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Geldanlage 2013

Schiefergasrausch in den USA

Die amerikanische (Energie-)Revolution

von Notker Blechner

Energiewende auf amerikanisch: Die USA haben eine neue Energiequelle angezapft und fördern - mit der Fracking-Technik - in Schiefergestein verstecktes Öl und Gas. Amerika ist auf dem Weg, zur neuen Energiemacht zu werden. Wie können Anleger an der Revolution mitverdienen?

Jahresausblick 2013 Fracking. | Montage: boerse.ARD.de, colourbox

Kriege ums Öl brauchen die USA künftig nicht mehr zu führen. Das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" hat mit Schieferöl und -gas ganz neue Energiequellen erschlossen. In ein paar Jahren werden die Vereinigten Staaten vom Öl- und Gas-Importeur zum -Exporteur aufsteigen. US-Präsident Barack Obama sieht sein Land schon als das "Saudi-Arabien des Erdgases".

Laut dem jüngsten Jahresbericht der Internationalen Energie-Agentur (IEA) werden die Vereinigten Staaten bereits 2015 Russland bei der Gasförderung überholen. 2017 werden die USA auch noch Saudi-Arabien bei der Ölproduktion überflügeln. "Die USA werden eine neue industrielle Revolution erleben", prophezeite jüngst Ulrich Grillo, künftiger Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), auf dem Deutschen Wirtschaftsforum in Frankfurt. 2020 werde Amerika autark sein. Dies werde riesige geopolitische Konsequenzen haben, glaubt Grillo.

Fracking wälzt die Energielandschaft um

Möglich wird die neue industrielle Revolution durch die so genannte Fracking-Technik. Dabei werden Wasser, Sand und Chemikalien ins Erdreich gepresst, um das Schiefergestein aufzubrechen und das darin gebundene Gas oder Öl zu  lösen. Dann kann es gefördert werden.

Seit 2005 wird "Shale Gas" zunehmend in den USA erschlossen. In Bundesstaaten wie Pennsylvania, Nord-Dakota oder Texas ist ein wahrer Schiefergas- und ölrausch entstanden. Viele oft (kleine) Firmen tummeln sich in dem Geschäft und sind binnen kurzer Zeit reich geworden.

Halb so viel Schiefergasreserven in den USA wie Erdgas in Russland

Nach Einschätzung des amerikanischen Energieministeriums liegen gut 23,6 Billionen Kubikmeter Schiefergas im amerikanischen Untergrund, die gefördert werden können. Das ist etwa die Hälfte der konventionellen Erdgasreserven in Russland. Die Produktionskosten liegen nur zwischen 40 und 60 Dollar pro Barrel - und damit klar unter dem aktuellen Niveau des Ölpreises.

Inzwischen kommt schon ein Viertel des amerikanischen Erdgases aus dem Schiefer. Allerdings wurde so viel Gas in den Markt gepumpt, dass eine Überproduktion entstanden ist. Dies führte zu einem Verfall der Gaspreise. Kosteten vor sieben Jahren 1.000 Kubikfuß Erdgas noch 14 Dollar, sind es heuer gerade noch durchschnittlich 2,35 Dollar.

USA stehen vor der "Re-Industrialisierung"

Die Folge: Der niedrige Gaspreis lockt zunehmend die verarbeitende Industrie wieder an, in den USA zu produzieren. "Investitionen, die sich vor fünf bis zehn Jahren nicht gelohnt haben, rechnen sich jetzt wieder", sagt Beate Ehle, Vizepräsidentin von BASF USA. Schon sprechen Beobachter von einer "Re-Industrialisierung" der USA. Die Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PriceWaterhouse Coopers (PwC) prophezeit, dass der Schiefergaseffekt bis 2025 eine Million Jobs in der verarbeitenden Industrie in Amerika schaffen wird. Das Schiefergas werde die US-Industrie stärken, sagte der designierte BDI-Präsident Grillo auf dem Deutschen Wirtschaftsforum.

Die Schiefergasrevolution bedroht hingegen die Wettbewerbsfähigkeit europäischer und deutscher Konzerne. "Viele Firmen werden in die USA abwandern, wenn Energie in Europa zu teuer wird", glaubt der Chef des österreichischen Öl- und Gaskonzerns OMV, Gerhard Roiss.

