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Automobile

Abgase aus einem PKW-Auspuff

Kann man Abgaswerten noch trauen?

Die große Zäsur in der Autobranche

von Notker Blechner

Stand: 16.09.2016, 11:30 Uhr

"Dieselgate" hat das Vertrauen in die Autobranche schwer ramponiert. Auch andere Hersteller gerieten in den Verdacht, manipuliert zu haben. Tatsächlich scheint VW nicht das einzige schwarze Schaf zu sein.

Was mit VW begann, weitet sich immer mehr auf andere Autohersteller aus. Im April gab Mitsubishi Motors zu, die Verbrauchsangaben für Fahrzeugmodelle falsch gemessen und manipuliert zu haben. Präsident und Vizepräsident des japanischen Autobauers traten zurück. Mitsubishi flüchtete daraufhin in die Arme von Nissan.

Mitsubishi und Suzuki geben Manipulationen zu

Im Mai räumte mit Suzuki der zweite Autohersteller ein, Verbrauchs- und Abgaswerte nicht nach den in Japan vorgeschriebenen Methoden ermittelt zu haben. Der starke Wind auf dem Testgelände am Meer habe die Firma dazu gezwungen, die Tests im Labor vorzunehmen statt im Freien, wie von der Regierung gefordert.

In Deutschland steht Fiat unter Verdacht, die Software so manipuliert zu haben, dass ausgewiesene Abgaswerte geschönt erscheinen. Bei einem Modell habe sich offenbar die Abgasreinigung nach 22 Minuten vollständig abgestellt. Der offizielle Testzyklus in Deutschland dauert 20 Minuten.

Daimler unter Beschuss

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"Dieselgate" hat auch die anderen deutschen Autobauer eingeholt. So steht Daimler in den USA unter Druck. Nach Klagen von US-Anwälten forderte das amerikanische Justizministerium Daimler auf, das Zustandekommen der Abgaswerte in den USA unter Einbeziehung der Behörden intern zu untersuchen. Auch die Deutsche Umwelthilfe attackierte mehrfach Daimler. "Wir haben nicht manipuliert", beteuerte Daimler-Boss Dieter Zetsche.

Neben Daimler geriet Opel ebenfalls ins Visier von Umweltschützern. Sie ermittelten bei einem Zafira und Astra überhöhte Abgaswerte und fanden Abschalteinrichtungen. Opel wies die Vorwürfe zurück.

Mehr Stickoxid-Emissionen im Verkehr als bei Abgastests

Nachmessungen in Deutschland ergaben: Viele hierzulande fahrende Autos stoßen im Verkehr sehr viel mehr Stickoxide aus als bei Abgastests. Audi, Mercedes, Opel und Porsche kündigten einen "freiwilligen" Rückruf von insgesamt 630.000 Wagen an.

Tatsächlich schaffen es die Motoren moderner Diesel-Fahrzeuge, die Grenzwerte für giftige Stickoxide nur bei den offiziellen Messungen im Labor einzuhalten, meinen Experten. Auf der Straße sei der Schadstoffausstoß vielfach höher.

Zwar sollen künftig Abgaswerte auch bei realen Bedingungen auf der Straße geprüft werden, doch ob das Vertrauen in die Autobranche dadurch wiederhergestellt werden kann, ist fraglich. "Die Branche steckt in ihrer größten Glaubwürdigkeitskrise", meint Autoexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft Bergisch-Gladbach.

"Der Diesel ist tot"

Für Autoexperte Dudenhöffer hat der Abgas-Skandal von VW noch schlimmere Konsequenzen. "Der Diesel ist tot", glaubt er. Regierungen würden künftig versuchen, Dieselfahrzeuge zunehmend aus dem Verkehr zu verbannen.

Noch freilich ist von einer Diesel-Krise nicht viel zu spüren. Zwar sank zuletzt der Anteil der Dieselfahrzeuge bei den Neuzulassungen in Deutschland leicht von 50 auf 47 Prozent, doch die Kauflust der Verbraucher ist ungebrochen. Seit Januar wurden hierzulande fast sechs Prozent mehr Autos abgesetzt.

Chance zum Neustart

Die Vertrauenskrise könnte auch eine Chance zum Neuaufbruch für deutsche Autobauer werden. Schaffen es VW, BMW, Daimler & Co, rechtzeitig auf den Elektrifizierungs- und Hybridisierungs-Trend zu setzen, könnten sie einen neuen Verkaufsboom erleben. Als Verlierer des Abgas-Skandals sieht Experte Dudenhöffer die japanischen Autohersteller. Sie seien immer noch zu hierarchisch aufgestellt, um sich auf die radikalen Umwälzungen der Branche einzustellen.

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