Besucher am VW-Stand auf der IAA 2015 in Frankfurt

Vertrauen erschüttert IAA im Zeichen der Dieselkrise

Stand: 01.09.2017, 15:06 Uhr

Selten kam die Internationale Automobilausstellung (IAA) zu einem so ungünstigen Zeitpunkt wie diesmal. Die größte Autoschau der Welt wird von der Dieselkrise und dem Kartellverdacht überschattet. Einige Hersteller bleiben der Messe fern.

Von der PS-Euphorie früherer Jahre dürfte auf der 67. IAA vom 14. bis 24. September wenig zu spüren sein. Stattdessen dürften eher Themen wie Verantwortung, Senkung der Abgas-Emissionen und die Umweltprämien im Mittelpunkt stehen. Denn seit dem VW-Abgasskandal und dem Verdacht auf Kartellabsprachen in der deutschen Autoindustrie ist nichts mehr wie früher. Den erfolgsverwöhnten deutschen Autobauern bläst zunehmend eisiger Gegenwind entgegen. Nicht nur in Stuttgart, sondern auch in vielen anderen deutschen Städten wird über ein Fahrverbot für alte Diesel-Autos diskutiert. Das Vertrauen in die Branche ist erschüttert.

Die Autobauer, besonders die heimischen Platzhirsche, werden die Messe deshalb vor allem für Imagepflege nutzen. Auf Pressekonferenzen und Interviews werden Daimler, BMW, VW & Co ihre teils fragwürdige Abgasstrategie und ihre verabredete Nachrüstung von 5,3 Millionen Fahrzeugen erläutern müssen.

Mehr neue SUVs als E-Autos

Ferrari Portofino

Ferrari Portofino. | Bildquelle: Unternehmen

Auf den Verbrennungsmotor wollen sie jedoch nicht verzichten. Im Rampenlicht der Messe werden einmal mehr spritfressende SUVs, darunter auch einige aus dem Kompaktsegment, und PS-Protze wie der neue Ferrari Portofino oder der das Project One von Mercedes stehen.

Emissionsarme "grüne" Autos werden auf der diesjährigen IAA erneut in der Minderheit sein. BMW stellt den neuen i3 vor, Opel hat den Ampera-e im Gepäck, von dem es aber kaum Exemplare bisher zu kaufen gibt, VW zeigt nochmals den überarbeiten E-Golf, und Jaguar prescht mit dem neuen iPace. Die übrigen E-Autos werden allesamt Concept Cars sein, die erst 2019 oder 2020 auf die Straßen rollen.

Tesla kommt nicht

Tesla: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
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"Das wichtigste Auto des Jahres ist auf der IAA nicht zu sehen", kritisiert Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer mit Blick auf das Elektroauto Tesla 3, das derzeit stark nachgefragt wird. Tesla kommt diesmal nicht zur IAA - anders wie noch vor zwei Jahren. Das Modell 3 wurde im Internet präsentiert und vertrieben. Das findet Dudenhöffer zeitgemäß.

Die klassischen Messen - und nicht nur die IAA - seien inzwischen überholt, meint der Chef des CAR-Instituts der Uni Duisburg-Essen. "Die Zeit der Reifenkicker ist vorbei", sagt Dudenhöffer bezugnehmend auf die Angewohnheit mancher Messebesucher, die ausgestellten Wagen mit einem Tritt gegen die Reifen zu "testen".

Auch Fiat und Peugeot bleiben zuhause

Nicht nur Tesla fehlt auf der IAA, sondern auch andere Autohersteller, die regelmäßig in Frankfurt präsent waren. Nissan, Mitsubishi, Fiat, Volvo und Peugeot bleiben der Messe fern. Sie setzen auf andere Messen oder Präsentationsformen.

Selbst die deutschen Autobauer haben diesmal etwas abgespeckt. Audi verzichtet aus Kostengründen auf einen eigenen Pavillon auf dem Freigelände und präsentiert sich wieder in der Halle der Konzernmutter VW. Den neuen A8 hat Audi der Fachwelt bereits auf einem eigenen Event in Barcelona vor kurzem gezeigt.

