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Anlagenotstand bei Versicherungen

Lebensversicherer in der Klemme

von Robert Minde

Der Lack ist ab bei der Deutschen liebster Altersvorsorge. Die anhaltend niedrigen Anlagezinsen machen den Anbietern von Lebensversicherungen schwer zu schaffen. Wie soll die versprochene Garantiezins noch erwirtschaftet werden? Alternativen zu festverzinslichen Staatsanleihen müssen her – und zwar möglichst schnell.

Lebensversicherungen geraten immer tiefer in den Sog niedriger Zinsen

Man muss kein Mathematiker sein, um die Brisanz der "Rechnung" zu verstehen. Zehnjährige Bundesanleihen werfen aktuell rund 1,5 Prozent ab, der vom Gesetzgeber vorgeschriebene Garantiezins, die Lebensversicherer ihren Neukunden für das angelegte Geld garantieren müssen, liegt bei 1,75 Prozent. Und dem Investment in risikoreichere Wertpapiere hat der Gesetzgeber strenge Grenzen gesetzt. Lebensversicherer, was nun?

Lebensversicherungsunternehmen müssen also kreativ sein, wenn sie vom Kunden weiterhin als attraktive Alternative am umkämpften Markt für Alters- und Vorsorgeprodukte wahrgenommen werden wollen. Sie verwalten insgesamt 743 Milliarden Euro, 89 Prozent davon sind in festverzinslichen Wertpapieren angelegt. Insgesamt dürfte als sicher gelten, dass die Branche 2012 nicht mehr die Rendite-Marke von 4,14 Prozent erreicht, die sie 2011 ausgewiesen hat.  

Die Uhr tickt

Die erstaunlich hohe Zahl von 4,14 Prozent erklärt sich dadurch, dass die Gesellschaften noch von ihrem Altbestand an festverzinslichen Wertpapieren zehren, also von den Erträgen aus Zeiten, in denen die Zinsen höher waren. Dies trifft vor allem auf die Jahre zwischen 1995 und 2000 zu, als die Branche ihren damaligen  Neukunden einen Garantiezins von vier Prozent gab. "Mittelfristig mache ich mir keine Sorgen", erklärt Philipp Häßler, Analyst beim Analysehaus Equinet und   schränkt im nächsten Satz ein: "Mittelfristig, das bedeutet etwa fünf Jahre."

Aber was sind schon fünf Jahre für eine "Lebensversicherung"? Die Rendite-Uhr tickt unerbittlich, Staatsanleihen aus diesen glücklicheren Jahren sind längst ausgelaufen. Denn kaum ein Wertpapier hat bilanztechnisch idealerweise die gleiche Laufzeit wie eine Kundengarantie, so dass die Gesellschaften während der Laufzeit neu anlegen müssen. Da Lebensversicherungsverträge aber länger laufende Verträge sind, müssen die Gesellschaften in der Regel auch heute noch die damaligen Verpflichtungen erfüllen, die der Kapitalmarkt schon lange nicht mehr hergibt.

Ist dann der Zins, wie aktuell, extrem gefallen, ist guter Rat teuer. Unter Umständen müssen dann mangels Alternativen auch Anlagen ins Portfolio genommen werden, die bonitätsmäßig schlechter gestellt sind, als eine AAA-Bundesanleihe. Der Chart zeigt den dramatischen Zinsabstieg der zehnjährigen Bundesanleihe seit dem Beginn der 90er-Jahre, der bisher letzten Hochzinsphase in der Bundesrepublik.

