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Interview

Philipp Häßler, Analyst bei Equinet

Bankaktien im Blick

"Das Bankenumfeld ist eigentlich gar nicht so schlecht"

Stand: 20.01.2016, 16:53 Uhr

Europäische Bankaktien zu haben, war zuletzt kein Vergnügen. Was aber steckt hinter den kräftigen Verlusten der jüngsten Vergangenheit dieses sensiblen Sektors? boerse.ARD.de sprach mit Bankanalyst Philipp Häßler vom Analysehaus Equinet.

boerse.ARD.de: Viele Bankaktien aus Deutschland und dem übrigen Euroland notieren derzeit auf langjährigen Tiefständen. Was beunruhigt die Anleger derart, dass sie sich so massiv von ihren Papieren trennen?

Philipp Häßler: Das allgemeine Sentiment spielt natürlich eine große Rolle in einem schwierigen Gesamtmarktumfeld. Dabei ist das Umfeld für die Banken eigentlich gar nicht so schlecht, auch wenn die niedrigen Zinsen natürlich nicht hilfreich sind.

boerse.ARD.de: Was meinen Sie genau mit dem Umfeld der Banken?

Häßler: Ich meine das eigentliche operative Kerngeschäft, vor allem das Kreditgeschäft. Immerhin befinden wir uns in weiten Teilen Europas in einer guten konjunkturellen Lage, vor allem im Norden des Kontinents, so dass die Rückstellungen niedrig sind. Nehmen Sie zum Beispiel die Commerzbank. Die muss zwar ihr Schiffskreditportfolio aus der Vergangenheit noch abarbeiten, hat aber ansonsten sehr geringe Kreditausfälle. Vor allem im Privatkundenbereich läuft es gut. Auf der Unternehmensseite ist die Kreditnachfrage dafür verhalten. Das hat damit zu tun, dass die Investitionsneigung der Unternehmen derzeit gering ist und diese auch über gute Finanzpolster verfügen, so dass oftmals gar keine Kredite notwendig sind.

Eine anderer wichtiger Punkt ist allerdings, dass das Geschäft wegen des niedrigen Zinsniveaus nicht so profitabel ist. Die Zinsstrukturkurve ist dafür einfach nicht steil genug.

boerse.ARD.de: Was uns zum Wettbewerbsumfeld der Banken bringt. Immer mehr Quereinsteiger aus dem Technologie- und Infrastrukturbereich treten in den Markt ein und machen den Banken Konkurrenz. Müssen die sich wegen dieser Fintechs ernsthafte Sorgen machen?

Häßler: Die Fintechs konzentrieren sich auf bestimmte Teile der Wertschöpfungskette der Banken. Sie werden natürlich nicht alle Erfolg haben und sind derzeit auch noch meist klein. Von einer Existenzbedrohung kann keine Rede sein. Trotzdem müssen sich die Banken den neuen Herausforderungen stellen und investieren, etwa in neue Apps auf dem Smartphone oder der automatisierten "Robo-Beratung". Dadurch steigen zunächst mal die Kosten. Wird aber nichts getan besteht die Gefahr, Kunden zu verlieren. Eine andere Möglichkeit wäre natürlich, solche Firmen aufzukaufen.

boerse.ARD.de: Wie sieht es mit dem immer wieder im Blickpunkt stehenden Filialgeschäft aus?

Häßler: Das dürfte weiter rückläufig sein, ich erwarte weitere Schließungen. Das betrifft in Deutschland auch Sparkassen und Volksbanken, die immer mit der Nähe vor Ort geworben haben. Wegfallen wird es aber nicht, vor allem beratungsintensive Produkte wie etwa eine Baufinanzierung dürften auch weiterhin vor Ort angeboten werden. Der Trend geht eher dahin, dass ein immer größeres Angebot in größeren Städten vorgehalten wird. Auch hier beschreitet übrigens die Commerzbank einen eigenen Weg, im Gegensatz zu vielen anderen Anbietern.

boerse.ARD.de: Banken beschweren sich oft über eine zu restriktive Regulierung. Wird nach dem Trauma 2009/2010 aktuell überreguliert?

Häßler: Der Gegenwind durch die Regulierer wird bleiben, er führt zu hohen Kosten, etwa durch die Implementierung und den Ausbau der Compliance in den Häusern. In Richtung Basel IV erwarte ich insbesondere mehr eine Adjustierung von Risikogewichten. Es dürfte aber zumindest nicht schlimmer werden.

boerse.ARD.de: Was sind Ihre Empfehlungen für die von Ihnen betreuten börsennotierten deutschen Banken?

Häßler: Für die Deutsche Bank habe ich eine Halteempfehlung. Das laufende Jahr wird ein Übergangsjahr werden, es dürfte wohl bis 2017 dauern, ehe es besser wird. Zudem bleiben auch weiterhin die Rechtsrisiken ein Thema, so viele Jahre nach dem Ende der Finanzkrise. Die US-Banken haben da übrigens härter durchgegriffen und bewegen sich zudem auch schon länger in einer besseren Konjunktur. Deshalb verdienen sie ja auch deutlich mehr. Wegen der noch immer nicht zu prognostizierenden Rechtsrisiken ist bei der Deutschen Bank auch eine Kapitalerhöhung noch nicht vom Tisch.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
16,28
Differenz absolut
0,10
Differenz relativ
+0,59%
Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
7,79
Differenz absolut
-0,04
Differenz relativ
-0,47%

Commerzbank empfehle ich zum Kauf. Die Aktie ist attraktiv bewertet, es gibt deutliche Fortschritte in der Bad Bank und die Restrukturierung ist größtenteils abgeschlossen. Zudem gibt es auch wieder eine Dividende. Der anstehende Managementwechsel könnte ebenfalls die Fantasie der Märkte beflügeln. Die neue Spitze muss sich insbesondere darum kümmern, dass die Bank profitabler wird. Die aktuelle Eigenkapitalrendite von vier bis fünf Prozent ist zu wenig.

Auch die beiden Bankaktien aus der zweiten Reihe des deutschen Kurszettels, Aareal und Deutsche Pfandbriefbank, sind für mich ein Kauf. Mittlerweile beträgt die Dividendenrendite bei der Aareal schon sechs Prozent. Zwar waren die letzten Unternehmensäußerungen relativ vorsichtig gehalten, auch die Marge im Neugeschäft ist nicht mehr so hoch. Aber all das rechtfertigt nicht den jüngsten Kursverlust in diesem Ausmaß. Deutsche Pfandbrief ist ein sehr konservatives Haus mit einer Core-Tier 1-Ratio von 16 Prozent und einer Bewertung von 0,5 mal Buchwert. Die Dividendenrendite liegt bei fünf Prozent, zudem ist man nur in Europa mit Schwerpunkt in Deutschland tätig.

Das Gespräch führte Robert Minde.

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