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Klimawandel

Verblasster Totenkopf auf Steinkohle

Dekarbonisierung der Weltwirtschaft

Immer weniger Kohle mit Kohle

von Notker Blechner

Stand: 26.06.2015, 15:47 Uhr

Auf dem jüngsten G7-Gipfel haben die Staatschefs die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft, also den Abschied von Kohle, Öl und Gas ausgerufen. Große Investoren wie der norwegische Staatsfonds oder Warren Buffett ziehen deshalb ihr Geld aus klassischen Energie-Aktien ab. Droht die "carbon bubble" zu platzen?

Raus aus Kohle, Öl und Gas! Was Umweltschützer und Aktivisten fordern, findet zunehmend Zuspruch in der Finanzwelt. Immer mehr institutionelle Investoren, Stiftungen, Pensionsfonds, Kirchen und Universitäten entziehen den Unternehmen, die fossile Brennstoffe verfeuern, ihr Geld. Knapp 1.000 Institutionen beteiligen sich inzwischen an der Divestment-Bewegung und haben über 50 Milliarden Dollar abgezogen.

Norwegen boykottiert Kohle-Firmen

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Im Herbst des vergangenen Jahres verkündete die mächtige Rockefeller-Stiftung das Ende der Investments in fossile Energieträger. In diesem Jahr gab der französische Versicherer Axa bekannt, kein Geld mehr in Kohleminen zu stecken. Und vor kurzem preschte Norwegen vor. Der nationale Staatsfonds beschloss, nicht mehr in Energiekonzerne zu investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes oder ihrer Stromerzeugung mit klimaschädlicher Kohle erzielen. Von dem geplanten Boykott könnten 50 bis 75 Firmen betroffen sein, darunter auch RWE. Der Essener Versorger erzeugt über die Hälfte seines Stroms in Kohlekraftwerken.

Den Großinvestoren geht es nicht (nur) um das gute Gewissen und den Nachhaltigkeitsgedanken, sondern um die Rendite. Denn machen die G7-Staaten ernst mit ihrem Ziel, den Anstieg der Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, wäre ein Großteil der Reserven, den die Energiekonzerne halten, wertlos. Bis Mitte des Jahrhunderts dürften laut Berechnungen der Organisation Carbon Tracker maximal 565 Milliarden Tonnen CO2 ausgestoßen werden. Das heißt: Nur noch ein Fünftel der Öl-, Gas- und Kohlevorkommen könnte gefördert und verbrannt werden, der Rest müsste im Boden bleiben.

Die "Kohlenstoff-Blase"

Experten sprechen daher von der "Kohlenstoff-Blase", der "carbon bubble". Den Energie-Riesen droht eine gigantische Abschreibungswelle. Die Bank HSBC prophezeite schon 2013, dass Ölkonzerne wie Shell, BP, Total oder Statoil bis zu 60 Prozent ihres Werts verlieren würden. In absoluten Zahlen klingt es noch dramatischer: Kepler Cheuvreux warnt vor Verlusten der Energiebranche in Höhe von 28 Billionen Dollar.

"Wenn die Carbon Bubble platzt, kann das schlimmere Folgen haben als die Finanzkrise 2008", warnt der Berliner Investor Jochen Wermuth. Der Private-Equity-Investor hat seine Beteiligungen an Öl-, Gas- oder Kohlefirmen komplett abgestoßen. Er setzt inzwischen auf Start-ups, die ihr Geschäft mit sauberen Energien machen. Geld verdienen und etwas für den Klimaschutz tun, müsse kein Widerspruch sein, betont er.

Die drohende Kohlenstoff-Blase hat inzwischen auch die Notenbanken alarmiert. Die Europäische Zentralbank (EZB) will ein wissenschaftliches Beratergremium das Risiko der "Carbon Bubble" analysieren lassen. Das Bundesfinanzministerium plant, ein Gutachten zu diesem Thema zu vergeben. Vor kurzem warnten 120 Manager großer Investmentfonds vor dem Klimawandel als "das größte systemische Risiko, dem wir gegenüberstehen".

Wette gegen den Klimaschutz

Kommt es auf dem Welt-Klimagipfel Ende des Jahres in Paris tatsächlich zu einem Durchbruch und einer Festlegung auf das konkrete Zwei-Grad-Ziel, könnten viele Investoren auf dem falschen Fuß erwischt werden. Viele von ihnen glauben angesichts der immer noch hohen Bewertungen der Öl- und Gaskonzerne an den politischen Stillstand und ein Scheitern der Klima-Verhandlungen.

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Sie argumentieren mit dem wachsenden Energiebedarf in den aufstrebenden Schwellenländern. So will alleine Indien in den nächsten Jahren mehrere Dutzend Kohlekraftwerke errichten lassen, um den Energiehunger auf dem Subkontinent zu decken.

Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung

Die Aktien von "Big Oil" sind für zahlreiche Anleger immer noch attraktiv, alleine wegen der hohen Dividendenrendite. Öko-Titel erscheinen ihnen riskanter. Denn gerade Solar-Aktien haben in den letzten Jahren einen beispiellosen Niedergang erlebt.

Doch die Alternativen zu Öl, Gas und Kohle sind inzwischen längst nicht mehr auf Sonne und Wind begrenzt. Versicherer, Pensionsfonds, Kirchen und andere Großinvestoren schichten verstärkt ihr Geld in Nachhaltigkeitsfonds und Titel nachhaltig wirtschaftender Firmen um - von Konsum- bis IT- und Pharmatitel. Im Portfolio der Nachhaltigkeitsfonds finden sich Aktien wie Henkel, Deutsche Telekom, Swiss Re und Tesla.

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Die Klima-Gewinner

Sonne, Wind und Elektroautos

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Als wohl bekanntester Klimaschutz-Gewinner gilt Tesla. Das US-Unternehmen ist Pionier bei umweltfreundlichen Elektroautos. Tesla hat das erste Elektrofahrzeug auf den Markt gebracht, das eine Reichweite von über 300 Kilometern aufweist. Künftig will der von Elon Musk geführte Konzern auch in das Stromspeicher-Geschäft vordringen. Mit der "Powerwall Home Battery" können Hausbesitzer ihren grünen Solarstrom daheim speichern und auf autonome Versorgung umstellen. Der Kurs der Tesla-Aktie hat sich in den letzten drei Jahren mehr als versechsfacht. Noch schreibt Tesla aber Verluste.

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