Der Gesetzgeber greift ein

Das Dilemma hat auch der Gesetzgeber erkannt und Anfang des Jahres den Garantiezins für Lebensversicherungen von zuvor 2,25 auf 1,75 Prozent abgesenkt. Das ist der Zins, den Versicherer maximal versprechen dürfen. Aber Vorsicht: Der Garantiezins ist nur die Rendite für das wirklich angelegte Geld, also der Teil des monatlichen Beitrages ohne Berücksichtigung von Verwaltungs- und Abschlusskosten. Üblich und auch zu Werbezwecken stets weidlich ausgeschlachtet war und ist es, dass zusätzlich zu diesem Zins auch eine von der Gesellschaft erwirtschaftete Überschussbeteiligung ausgezahlt wird, so dass sich die Bilanz deutlich besser darstellt. Aber genau das fällt eben immer schwerer.

Zumal die Gesellschaften gesetzlich nun auch verpflichtet sind, zusätzliche Rückstellungen zu bilden, wenn die Garantieverzinsung nicht erreicht wird. Diese vom Gesetzgeber ebenfalls vorgeschriebene Zinszusatzreserve  musste erstmals 2011 gebildet werden, denn der Zehn-Jahres-Durchschnittsertrag von als sicher geltenden Staatsanleihen rutschte erstmals unter vier Prozent. Genau die Rendite also, die zwischen 1995 und dem Jahr 2000 garantiert wurde. Insgesamt 1,5 Milliarden Euro hat die Branche reserviert, für 2012 erwarten Rating-Agenturen und Analysten eine kräftige Aufstockung.

Die Alternativen

Kein Wunder also, dass sich Lebensversicherungsunternehmen bei dieser Ausgangslage nach alternativen Anlagen umschauen. "Deren Anteil wird ausgebaut", kommentiert Analyst Häßler. Ob Stromleitungen, Windkraft, Immobilien, die Ausweitung des Kreditgeschäftes oder Grundbesitz – alles wird geprüft, sofern es die wichtigsten Kriterien für einen Personenversicherer erfüllt: Die Laufzeit muss entsprechend lang und  die Ausschüttung sicher und vorausschaubar sein. Allerdings müssen die Gesellschaften für diese Anlageformen auch ein neues Risikomanagement einführen, das es so bisher noch nicht gab. Immer mehr begleiten Spezialabteilungen dieser Art die klassischen Kapitalanlagen.

Aktien wenig gefragt

Nur ein alter Bekannter dürfte wohl weiter ein Dasein als Mauerblümchen fristen. Die Aktie spielt in den strategischen Überlegungen der Anlageexperten der Versicherer eine untergeordnete Rolle. Denn sie gilt als "Risikopapier" und leidet damit besonders unter den neuen Eigenkapitalvorschriften für die Branche, die unter dem Stichwort "Solvency II"  firmieren. Dabei soll, ähnlich wie bei den Banken, nach dem Motto verfahren werden: Je höher das Risiko einer Anlage, je mehr Eigenkapital muss vorgehalten werden.

Was auf den ersten Blick logisch klingt, ist aber durchaus problematisch, denn Versicherungen bewegen sich auf höchst unterschiedlichen Märkten. So genießt die Aktie als Rentenvorsorge in den angelsächsischen Ländern traditionell einen wesentlich höheren Stellenwert als auf dem Kontinent. 2013 sollen die komplizierten Regeln nach dem letzten Stand eingeführt und ab 2014 umgesetzt werden. Aber das letzte Wort dürfte wohl noch nicht gesprochen sein.

Solvency II

Darunter versteht man im Wesentlichen die neuen Eigenkapitalregeln für Versicherer. Das vorgehaltene Eigenkapital soll sich strikt nach den Risiken richten, die es trägt. Die Regeln treten 2013 in Kraft, werden aber erst 2014 voll angewandt.

Mit der Direktinvestition in das "Risikopapier" Allianz-Aktie hätte der Investor bei einer Ausschüttung von 4,50 Euro je Anteilsschein für das Geschäftsjahr 2011 übrigens eine Rendite vor Steuern von rund fünf Prozent erzielt.

Lesen Sie im zweiten Teil,  worauf Kunden und Investoren bei Versicherungsgesellschaften achten müssen, wenn sie sich entscheiden.

Stand: 20.11.2012, 17:18 Uhr