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Versicherungen unter der Lupe

Drum prüfe, wer sich bindet

Robert Minde

Wer vorsorgen will hat es nicht immer leicht. Denn aus der Vielzahl der Anbieter für Finanzprodukte das Passende auszuwählen, ist auch für Profis auf den ersten Blick nicht einfach. Trotzdem gibt es Ansatzpunkte, die weiterhelfen.

Männer im Gespäch (Quelle: photos.com)

Dies gilt besonders für die in Deutschland so beliebte Lebensversicherung, die ja naturgemäß ein sehr langlaufendes Produkt ist.

Da sollte der Verkäufer bei kritischen Fragen auch schon mal Rede und Antwort stehen können. Was aber kann der Kunde (und übrigens auch der Investor) tun, um sich selbst einen ersten Überblick zu verschaffen und was sollte er besonders im Auge behalten?

Zunächst nimmt der Staat dem Kunden einen Teil der Prüfarbeit ab, denn Versicherungsgesellschaften werden in Deutschland, ähnlich wie Banken, vom Gesetzgeber gesondert unter die Lupe genommen. Sie unterliegen in Deutschland der Aufsichtsbehörde Bafin mit Hauptsitz in Bonn. Die Behörde prüft dabei bevorzugt die Solvabilität, also die bilanzielle Solidität der Versicherer. Damit soll gewährleistet werden, dass die Gesellschaft ihre Verpflichtungen gegenüber dem Kunden stets erfüllen kann.

Big is beautiful  

Um einen ersten Überblick über die Größe des künftigen Partners zu bekommen, lohnt der Blick in die Bilanz. Insbesondere die Höhe des Eigenkapitals zeigt, in welcher Liga die Gesellschaft spielt.

Das muss nicht zwangsläufig schon ein  Hinweis auf eine bessere oder schlechtere Leistungsfähigkeit gegenüber dem Kunden sein, gibt aber einen ersten Einblick, wie flexibel ein zukünftiger Partner sein kann. Dabei gilt, wer mehr Speck auf den Rippen hat, kann auch länger hungern, etwa bei notwendigen Abschreibungen auf das Aktienportfolio, wenn die Märkte fallen.

Flexibilität bedeutet aber unter anderem auch, dass gerade börsennotierte Großkonzerne komplexe regulatorische Änderungen (wie aktuell die Solvency-II-Regeln) schneller umsetzen und darauf reagieren können.

Stille Reserven und Bilanzpuffer

Die Größe der Bilanz misst sich neben der Höhe des Eigenkapitals aber auch daran, wie hoch die Kapitalanlagen absolut sind. Sie unterliegen den schgwankungen der Kapitalmärkte, sofern sie börsennotiert sind, den Schwankungen der Kapitalmärkte. Obwohl Lebensversicherungen langfristige Verträge sind, müssen die Kapitalanlagen, die dem Vertrag gegenüberstehen, zum Leidwesen der Versicherungen regelmäßig zu Marktkursen bewertet werden.

Die daraus entstehenden stillen Reserven oder Bewertungsreserven (unrealisierte Gewinne/Verluste) sind ein weiterer Punkt bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeit. Sie geben an, wie weit über oder unter dem Buchwert ein Wertpapier in der Bilanz steht. Platzhirsch Allianz hatte 2011 beispielsweise stille Reserven von gut 16 Milliarden Euro in der Bilanz, das waren immerhin 11,1 Prozent aller Kapitalanlagen. Zum Vergleich: Die italienische Generali wies negative stille Reserven von 160 Millionen Euro auf.

Angehäufte Bilanzpuffer werden dabei von Versicherungen zurückgestellt und können später den Kunden in Form einer erhöhten Überschussbeteiligung ausgezahlt werden. Beispielsweise wies die Allianz per Ende 2011 knapp 4,8 Milliarden Euro aus. Das waren immerhin 259 Prozent der Überschussbeteiligung. Eine Quote von 100 Prozent bedeutet dabei, dass die Überschussbeteiligung genau noch einmal bezahlt werden könnte.

Anlagezins

Letztlich zählt, was unter dem Strich bleibt. Was für den Investor Dividende und Kursentwicklung, ist für den Kunden einer Lebensversicherung die Rendite, die er auf seinen Vertrag bekommt. Dies setzt sich in der Regel zusammen aus dem Garantiezins und der Überschussbeteiligung, also dem, was die Gesellschaft über den Minimumzins hinaus erwirtschaftet hat.

Zunächst gibt der Blick in die Historie einen wichtigen Hinweis. Je länger der Kunde die Anlageergebnisse zurückverfolgt, desto eher bekommt er  einen Eindruck davon, was der Partner leisten kann.

Wer es genauer will und zukünftige Renditen prognostizieren will,  hat es schon schwerer. Denn eine Glaskugel hat niemand, wie das Beispiel der Atomhavarie in Fukushima gezeigt hat, die die Aktienmärkte in die Knie zwang.

Allerdings kann versucht werden, die künftige Kapitalverzinsung mit Hilfe eines mathematischen Modells zu prognostizieren, wie dies der Wiener Finanzwissenschaftler Jörg Finsinger für das Magazin "Wirtschafts-Woche" tut. Dabei ermittelt er das freie Kapital einer Gesellschaft, also die Mittel, die nicht für Kundenversprechen gebunden sind. Er unterstellt, dass diese Mittel frei angelegt werden können und damit einen höheren Zins erzielen als die gebundenen Mittel. Zudem ermittelt er eine Ausschüttungsquote, die aussagt, wie stark die Versicherer die Kunden an ihren Erträgen beteiligen.

Spätestens hier endet aber die einfache Nachvollziehbarkeit für den Kunden. Wer einen umfangreichen Bilanzcheck will, sollte sich an einen ausgewiesenen  Versicherungsexperten wenden, empfiehlt Analyst Philipp Häßler vom Analysehaus Equinet.

Kostenmanagement

Einfacher, aber mindestens ebenso wichtig wie der Blick auf die Bilanz ist es, wenn der Kunde sich einen Überblick über die Kosten des Unternehmens verschafft. Die Rechnung dabei ist einfach: Je höher die Kosten, desto weniger bleibt für den Kunden und auch den Aktionär übrig.

Experte Finsinger ermittelt dabei sowohl die Abschlusskosten (welchen Anteil der Beiträge erhalten die Vertreter, ausgedrückt als prozentuale Quote) als auch die Verwaltungskosten. Erstere müssen nämlich aus Unternehmenssicht im Voraus, also bereits bei Abschluss, bezahlt werden und amortisieren sich erst über die Laufzeit.

Allgemeine Verwaltungskosten beziehen sich meist auf die internen Kosten, beispielsweise Personal- oder IT-Kosten. Sie sind vom Management selbst steuerbar, während Abschlusskosten eine Frage des Wettbewerbs sind. Auch hier lohnt sich ein Blick. Hat die Versicherung einen zu großen Wasserkopf in der Verwaltung oder bezahlt sie zu viel für ihre Vertreter?

Stand: 21.11.2012, 15:37 Uhr