Er fordert, dass Europa ebenfalls seine Schiefergas- und -ölvorkommen nutzt. Schließlich könnten Berechnungen des US-Energieministeriums zufolge alleine die Schiefergas-Reserven Rumäniens, Bulgariens und Ungarns den jährlichen Erdgas-Bedarf von ganz Europa decken. Selbst Deutschland verfügt über 1,3 Billionen Kubikmeter Reserven, heißt es in einer Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

Angst vor Umweltschäden bremst Schiefergas-Abbau in Europa

Doch die meisten Länder in Europa blockieren die Förderung von Schiefergas und haben teilweise Moratorien verhängt. Sie weisen auf die Umweltgefahren hin. Neben dem hohen Wasserverbrauch berge das Fracking das Risiko, dass das freigesetzte Methan ins Grundwasser gelange. Auch das Chemikalien-Gemisch, das ins Erdreich geschossen wird, könnte irgendwann das Grundwasser vergiften. Ein weiteres Problem ist die dichte Besiedlung in Europa - im Gegensatz zu den USA. "Dort wird das Gas in North Dakota oder in anderen menschenleeren Regionen gefördert, wo sich nicht einmal der Kojote daran stört", sagt Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU). Marktakteure wie Manfred Kastner, Chef des Öl- und Gasfelddienstleisters Catoil, bezweifeln daher, dass in Westeuropa die ermittelten riesigen Vorkommen tatsächlich gefördert werden.

Einzig Polen, das die höchsten Reserven Europas besitzt, treibt die Schiefergas-Nutzung voran. Dutzende von Förderkonzessionen wurden vergeben. Mehrere große Konzerne wie Schlumberger oder Halliburton bringen sich in Stellung, um in den lukrativen Markt einzudringen. Auch die BASF-Tochter Wintershall will in dem Geschäft mitmischen.

Riesige Vorkommen in Nordsibirien

Catoil: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Verlierer wäre Russland, das ein Großteil Europas mit Erdgas versorgt. Doch auch dort schlummert ein riesiges Schieferöl-Potenzial, vor allem in Sibirien. ExxonMobil und Statoil sind jüngst Joint-Ventures mit Rosneft eingegangen, um unter anderem die Bazhenov-Formation in Westsiberien zu erschließen. Nach Einschätzung von Ölexperten wie Oswald Clint von Sanford-Bernstein wären dort die Vorkommen 80 Mal so groß wie der Bakken in den US-Bundesstaaten Nord-Dakota und Montana, Manfred Kastner, Chef von Catoil erwartet, dass die Bazhenov-Formation frühestens in zwei oder drei Jahren erschlossen wird. "Dann wären wir ein großer Profiteur", ist er überzeugt. Catoil ist Marktführer in Russland beim Fracking der konventionellen Ölförderung.

Revolution droht ihre Kinder zu fressen

ExxonMobil: Kursverlauf am Börsenplatz Nyse für den Zeitraum Intraday
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Bislang mischen vor allem amerikanische  Firmen bei der Schiefergas-Förderung mit, allen voran die beiden börsennotierten Konzerne Chesapeake und Devon. In den ersten Jahren verdienten sie kräftig mit am Boom. Inzwischen jedoch leiden sie unter den sinkenden Gaspreisen. Die Aktienkurse der Schiefergas-Förderer sind zuletzt eingebrochen. Beobachter rechnen mit einer Konsolidierung der Branche, bei der wahrscheinlich besonders die Großen überleben. Die Revolution droht ihre Kinder zu fressen. Als langfristige Gewinner des Schiefergas-Booms gelten die Zulieferer Schlumberger und Halliburton sowie die Energie-Riesen Exxon, Chevron und Shell.

Profitieren von der Energie-Revolution in den USA?
ChancenRisiken
- Neuverteilung der Marktanteile im Öl- und Gasgeschäft- Abhängigkeit vom Ölpreis (fiele dieser unter 50 Dollar, würde sich die Erschließung von Schiefergas und -öl nicht mehr lohnen)
- Riesiges Wachstumspotenzial von Schiefergas und -öl- sinkende Gaspreise machen die Schiefergas-Bohrung unrentabel
- Möglicher Schub für die US-Konjunktur und den Dollar

Fazit: Die USA haben als erstes Land das gigantische Potenzial der Schiefergas-Vorkommen erschlossen und befinden sich nun auf dem besten Wege, zur Energiemacht zu werden. Schon 2020 könnten sie energieautark werden. Dank des Schiefergas-Booms sind die Gaspreise so stark gesunken, dass der Industrie-Standort Amerika wieder an Bedeutung gewinnt. Energieintensive Konzerne wie Chemieunternehmen planen verstärkt den Bau neuer Werke in den USA. Mittelfristig wird der "Schiefergas-Effekt" die US-Konjunktur, den Dollar und amerikanische Energie-Aktien beflügeln. Auch Europa könnte seine Öl- und Gasabhängigkeit verringern durch eine verstärkte Förderung der Schiefergas-Vorkommen. Allerdings bremsen Bedenken vor möglichen Umweltschäden und die hohe Besiedlungsdichte die Erschließung der Schiefergasreserven durch "Fracking".

Stand: 27.12.2012, 17:29 Uhr

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