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Zweistellige Kursgewinne

Das Comeback der Biotech-Aktien

Turbulente Jahre hat die Biotech-Industrie hinter sich. Erst boomte sie, dann stürzte sie um so heftiger ab. Nun feiert die fast schon totgesagte Branche ihre Wiederauferstehung. Doch nicht alle Biotech-Aktien sind gut gelaufen. Es gab auch einige Flops.

Jahrelang forschten und tüftelten Biotech-Firmen an Medikamenten. Inzwischen haben sie zahlreiche Mittel auf dem Markt, die echte Blockbuster geworden sind, also Milliarden-Umsätze generieren. Das biotechnisch hergestellte Rheumamittel Humira von Abbott ist im vergangenen Jahr Schätzungen zufolge sogar das umsatzstärkste Medikament der Welt gewesen mit Erlösen von rund zehn Milliarden Dollar. Andere Biotech-Blockbuster sind Enbrel von Amgen, Rituxan und Herceptin von Biogen sowie Avastin von Roche. "Über die Hälfte der Top-Ten-Medikamente weltweit sind heute Biotech-Mittel vom Ursprung her", freut sich Christian Lach, Biotech-Experte beim auf den Gesundheitssektor spezialisierten schweizerischen Vermögensverwalter Adamant Invest.

Die meisten neuen Medikamente kommen aus der Biotech-Schmiede

Die Produkt-Pipeline ist prall gefüllt. "Mehr als 60 Prozent aller neuen Medikamente stammen von Biotech-Firmen", weiß Nathalie Flury, Fondsmanagerin des Julius Bär Biotech Fund. Und rund 1.500 Mittel befänden sich derzeit in der medizinischen Testphase. "Viele Unternehmen in diesem Sektor profitieren von einem neuen Wachstumszyklus, der durch Pipeline-Erfolge erzielt werden kann", meint Noushin Irani, die bei der DWS einen Biotech-Fonds managt.

Die neue Generation von Medikamenten mit neuen Wirkmechanismen hat die Behandlung vieler Krankheiten stark verbessert und einen "Paradigmenwechsel in der Medizin eingeleitet", schwärmt Portfolio-Manager Lach. Tatsächlich gab es bei der Behandlung von Hepatitis-C und Aids einzelne Durchbrüche - dank neuer Biotech-Mittel. Gilead zum Beispiel bekam jüngst grünes Licht für ein Aids-Mittel, das nur noch einmal täglich eingenommen werden muss. "Innovationen, das Herzblut des Biotech-Sektors, haben sich in den letzten Jahren deutlich beschleunigt", weiß Rudi Van den Eynde, Biotech-Fondsmanager von Dexia.

Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA winkt zunehmend Therapien der Biotechs durch. Allein im vergangenen Jahr wurden 41 Substanzen in den USA zugelassen. Das "war einer der stärksten Zulassungsjahre", weiß Experte Lach.

Ein viertel der Firmen sind rentabel

Je mehr Medikamente auf den Markt kommen, desto größer und profitabler wird die Branche. Inzwischen setzen die US-Biotech-Konzerne schon gut 59 Milliarden Dollar um. Laut Schätzungen von Experten schreiben etwa ein Viertel der Firmen, die im Nasdaq Biotech Index gelistet sind, inzwischen Gewinne. Tendenz steigend.

Das lässt sich auch an den Börsenkursen ablesen. In den vergangenen zwölf Monaten zählten Biotech-Titel zu den großen Outperformern. Der Nasdaq-Biotech-Index legte fast 30 Prozent zu und hängte den Gesamtmarkt (die Nasdaq) ab.

Übernahmefantasie durch "Big Pharma"

Neben neuen Medikamenten und Wirkstoffen beflügelte auch die Übernahmefantasie die Kurse. Vor allem die von Patentabläufen betroffenen Pharma-Konzerne sind auf der Jagd nach lukrativen Kauf-Objekten. "Biotech-Unternehmen sind ein attraktiver Übernahmekandidat für große Pharmaunternehmen, da diese ihre Pipelines füllen müssen, um sich damit langfristiges Umsatzwachstum zu sichern", erklärt DWS-Biotech-Fondsmanagerin Irani. Oder einfacher ausgedrückt: "Pharma hat die Probleme, Biotech die Lösung", sagt Eric Bernhardt, Portfolio-Manager der Beteiligungsgesellschaft BB Biotech. 2012 wurden Firmen wie Inhibitex, Micromet, Amilyn und Human Genome Science geschluckt. Teilweise gingen die großen Biotech-Konzerne selbst auf Einkaufstour. Gilead bot Ende 2011 elf Milliarden Dollar für Pharmasset. "Die Übernahmewelle könnte noch eine Weile anhalten", meint Fondsmanagerin Flury von Julius Bär.

