Doch zum Jahresende stiegen die Renditen wieder. Der Branchenverband GDV schätzt die Solvenzquote der Lebensversicherer nun nahe dem Vorjahreswert von 283 Prozent.

Auch die BaFin gibt für die Lebensversicherer Entwarnung. Laut Frank Grund dürften sie allesamt die Solvenzquote nach Solvency II einhalten. "Wir machen sogenannte Prognoserechnungen mit allen Lebensversicherern für die nächsten zehn Jahre und verlassen uns nicht allein auf die Solvenzquote", berichtet der Chef der Versicherungsaufsicht. "Damit wollen wir sicherstellen, dass die einzelnen Unternehmen auch in Zukunft in der Lage sind, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Unser grundsätzlicher Befund ist, dass die deutsche Lebensversicherung kurz- und mittelfristig keine existenziellen Probleme haben wird."

Wie aussagekräftig ist die Quote?

Was bringt nun der Montag, wenn alle Versicherer ihre Quoten offenlegen? Natürlich gibt es mehr Transparenz. Erhellend vor allem für Experten, die die Krisentauglichkeit der Versicherer besser beurteilen können. Aber für den Laien ist der Krisencheck nach wie vor nicht einfach. Denn: Quote ist nicht gleich Quote. Einige Assekuranzen berechnen die Zahl nach einer Standardformel, andere nach internen Modellen, die mit der BaFin abgestimmt sind.

Dann gibt es noch Versicherer, die die Übergangsmaßnahmen in Anspruch nehmen. Denn Solvency II erlaubt Unternehmen, ihre Eigenmittel schrittweise bis 2031 aufzustocken. Das schönt die Quote. Die Solvenzquoten von Versicherern, die solche Übergangsmaßnahmen in Anspruch nehmen, sind also nicht vergleichbar mit denen ohne Übergangsregelung.

Keine Messlatte für die Finanzstärke

Die Quote ist auch abhängig von der Art der Versicherung: Krankenversicherer haben eher hohe Quoten, Lebensversicherer eher niedrige - eine logische Folge des Geschäftsmodells und des damit verbundenen Risikos. Beim letzten Stresstest (Stichtag 31. März 2016) kamen die Krankenversicherer etwa auf eine durchschnittliche Quote von 433 Prozent, die Rückversicherer lagen bei 320 Prozent, die Schaden- und Unfallversicherer auf 280 Prozent - und die Lebensversicherer, die unter den niedrigen Marktzinsen darben, nur auf 209 Prozent.

Zudem schwanken die Quoten bei Lebensversicherern - wegen der Abhängigkeit von den Marktzinsen - stärker als etwa bei Schaden- und Unfallversicherungen.

Äpfel und Birnen

Kunden sollten daher nicht allein auf diese Kennziffer schauen, mahnt Deutschlands oberster Versicherungsaufseher Grund. "Die bloße Quote ist ungeeignet als Vergleichsinstrument und kein Kriterium für eine schnelle Kaufentscheidung." Er warne davor, "Äpfel mit Birnen zu vergleichen". Ein Versicherer, der jedes Jahr nur knapp über 100 liege, sei aber sicher weniger stark als ein Unternehmen mit dauerhaft sehr guten Zahlen.

Auch Reiner Will, Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata, hält eine reinen Quotenvergleich für nicht zielführend. "Die Durchschnittsnote beim Abitur sagt auch nichts über eine Gesamtqualifikation eines Menschen aus." Der Bericht könne wissbegierigen Kunden möglicherweise interessante Informationen bieten. Versicherungskunden sollten sich aber nicht verunsichern lassen. Und er mahnt: "Die Erstellung von Hitlisten wäre alleine aufgrund der zahlreichen Besonderheiten wenig sachgerecht und irreführend."

Kritik an Solvency

Genau davor haben die Versicherer Angst: dass mit den Solvenzquoten Rankings erstellt werden mit dem Ziel, die Überlebensfähigkeit eines Versicherers zu prognostizieren. Denn auch wenn diesmal niemand mehr durchfällt: So weiß man von der BaFin eben auch, dass im vergangenen Jahr insgesamt 29 Lebensversicherer ohne die Übergangsmaßnahmen durchgefallen wären. Sie müssen nun nachweisen, wie sie bis 2031 auf genug Eigenkapital kommen wollen, so sehen es die Regularien vor.

Die Versicherungsbranche ist, um es höflich auszudrücken, wenig begeistert von dem Regelwerk, bringt es doch vor allem Aufwand und Kosten. Der Branchenverband GDV warnt vor einem "schleichenden Kostentod". BaFin-Aufseher Grund hält die Einführung von Solvency II und den jährlichen Bericht der Unternehmen zur Solvenz- und Finanzlage (SFCR) trotz des Aufwands für Versicherer für sinnvoll. "Das Risikomanagement und das Risikobewusstsein in den Unternehmen hat sich deutlich verbessert."

bs

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Der Solvenzquoten-Check

Überpünktliche Versicherer

Swiss Life-Filiale in Zürich-Binz

Swiss Life Deutschland

Ganz bequem gepolstert ist Swiss Life Deutschland, der deutsche Ableger des Schweizer Konzerns. Der Versicherer kann eine Solvenzquote von 391 Prozent vorweisen. Das ist viermal so viel, wie der Mindeststandard der BaFin vorsieht. Und liegt deutlich überm Schnitt der deutschen Versicherer, der bei 305 Prozent liegt.

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