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Bauwirtschaft

Private Baustelle

Immobilienboom

Gute Stimmung am Bau

von Notker Blechner

Stand: 18.01.2016, 16:54 Uhr

Viele Baufirmen können sich derzeit vor Aufträgen kaum retten: Der Wohnungsbau brummt wie lange nicht mehr. Denn für Häuslebauer sind die Konditionen momentan besonders günstig. Der Flüchtlingszustrom heizt den deutschen Bauboom zusätzlich an.

Gut 265.000 neue Wohnungen sind schätzungsweise im vergangenen Jahr in Deutschland gebaut worden. Das sind 20.000 mehr als im Vorjahr und über 100.000 mehr als noch 2009. Besonders Ein- und Mehrfamilienhäuser waren gefragt.

In diesem Jahr rechnet die Bauwirtschaft mit einer noch größeren Nachfrage. Gut 290.000 Neuwohnungen sollen errichtet werden.

100.000 Wohnungen fehlen jährlich

Doch das reicht nicht. Angesichts der anhaltenden Landflucht und der steigenden Zahl der Flüchtlinge seien jährlich bis zu 400.000 neue Wohnungen erforderlich, meint Karl-Heinz Schneider, Vorsitzender der Bundesvereinigung Bauwirtschaft. Auch das Bundesbauministerium sieht einen jährlichen Bedarf von 350.000 bis 400.000 Wohnungen. Das heißt: es fehlen pro Jahr über 100.000 Wohnungen. "Die Baugenehmigungen halten mit dem hohen Wohnungsdefizit nicht Schritt", klagt Hans-Hartwig Loewenstein, Präsident des Zentralverbandes Deutsches Baugewerbe (ZDB).

Um eine Wohnungsnot zu verhindern, will die Bundesregierung den Neubau von Mietwohnungen in Städten mit angespannter Wohnsituation mit Steuervergünstigungen ankurbeln. Außerdem wurden die Fördermittel des Bundes für sozialen Wohnungsbau in den nächsten drei Jahren auf eine Milliarde Euro verdoppelt.

Die Bauwirtschaft plädiert für kürzere Planungs- und Genehmigungsverfahren. So sollten Bund und Länder so genannte "Typenhäuser" einführen - standardisierte Gebäude, die nicht mehr einzeln geprüft und genehmigt werden müssen. "Sie würden schneller zur Verfügung stehen und wären deutlich günstiger als vergleichbare Flächen in Containern", sagt ZDB-Präsident Loewenstein.

Bauindustrie will um drei Prozent wachsen

Eine politische Wohnungsbau-Offensive würde der Baubranche zusätzlichen Auftrieb geben. 2016 soll der Umsatz um drei Prozent zulegen auf 103 Milliarden Euro, kündigten der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie und der Zentralverband Deutsches Baugewerbe an. Damit wäre das höchste Niveau seit dem Jahr 2000 erreicht. "Wir blicken zuversichtlich auf 2016", sagt HDB-Präsident Thomas Bauer. Alleine der Umsatz im Wohnungsbau-Bereich soll in diesem Jahr um fünf Prozent wachsen.

Weniger gut laufen indes die Geschäfte im Wirtschaftsbau. Die Baugenehmigungen für Fabrik-, Lager- und Bürogebäude lagen 2015 deutlich unter dem Vorjahresniveau. Die Umsätze waren rückläufig. Auch im öffentlichen Bau, dem dritten Standbein der Branche, schrumpften voraussichtlich die Erlöse.

Gute Zeiten für Häuslebauer

Angesichts der Nullzinsen investieren die Bundesbürger ihr Geld verstärkt in Immobilien. Die momentan extrem günstigen Finanzierungskosten helfen den Häuslebauern. Vor allem in Ballungsräumen ist die Nachfrage nach Wohnungen und Häusern rasant gestiegen.

Der Zustrom von über einer Million Flüchtlingen verstärkt den Bedarf nach neuen Wohnungen - sehr zur Freude der Baubranche. Vor allem Unternehmen, die Container, Holzbauten oder modulare Häuser anbieten, können sich vor Bestellungen kaum retten. Dennoch warnt die deutsche Bauwirtschaft vor zu viel Euphorie. Dass die staatlichen Milliardenausgaben ein kleines Konjunkturprogramm auslösen, sei blauäugig, meint Michael Knipper, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Deutschen Bauindustrie. Es handle sich nur um ein konjunkturelles Strohfeuer.

Baufieber erfasst die Börse

An der Börse jedenfalls hat der deutsche Bauboom für kräftige Kursgewinne gesorgt. Viele deutsche Bauaktien entwickelten sich in den letzten Monaten prächtig. Die Titel von Helma Eigenheimbau zogen auf Einjahres-Sicht um über 40 Prozent an. Die Aktien der Bauzulieferer Uzin Utz und Braas Monier stiegen ebenfalls deutlich.

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