Während US-Firmen den Markt dominieren, fristen deutsche Biotechs ein Schattendasein. Sie kommen gerade mal auf einen Umsatz von über einer Milliarde Euro - 50 Mal weniger als das, was die US-Konkurrenten erwirtschaften. In der Top-Rangliste der umsatzstärksten Biotech-Mittel sucht man deutsche Firmen vergeblich.

Nur wenige deutsche Biotechs glänzen

Dennoch gibt es auch hierzulande ein paar Firmen, die mit guten Zahlen herausragen. So schreiben Morphosys und Qiagen Gewinne und wachsen zweistellig. Die Aktien der beiden TecDax-Werte zogen in den letzten zwölf Monaten deutlich an und waren unter den größten Gewinnern des Hightech-Segments.

Wie schnell aber hochgelobte Aktien abstürzen können, zeigt das Beispiel Wilex. Als der Hoffnungsträger, das Krebsmittel Rencarex in der entscheidenden Phase III floppte, rauschte die Aktie um 60 Prozent abwärts. Ähnlich hart erwischte es die Firma Agennix, die mit dem Lungenkrebs-Mittel Talactoferrin durchfiel. Die Aktie ist inzwischen nur noch 34 Cent wert. Ironie des Schicksals: Agennix hatte einst mit GPC Biotech fusioniert. Der langjährige Biotech-Liebling strauchelte mit seinem Hoffnungsträger Satraplatin.

Vom Hype bis zum Absturz

Kein Wunder, dass Biotech-Aktien turbulente Zeiten hinter sich haben. In den 90er Jahren erlebten die Titel erst einen regelrechten Hype, viele Kurse gingen durch die Decke. Anfang des Jahrtausends folgte das böse Erwachen. Viele Firmen gingen pleite, Anleger stiegen aus der Branche aus, manche erklärten Biotech für tot.

Inzwischen haben sich die Kurse vieler Biotechs erholt, einzelne Aktien wie Gilead und Biogen haben gar Rekordhochs erklommen. Trotz der jüngsten Rally halten Experten das Kurspotenzial für noch nicht ausgereizt. "Die Bewertungen sind immer noch moderat", meint Fondsmanagerin Irani von der DWS. Zumal die Wachstumsaussichten immer noch atemberaubend hoch sind. Fondsmanager Lach von Adamant Invest rechnet mit Gewinnsteigerungen von 15 bis 20 Prozent jährlich. Und einem Umsatzwachstum von zehn Prozent pro Jahr. Mindestens.

Alterung der Gesellschaft und Schwellenländer treiben Nachfrage

Langfristig sprechen viele Trends für Biotech. In den Industrieländern steigt die Nachfrage nach Medikamenten, da die Bevölkerungen altern. Und in den Schwellenländern treiben der Ausbau des Gesundheitssystems und der steigende Wohlstand den Absatz von Biotech-Mitteln. Von Wirtschaftskrisen dürfte der Sektor verschont bleiben.

Dexia-Fondsmanager Van den Eynde setzt auf Aktien wie Gilead, Amgen ("einer der billigsten Biotechs"), die dänische Genmab, die belgische Ablynx sowie die Small Caps Acorda Therapeutics und Dyax. Die Favoriten von Adamant-Fondsmanager Lach sind Celgene bei Blutkrebs, Gilead bei HIV und Hepatitis C, Biogen bei Multipler Sklerose sowie Onyx im Bereich Onkologie oder Biomarin bei seltenen Krankheiten.

Risiko breit streuen!

Anleger sollten sich freilich über das hohe Risiko bei Einzeltiteln bewusst sein. Floppt ein Medikament in der klinischen Phase, kann man viel Geld verlieren wegen des Kurseinbruchs. "Selbst in der letzten Phase der klinischen Entwicklung, der Phase III, beträgt das Fehlschlag-Risiko 50 bis 60 Prozent", weiß Portfoliomanager Lach. Durchbruch und Absturz liegen nah beieinander. Deshalb sollten Anleger ihr Biotech-Investment breit streuen - mit unterschiedlichen Aktien rentabler Firmen oder mit Fonds. Mehrere Fondsgesellschaften wie DWS, Julius Bär oder Union Investment haben Biotech-Fonds aufgelegt. Eine Alternative ist die Aktie von BB Biotech. Die Beteiligungsgesellschaft investiert in mehrere Biotech-Titel und -firmen - wie ein Biotech-Fonds in AG-Gestalt. Freilich kann es hier auch den einen oder anderen Aussetzer geben.

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