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Branchen

Chart-Kurven und Balkendiagramme vor Notebook

Start-ups verändern die Finanzwelt

Die Fintech-Szene wird erwachsen

von Andreas Braun

Stand: 18.03.2016, 16:42 Uhr

In kaum einem Wirtschafts-Sektor vollziehen sich Veränderungen so schnell und grundlegend wie im Bereich der "Finanz-Technologie", kurz "Fintech". Tausende von Start-up-Firmen verändern mit ihren Innovationen die Art, wie wir bezahlen, sparen, anlegen oder Verträge abschließen. In vielen Bereichen zwingen die Newcomer die Banken zu Veränderungen - oder verdrängen sie ganz.

Vielleicht wurden sie vor einigen Jahren noch aus den Bankentürmen belächelt, ihre Chancen auf Erfolg als gering angesehen. Doch die Veränderungen in der Finanzindustrie, die von den vielen Nachwuchs-Unternehmern in den vergangenen Monaten angeregt und angestoßen wurden, erschüttern inzwischen das "Finanzestabilishment", sorgen aber auch für mehr Veränderungs-Bereitschaft in den Verstandsetagen vieler Finanzinstitute.

Bezahlen, Versicherung, Anlegen

Dass den angestammten Playern in den Banken, Versicherungen, aber auch Fondgesellschaften oder auch Vermögensverwaltern und Beratern gewaltige Veränderungen bevorstehen, gilt inzwischen als ausgemachte Sache (s. dazu auch unser Interview mit der Gründerin des "Robo-Advisors" Whitebox, Salome Preiswerk). Verbraucher als Bank- oder Versicherungskunden als Anleger oder einfach nur als Konsument an der Supermarkt-Kasse haben neue Möglichkeiten erhalten, die sie allerdings oft noch gar nicht recht einschätzen und nutzen können, so vielschichtig und teilweise noch komplex sind die Tools, Plattformen und Anwendungen noch (s. dazu unseren Überblick: Das Fintech-Universum).

Deutschland holt auf

Auch in seiner schieren Größe ist die neue "Branche" Fintech inzwischen zu einer neuen Bedeutung herangewachsen. Weltweit, so schätzen die Marktbeobachter von Techfluence, dürfte es sich um eine Anzahl von mehr als 10.000 Unternehmen handeln, die Banking, Geldanlage oder Bezahl-Systeme neu - und zum Teil ohne Banken - denken. Techfluence schätzt die Größe des Fintech-Segments in den USA und Großbritannien jeweils auf rund acht Milliarden Euro. Deutschland ist mit einem Marktgewicht von 2,4 Milliarden Euro hier noch vergleichsweise klein, hat aber in den vergangenen Monaten kräftig aufgeholt.

Über die Zahl der Fintechs hierzulande gehen die Meinungen unter den Fachleuten auseinander. Während in einer aktuellen Studie von Ernst & Young 250 Start-up-Firmen genannt werden, hat Szene-Kenner Peter Barkow von Barkow Consulting eine Datenbank mit derzeit 405 Fintechs in Deutschland aufgebaut. "Und das ist noch eine konservative Schätzung", so Barkow im Gespräch mit boerse.ARD.de (s. die Grafiken und unser Interview mit Peter Barkow).

Balkengrafik zum FinTech-Universum

FinTech-Universum. | Bildquelle: Barkow Consulting FinTech Money Map

Barkow hat für das vergangene Jahr insgesamt 13 Finanzierungsrunden ermittelt, mit denen die Firmen Kapital von Investoren eingesammelt haben. Die größte Kapitalspritze hat dabei die Hamburger Kreditplattform Kreditech erhalten, die vom Investor Victory Park bereits im Januar 2015 200 Millionen Euro erhielt. Insgesamt wurden von Geldgebern im vergangenen Jahr zwischen 750 Millionen und 1,2 Milliarden Euro an Mitteln in den Sektor gepumpt - je nach Quelle.

Balkengrafik zu FinTech Finanzierungsrunden

FinTech Finanzierungsrunden. | Bildquelle: Barkow Consulting

Investoren mit unterschiedlichen Interessen

Zu den Finanziers gehören nicht nur Finanzinvestoren, die damit das Wachstum der Gründer finanzieren wollen und womöglich auf ein späteres lukratives "Exit" hoffen. Auch Medienkonzerne wie Holzbrinck oder Frankfurt Business Media spielen als Investoren eine Rolle. Und nicht zuletzt gibt es auch Venture-Capital-Tochterunternehmen aus dem Bankensektor selbst, die als Investoren in der Fintech-Manege mitspielen wollen. Die Commerzbank etwa fährt derzeit zweigleisig: Der Main Incubator investiert Millionenbeträge in aussichtsreiche Start-ups in einer relativ frühen Phase, vor allem um deren Technologie und Kunden langfristig auch fürs eigene Haus zu mobilisieren. CommerzVentures dagegen beteiligt sich strategisch an Firmen aus dem Sektor, um ihr weiteres Wachstum zu finanzieren und womöglich danach wieder mit Gewinnen auszusteigen.

Die Deutsche Bank hat im vergangenen Jahr einen bemerkenswerten Strategieschwenk vollzogen. Nachdem der Branchenprimus zunächst notwendige technologische Innovationen im eigenen Haus entwickeln wollte, hat sich das Unternehmen nun der Fintech-Bewegung geöffnet: Die Bank hat in Berlin, aber auch in London und im Silicon Valley Innovationszentren eröffnet, die alljährlich 500 frische Ideen aus der Finanztechnologie bewerten - und bei Gefallen in sie investieren - sollen.

Politik und Aufsicht sind aktiv geworden

Nicht zuletzt hat das Thema Fintech auch die Politik und auch die Finanzaufsicht erreicht. Finanzstaatssekretär Jens Spahn wurde von der Bundesregierung zum "Fintech"-Beauftragten ernannt. Und der neue Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Felix Hufeld, hat den Sektor als neues Betätigungsfeld der Behörde erkannt. Eine Arbeitsgruppe soll den Umgang und die Aufsicht über die Start-up-Szene verbessern helfen. Das Thema Fintech steht eindeutig auf der Agenda - bei allen Beteiligten und Betroffenen.

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