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Börsenpsychologie

Stockpulse-Gründer im Interview

"Wir fühlen den Puls der Börse in Echtzeit"

Die Analyse von Stimmungen wird bei Anlageentscheidungen bald so selbstverständlich sein wie die Chart- oder Fundamentalanalyse, meint Jonas Krauß. Der Mitbegründer von Stockpulse liefert Investoren ein Stimmungsbild, das aus Tweets, Blogs und Facebook-Einträgen zusammengesetzt wird.

Porträt Jonas Krauß

Stockpulse-Gründer Jonas Krauß

boerse.ard.de: Herr Krauß, StockpulseStockPulse wertet das „soziale Netz“ nach Meinungsäußerungen zum Finanzmarkt aus und bildet die Stimmungslage der Anleger ab. Welche Quellen nutzen Sie?

Jonas Krauß: Der Großteil der Nachrichten, die wir auswerten, kommt aus sozialen Netzwerken. Twitter ist eine wichtige Quelle für uns. Aber auch andere öffentlich zugängliche Kanäle nutzen  wir, um ein „Sentiment“ der Anleger herauszufiltern. Zum Beispiel Facebook, Yahoo! Finance oder auch Äußerungen auf Finanzplattformen und Börsenboards. Zusätzlich filtern wir auch „gewöhnliche“ Nachrichten, also Agenturmeldungen zu Unternehmen oder auch zu bestimmten Anlageprodukten.

boerse.ard.de: Auf welche Anlageformen oder Basiswerte werden die  Meinungsäußerungen herunter gebrochen?

Krauß: Angefangen haben wir damit, die gewonnenen Informationen für einzelne Aktien auszuwerten. Inzwischen können wir aber auch ein Sentiment für verschiedene Aktienindizes, Rohstoffe und Währungspaare anbieten.

boerse.ard.de: Wie werden die Tweets und Postings aus der Internet-Gemeinde in der Praxis gewonnen und ausgewertet?

Krauß: Generell werden die Quellen in Form einer automatisierten Sprachanalyse ausgewertet. Das System kann erkennen, ob eine positive oder negative Tendenz zu einem Unternehmen oder einer bestimmten Anlageform darin enthalten ist. Die Informationen werden anschließend gewichtet, nicht jede Äußerung hat die gleiche Bedeutung. Dazu haben wir einen „Reputations-Score“ entwickelt. Er unterscheidet etwa nach der Anzahl der „Follower“ bei einem  Facebook- oder Twitterkonto, seiner Position im Social Web oder auch nach der Länge eines „Track Records“. Er berücksichtigt also, wie lange jemand bereits in der Community vertreten ist.  Der Reputations-Score entfernt übrigens auch Spam mit hoher Treffsicherheit aus den Nachrichten.

boerse.ard.de: Für Anleger dürfte die Frage entscheidend sein, ob das Sentiment, das Sie erheben, einen Vorteil beim Traden oder Investieren darstellt…

Krauß: Davon sind wir überzeugt. Es gibt eine Vielzahl von Beispielen dafür, dass das Anschwellen der Nachrichtenflut im Social Web und die Stimmungen die dabei transportiert werden, den Bewegungen einzelner Aktien vorausgehen. Ein bekanntes ist der – misslungene - Börsengang von Facebook selbst. Hier hat sich eine schlechte Stimmung in der Internet-Gemeinde schon lange zuvor verbreitet.

boerse.ard.de: Gibt es Daten über die Trefferquoten bei den Empfehlungen, die sie ermitteln?

Krauß: Die fallen natürlich sehr unterschiedlich aus. In der Regel liegen diese Trefferquoten bei Einzelwerten aber zwischen 60 und 80 Prozent, in einer kürzlich veröffentlichten wissenschaftlichen Studie zum S&P500 kamen wir auf 72 Prozent. Bei kleineren Titeln erreichen wir zum Teil noch höhere Quoten.

boerse.ard.de: Wie muss ich als Anleger vorgehen, um mir diese Quoten zunutze zu machen?

Krauß: Bei der Berechnung der Trefferquoten unterstellen wir, dass schlicht zur Handelseröffnung eine Aktie gekauft und zum Handelsschluss wieder verkauft wird, die Empfehlung bekommt der Anleger jeweils vor Handelsstart. Als Treffer ist dabei ein Gewinn von mindestens 0,5 Prozent definiert. Wie der Investor unsere Daten letztlich für sich nutzt, ist dabei natürlich ihm überlassen. Es sind sicherlich viele Handelssysteme vorstellbar, die die Stimmungslage für Entscheidungen nutzen.

boerse.ard.de: Sie selbst bieten aber noch keine Form der Investition an, etwa in eine Art „StockpulseStockPulse“-Index?

Krauß: Nein, wir sehen uns in erster Linie als  Anbieter von Informationen. Allerdings planen wir in nächster, Zeit mehrere Musterdepots zu eröffnen, um einen eigenen öffentlich sichtbaren Track Record zu erstellen. Auf Social-Trading-Plattformen wie Ayondo oder Wikifolio wäre so etwas gut darstellbar.

boerse.ard.de: Ayondo gehört, wie Sie selbst zum Beteiligungs-Portfolio der Next Generation Finance Invest aus der Schweiz. Bieten sich da Kooperationsmöglichkeiten an?

Krauß: Sicherlich. Wir sind bereits mit unseren Daten beim Broker von Ayondo, Ayondomarkets, vertreten. Aber auch Kunden des Finanzportals Onvista können bereits Analysen mithilfe unserer Erhebungen durchführen. Wir hoffen,  noch weitere Kunden dieser Art zu erreichen.

boerse.ard.de: Sie haben sich das Langfrist-Ziel gesetzt, bis 2014 profitabel zu arbeiten. Ist der Markt für die Vermarktung der Sentiments groß genug dafür?

Krauß: Aus unserer Sicht wird in der Zukunft die Sentiment-Analyse ein unverzichtbarer Bestandteil bei der Beurteilung von Finanzinvestments sein - neben der Fundamental- und der Chartanalyse.

Das Gespräch führte Andreas Braun

Stand: 14.06.2013, 16:04 Uhr

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