Digitalisierung im Vordergrund

Der Verband der Autobranche (VDA), Ausrichter der IAA, sieht die Absagen von Tesla, Fiat & Co gelassen. Junge chinesische Hersteller wie Wei oder Chery kämen erstmals auf die IAA. Zudem haben der Netzwerkkonzern Facebook oder der französische Mitfahrvermittler Blablacar angekündigt. Auf der "New Mobility World" werden Zukunftsthemen präsentiert. Einige Elektroautos können getestet werden. So verbreitet die IAA doch noch ein kleines Stück grüner Aufbruchstimmung. Digitalisierung, alternative Antriebe und die Zukunft des noch lange benötigten Verbrennungsmotors stehen im Zentrum der Messe, sagt VDA-Präsident Matthias Wissmann.

Dudenhöffer: Chance verspielt

Autoexperten wie Dudenhöffer sehen die Ausrichtung der Messe kritisch. Eine Chance für die IAA sei lückenlose Aufklärung zum Diesel gewesen. Die Messe hätte Antworten geben sollen, wie Software-Updates bei Euro 6 Diesel wirken, ob es Nebenwirkungen gebe und in welchem Verhältnis künftig Autoindustrie und Politik stehen sollten. Doch diese Chance werde die IAA wohl verspielen.

Metzler warnt vor trüben Zeiten

Die Privatbank Metzler warnt deshalb vor trüben Zeiten in der Autobranche - nicht nur wegen der Diskussionen um hohe Strafen und schärfere Vorschriften im Zusammenhang mit dem Schadstoffausstoß von Diesel-Fahrzeugen. Analyst Jürgen Pieper verweist auf gesättigte oder gar rückläufige Märkte wie in Nordamerika und hohe Anlaufkosten für neue Elektromodelle, die eine ungünstige Mischung bilden. Zudem belasteten die jüngste Euro-Stärke und steigende Rohstoffpreise. 2018 und möglicherweise auch 2019 würden sehr schwierig, schrieb er in einer Branchenstudie.

In diesem Jahr dürfte sich die Autokonjunktur noch gut entwickeln - mit Ausnahme der USA. Experte Dudenhöffer rechnet beim Absatz mit einem weltweiten Wachstum von 2,6 Prozent. Auch Europa dürfte auf der Erfolgsspur bleiben. Die Verkäufe dürften um drei Prozent steigen – angetrieben durch die Abwrackprämien deutscher Hersteller für alte Diesel. Die neue große Rabattwelle dürfte sich in den nächsten Quartalsergebnissen der Konzerne ablesen lassen.

Autoaktien am Scheideweg

Für die Aktien der etablierten Autohersteller ist die Luft in den letzten Monaten dünn geworden. Einzig bei VW sieht Metzler-Analyst Pieper noch Potenzial nach oben mit Kursziel 160 Euro. Dagegen rät er, BMW zu verkaufen. Auch von Zulieferer ElringKlinger lässt er die Finger. Als Profiteure des küntigen Wandels hin zur Elektromobilität sieht Pieper Unternehmen wie Continental und Hella, die bereits stark auf Zukunftstechnologien fokussiert seien. Hinzu kämen Branchenvertreter wie Leoni in Sondersituationen, bei denen sich dank Kostensenkungen eine Erholung anbahne.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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nb

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BMW i Vision Dynamics

BMW i Vision Dynamics

Die Studie i Vision Dynamics ist der ganz großen Hingucker in der riesigen BMW-Halle. Manch ein Beobachter sieht in ihr den "Tesla-Killer". Beeindruckend sind die Reichweite von 600 Kilometern und eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in vier Sekunden des Elektroautos. Doch fürchten muss sich Tesla derzeit nicht. Denn an einen Serieneinsatz ist erst im Jahr 2021 zu denken.

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